Zeitung Heute : Seele im Unheil

Dutzende von Ärzten haben es versucht und sind gescheitert. Sie sagen: Frank Schmökel ist nicht heilbar. Nur einer hat „das Monster“ nicht abgeschrieben. Therapeut Michael Brand glaubt, er habe das Innerste des Sexualverbrechers erkannt.

Katja Füchsel

Links oben auf den Brief hat Frank Schmökel ein Bildchen geklebt. Mit lilafarbenen und weißen Blumen. In gleichmäßigen Schwüngen zieht sich die Schrift über das Papier. Für seinen Lieblingstherapeuten Michael Brand ist es ein besonderer Brief. Nicht der Inhalt, der ist banal, sondern die Anrede macht ihn so besonders: Hallo, lieber Doc! steht da. „Nach sieben Jahren hat sich vor dem Prozess die Anrede geändert“, sagt Brand. Er klingt belustigt und ein bisschen stolz. Die anderen Ärzte nennt Schmökel die „Sogenannten“, nur Brand ist „Doc“, jetzt eben auch noch „lieb“.

Im Gerichtssaal hat Schmökel seinen Ex-Therapeuten keines Blickes gewürdigt. Brand wartete noch mit Mantel und Hut im Flur des Neuruppiner Landgerichts, als Schmökel, der einst meistgesuchte Verbrecher Deutschlands, den sie eingefangen haben wie ein wildes Tier, gefesselt vorgeführt wurde. Der unverbesserliche Vergewaltiger, Kinderschänder und mutmaßliche Mörder. Als Brand als Zeuge aussagt, schaut Schmökel stundenlang stur vor sich hin.

Nichts weist auf eine innige Bindung hin, dennoch: Brand ist gekommen, um gegen das Bild des Monsters anzugehen, ihn führt an diesem Tag eine Mission in den Gerichtssaal: „Ich will Schmökel ausdrücklich von dem Vorwurf freisprechen, weder therapiewillig noch therapiefähig zu sein“, sagt er – und macht sich damit zu einem Außenseiter seiner Zunft. Genau um diese Frage geht es im Prozess: Kann und muss einem Menschen wie Schmökel, einem Sexualverbrecher, geholfen werden? In einer Zeit, in der selbst Bundeskanzler Schröder anlässlich von Sexualverbrechen gefordert hat: „Lasst sie nie wieder frei!“

Psychotherapeut Michael Brand, 58, ist ein höflicher Mensch, hoch gewachsen, mit graumeliertem Haar und Lachfalten um die Augen. In seinem Wohnzimmer in Berlin- Prenzlauer Berg setzt er sich am liebsten in sein tiefes blaues Sofa, um mit den Besuchern, die meisten Menschen sind kleiner als er, auf gleiche Augenhöhe zu kommen. Auf dem Tisch vor ihm liegen die gesammelten Werke. Sie werden nie gedruckt erscheinen, trotzdem hat Brand aufs Deckblatt geschrieben: „Frank Schmökel. Briefe aus der Haft 1995-2000. Herausgegeben und erläutert von Michael Brand.“

Brand ist wahrscheinlich der einzige Arzt, der überhaupt je einen Zugang zu Schmökel hatte. Er kam 1995 als Psychotherapeut in den Maßregelvollzug Brandenburg, in den Gruppensitzungen fiel ihm Schmökel bald als „der Wortgewandteste von allen“ auf. Brand sagt, dass der 1-Meter-92-Hüne seit langem nach jemandem suchte, „der ihm sagt, wo’s langgeht“. Der nur auf ein Stichwort wartete, um einem sein Herz auszuschütten. „Diese Vater-Rolle habe ich bis heute“, sagt Brand und setzt statt einem Punkt wieder ein Lächeln hinter den Satz.

Brand ist bekannt dafür, die Kriminellen nicht als Täter, sondern als Menschen zu sehen. Er ist einer, der davon ausgeht, dass es sich mit der Gefahr erledigt hat, ist die Psyche erst repariert. Der westdeutsche Psychotherapeut hat den Maßregelvollzug in den neuen Ländern immer wieder kritisiert: Da, wo psychisch kranke Kriminelle untergebracht sind, finde keine Therapie statt, der Vollzug bestehe nur aus „Medikamentisierung und Aufbewahrung“. Er wollte Schmökel tiefenpsychologisch aus der Krise führen. „Nach drei Jahren wären wir aus dem Gröbsten raus gewesen.“ Ihm blieben nur vier Monate, dann kündigte ihm die Klinikleitung wegen „unüberbrückbarer fachlicher Differenzen“. Brand hat Schmökel danach weiter besucht, alle zwei Monate, ihm geschrieben, mit ihm telefoniert. „Wo arbeiten Sie zur Zeit?“, fragt die Richterin. „Gar nicht“, sagt Brand.

Am ersten Prozesstag hat Schmökel noch versucht, sich hinter Kapuze, Bart und Sonnenbrille zu verstecken, jetzt folgt er dem Geschehen glattrasiert. Seit 1987 beschäftigt er die Justiz mit Sexualdelikten, den Maßregelvollzug seit 1993. Die Maßregel ist der Versuch, die psychisch kranken Kriminellen in der Klinik zu heilen und damit die Menschen draußen vor ihnen zu schützen. In Schmökels Fall ist beides auf fatale Weise misslungen. Immer wieder kam er raus, und während seine Fantasien in Briefen und Tagebucheinträgen immer aggressiver wurden, lernte er, die Therapeuten zu täuschen. Brand: „In den letzten Jahren ist es mit ihm stetig schlimmer geworden.“ Zumindest in diesem Punkt wird kaum ein Kollege widersprechen.

Versammelt würden die Ärzte, die sich an Schmökel versucht haben, einen halben Hörsaal füllen. Der Psychiater Matthias Lammel hat ihn 1997 begutachtet. Lammel glaubt, dass Schmökel nicht zu heilen ist. Trotzdem hat er oft kritisiert, dass es nicht einmal versucht wurde. Am 25. Oktober 2000 gibt es für Schmökel mal wieder Ausgang, der Patient darf seine kranke Mutter besuchen, weil er sich „normal verhalte“, weil er „unauffällig und angepasst“ gewesen sei, befinden die Ärzte. Ein tödlicher Fehler. Schmökel wird am Kaffeetisch erst mit einem Küchenmesser auf seine Mutter und Pfleger losgehen und später auf der Flucht den Rentner Johannes Berger mit einem Spaten erschlagen. Als Brand zuvor von dem geplanten Ausflug erfuhr, versuchte er noch, Schmökel die Fahrt „eindringlich auszureden“, weil der unter einer „brisanten, nach wie vor ungelösten Mutter-Beziehung“ leide. Die Ärzte und Pfleger der Klinik Neuruppin, wo er sich öfter beschwert hatte, weil Schmökel „völlig unnötig schikaniert“ werde, warnte er nicht. „Ich wurde da doch wie eine Unperson behandelt“, verteidigt sich Brand vor der Richterin. In der Aufregung werden seine Bewegungen fahrig, er sucht hier auch Gerechtigkeit in eigener Sache. Für seine Meinung, gegen seine Kündigung.

Daheim auf dem Sofa, zwischen antiken Möbeln und Fotos, wirkt Brand gelassener. Und verweist immer wieder auf Schmökels Briefe, die bewiesen, dass er Recht hat. Immer Recht hatte. Damals, als er in Schmökels Kindheit zu forschen begann und Schmökel entdeckte, dass ihn gar nicht so sehr der Sex mit Kindern reizt, sondern viel mehr die Macht und Gewalt über sie. „Ihnen Angst einzujagen, reicht mir aber nicht aus. Tränen will ich sehen und Schreie hören. Kleinen Mädchen den Po rot und blau schlagen oder mit dem Handfeger verprügeln“, steht in einem Brief.

So wie es seine Mutter mit ihm als Kind immer wieder getan hat. Brand führt das nicht als Entschuldigung, sondern als Erklärung an für das, was passiert ist. Die emotionale Kälte im Elternhaus, die Schläge, die sexuellen Misshandlungen seiner Mutter. „Daher stammt Schmökels Ekel vor allen verblühten Frauen“, sagt Brand. Die sexuellen Verirrungen begannen bei Schmökel, dem unfreiwilligen Eigenbrötler, schon früh. An Frauen traut er sich nicht heran, er vergeht sich stattdessen an Kühen, Schweinen, sogar Federvieh. Als er 18 Jahre alt ist, schleicht sich der Rinderzüchter in das Kadaverhaus der LPG und macht sich über die drei bis vier Tage alten stinkenden Tierleichen her. Auch nachdem er mit einem gleichaltrigen Mädchen geschlafen hat, empfindet er Ekel.

1987 versucht er das erste Mal eine junge Frau zu vergewaltigen, dann wieder und wieder. 1994 flieht er aus der Landesklinik Brandenburg, lauert im mecklenburgischen Quitzerow einer Zwölfjährigen auf und vergewaltigt sie. Dafür verurteilt ihn das Landgericht Neubrandenburg zu 14 Jahren Haft und Unterbringung in der Psychiatrie. Schmökel hat in seinen Briefen oft über das Mädchen geschrieben: „Manchmal in meinen Träumen begegne ich ihr zur heutigen Zeit, aber noch viel öfter als Frau, und ich gewinne ihre Liebe, ohne dass sie weiß, wer ich wirklich bin. Ja, ich liebe sie, und es tut verdammt weh, nichts von ihr zu wissen.“

1999 schreibt er dem Mädchen unter fremdem Namen einen Brief. Fragt sie, wie sie heute über den Täter urteilen würde. Die 16-Jährige antwortet ahnungslos und schickt sogar ein Foto, um das er gebeten hatte. Andere Briefbekanntschaften findet Schmökel – so schreibt er es Brand – über eine Annonce in „Die christliche Familie“: „In meiner Angst vor Frauen habe ich schlimme Straftaten begangen, die mir heute sehr Leid tun. Suche aus diesem Grund Frau passenden Alters, die wie ich christlichen Glaubens ist und auch an das Gute im Menschen glaubt. Mein Ziel – eine christliche Familie.“ Zurzeit pflegt Schmökel Kontakt zu etwa 20 Brieffreundinnen, „zwischen 13 und 72 Jahre alt“, wie es im Prozess heißt.

Am Montag hat er sein Schweigen vor Gericht gebrochen, nur den Vorsatz zur Flucht bestritten. „Ich habe plötzlich rotgesehen.“ Demnach musste der Rentner Berger nicht sterben, weil es Schmökel auf dessen Auto abgesehen hatte, sondern weil er den schlafenden Mann mit dessen Enkelin verwechselte. „Ich wollte das Mädchen schlagen, bis es wimmert und mich anfleht, und es dann missbrauchen.“ Beim Anblick Bergers sei er in Panik geraten, habe deshalb mit einem Spaten zugeschlagen. Noch am selben Abend klingelte bei Brand das Telefon: „Rufen Sie die Polizei“, bat Schmökel, „er ist vielleicht noch am Leben.“

Die Gutachter, die Schmökel nach seiner Festnahme untersuchten, glauben nicht, dass er im Affekt handelte. Sie sagen, dass Schmökel nur auf eine Gelegenheit wartete. Dass er nicht heilbar ist. Dass er sich als ein Opfer des Systems betrachtet, ohne Mitleid für seine Opfer. Und dass der psychisch kranke Triebtäter deshalb ins Gefängnis gebracht werden soll. Nur einer ist noch da, der „das Monster“ nicht abgeschrieben hat: Doktor Michael Brand. „Ich stehe für eine Therapie weiterhin zur Verfügung“, sagt er im Gerichtssaal. Am Ende der Befragung kommt einer der Gutachter an die Reihe. „Könnte es nicht sein, dass auch Sie Schmökels manipulativem Charme erlegen sind?“, fragt er lächelnd. Brand schüttelt den Kopf. Aber vermutlich war die Frage sowieso nur rhetorisch gemeint.

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