Zeitung Heute : Sechzig Toast Hawaii

Sie lenkt den Bus des 1. FC Bayern München. Sie kocht, sie backt, sie lädt Gepäck aus und ein. Sandra König ist die Richtige für diesen Job: Fußball ist ihr wurscht.

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Kommen Sie halt rein“, ruft Sandra König aus dem Fahrerfenster, als sei das Betreten des Bayern-Busses alltäglich. Mit dezentem Zischen öffnet sich die Tür ins Reich der Mannschaft, tief in den Katakomben unter dem Stadion Köln-Müngersdorf. „Setzen Sie sich doch, bitteschön.“ König empfiehlt dem Reporter den feinen Ledersitz erste Reihe rechts. „Ja, da sitzt sonst der Uli Hoeneß.“

Sandra König, 37, ist seit 16 Jahren Busfahrerin des FC Bayern München. Beneidenswert, einmalig, ein Traumjob. Und was sagt sie?

„Fußball interessiert mich gar nicht. Ich kenn mich gar nicht aus. Schon von klein auf hab ich Fußball gehasst, weil das zu Hause immer im Fernsehen lief.“ Und diese Frau kutschiert das Edelgebein des deutschen Fußballs durch die Welt.

Sandra König hat diesen lebensfreudigen Münchner Dialekt gepaart mit trockenem bayerischem Humor, immer herzlich höflich, manchmal frech. Anfangs sei etwa „der Trainer Heynckes gar nicht begeistert gewesen“. Was, habe der gesagt, „soll so eine 21-Jährige da, quasi im besten Alter für die Jungs?“ König grinst amüsiert. „So Sachen kommen halt vor.“ Damals hatte die gelernte Friseurin gerade auf Transportwesen umgeschult. Zwölf Jahre war sie als Co-Fahrerin mit ihrem Vater unterwegs, dem langjährigen Bayern-Chauffeur Rudi Egerer. Nach dem Tod des Vaters vor gut drei Jahren ist sie „die verantwortliche Chefin“.

Auch neue Spieler gucken „manchmal ziemlich dumm, wenn sie hier drinnen eine Frau sehen“. Aber Männer sind lernfähig: „Nach zehn Minuten sehen die schon, die kann ja geradeaus fahren und sogar rückwärts einparken.“ Auch Heynckes, versichert Sandra König, schaffte die Gewöhnung schnell.

Weit über uns fliegt Kahn, schießt Makaay mal wieder vorbei. Das Stadion brummt, aber der Satelliten-Fernseher im Bus bleibt aus, wie fast immer. „Hier muss die Arbeit gemacht werden, Gepäck ausladen, einladen, aufräumen, kochen, backen.“ Da könne sie es auch bei den Helfern und Co-Fahrern (alle männlich) „überhaupt nicht brauchen, wenn die zwischendurch Fußball gucken“, womöglich gebe es „für die im ganzen Jahr kein einziges Spiel zu sehen“.

Hinten im edlen Gefährt ist eine komplette Küche auf kleinstem Raum eingebaut. König holt frisch gebackene Brote aus dem Ofen. Fußballer haben nach großem Kampf großen Hunger. Es gibt zudem viele Sonderwünsche: „Der eine will gleich nachher sein Joghurt oder seinen Kuchen, der andere Milch.“ Manchmal macht König auch schnell 60 Toast Hawaii. Das muss reichen bis zum Hotel.

Die meiste Zeit ist sie ohne Spieler unterwegs. König ist immer schon vor Ort, wenn das Team eingeflogen kommt, es ist wie im Märchen „Hase und Igel“. Der Bus als rollende Heimat für den Pendelverkehr zwischen Flughafen, Hotel und Stadion. Neulich, zu einem Pokalspiel in Aue, gab es keine Flugmöglichkeit. „Und wenn du mit denen Spielern vier Stunden im Bus hockst, mei, wer da nicht alles Kreuzweh hat nachher!“ Sie grinst wieder: „Fußballer sind wirklich sehr sensibel.“

König erzählt von Fahrten nach Tirana, Moskau und Trondheim. „Manchmal sind wir fast eine Woche unterwegs. Madrid, London, Mailand, das kennen wir alles schon. Ich mag die weiten, neuen Reisen, das ist aufregend.“ Deshalb seien die Auslosungen das Spannendste am Fußball. Da sitzt König mit dem Terminkalender vor der Glotze und rechnet gleich mit, „wann geht’s los, wo müssen wir lang“.

In den 70er Jahren haben die Bayern einmal deutsch-deutsche Verstimmungen ausgelöst, als man zu einem Europapokalspiel bei Dynamo Dresden Verpflegung und Koch mitnahm. Heute ist Dynamo überall: „Bei Champions-League-Spielen haben wir immer eigene Köche dabei.“ Niveaugerecht übrigens: Die Herren sind von Schuhbeck, dem Münchner Sternekoch. Beim FC Bayern sei eben alles „sehr professionell, da muss alles stimmen. Alles kostet, was es kostet.“

Ihre Freunde seien „alle furchtbare Fußballfans, die beneiden mich schon“, sagt König. Aber es gebe keine indiskreten, intimen Fragen. Ohnehin gilt die Bus-Omertá: „Details gehen nie nach außen.“ Nur so viel: „Der Uli Hoeneß ist der beste Mann beim FC Bayern.“ Der sei gar nicht so grantig, wie er oft scheine: „Der hat einen ganz einen weichen Kern.“

Fußball ist ihr wurscht, dennoch sei gewinnen wichtig, „für die Jungs, für die Stimmung nachher. Wir unterhalten uns nur über private Dinge, über Familie, die Kinder. Das finden die Spieler angenehm, wenn mal jemand nichts übers Spiel wissen will.“

Von draußen fragt ein Ordner, hüstel, ob nicht, also … Sie gibt ihm einen Stapel Autogrammkarten der Mannschaft. Ja, manchmal kriege auch sie Fanpost. Sicher hat der FC Bayern Autogrammkarten für seine Busfahrerin? „Nein, des wär mir zu blöd.“

Die Weltmeisterschaft kommt Sandra König sehr gelegen: „Da sind viele Spieler von uns dabei.“ Also: „Lohnt kein Training.“ Folge: „Ich hab dann ein paar Wochen frei.“ Das alles heißt: „Ich kann mich schön viel um meine Pferde kümmern.“ Endlich mal kein Fußball.

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