Zeitung Heute : Sechsteilige Reihe im ersten Programm läuft heute an

Robert Bongen

Ein Wachposten im Dickicht, den Finger am Gewehrabzug. Plötzlich der Schatten einer Gestalt im Visier. "Halt, Grenzposten, Hände hoch!" die kurze Warnung, doch der "Grenzverletzer geht aufs Ganze." Schüsse fallen. "Die konsequente Anwendung der Schusswaffe verhindert in diesem Fall den Grenzdurchbruch", lautet der lapidare Kommentar zum Gezeigten.

Eine Szene aus einem Propaganda-Film über die Ausbildung von DDR-Grenzern. Bilder, die hundertfach zu bitterer Realität geworden sind. Und Bilder, die bisher noch nicht im deutschen Fernsehen gezeigt worden sind. Sie stehen am Anfang einer sechsteiligen Reihe, mit der das Erste ab heute jeden Mittwoch um 21 Uhr 45 die Geschichte der Mauer dokumentiert.

Es ist die bisher umfassendste Darstellung des Bauwerks, das als Symbol schlechthin für die Teilung Europas und vor fast genau zehn Jahren selbst Geschichte geworden ist. Begonnen hatte alles am frühen Morgen des 13. August 1961. Am Brandenburger Tor gehen bewaffnete Einheiten in Stellung, ihre Gewehrläufe gen Westen gerichtet. DDR-Bauarbeiter errichten entlang der Sektorengrenze Stacheldrahtbarrikaden - die bis dahin streng geheimgehaltene Operation "Chinesische Mauer II" ist angelaufen. Die Westalliierten halten sich zurück, für die Bevölkerung ist die Abriegelung ein Schock. Winkende und weinende Menschen hüben wie drüben.

Beton und Stacheldraht, 46 Kilometer lang, quer durch Berlin, damit das Volk nicht davonläuft. Die Aussagen der hochkarätigen Zeitzeugen machen in der heutigen ersten Folge "Beton und Stacheldraht" deutlich, dass sowohl die Westalliierten als auch die Regierung in Bonn dem überraschenden Schritt zur Abriegelung der DDR hilflos gegenüberstanden. Niemand habe den Bau der Mauer quer durch Berlin "für praktisch und technisch möglich gehalten", sagt etwa Henry Kissinger, US-Außenminister unter Richard Nixon. Verwunderung auch auf der anderen Seite. Der Schriftsteller Stefan Heym: "Ich sagte mir: Um Gottes Willen, da ist doch etwas sehr schief gelaufen. Eigentlich ist doch der Sozialismus die bessere Weltordnung, also musste doch dementsprechend der Kapitalismus die Mauer bauen, damit ihm die Menschen nicht weglaufen." Geflohen wurde weiterhin, von Ost nach West. Mindestens 417 Menschen kamen an der innerdeutschen Grenze ums Leben. Der Grenzverletzer Chris Gueffroy war 1989 der letzte Mauertote.

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