Zeitung Heute : Seelen essen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Kürzlich war ich in der Kirche am Südstern. Draußen toste der Verkehr, drinnen feierten zahlreiche Schwarze Gottesdienst. Eine Soul-Band spielte auf, und ein Priester rief nach jedem Satz „Amen!“. Die Gläubigen antwortete mit „Amen!!!“ Die Predigt wurde übersetzt. Einmal sagte der Prediger: „Jesus is supreme!“ Die Dolmetscherin sagte: „Jesus ist frei!“ Alle riefen „Amen!!!“ Auch einige Ur-Berliner tummelten sich in den hinteren Reihen und hoben immer wieder ihre Hände zum Himmel. Soll einer sagen, die Menschen hier interessieren sich nicht für Religion.

Spirituelles kann eben richtig Spaß machen. „Eine Seele mit Schinken, bitte“, bestellte neulich jemand im „Station Park“, einer schwäbischen Cafeteria im Görlitzer Park. Erst war ich verwirrt. Als Kind habe ich mir Seelen als weiße Rauchwolken vorgestellt, die zum lieben Gott hinauf schweben. Aber Seelen sind offensichtlich längliche Brötchen mit Körnern drauf, zumindest bei den Schwaben.

Ich finde, man sollte sich über die Schwaben nicht lustig machen. Schon weil es in Kreuzberg so viele gibt. Die „Folkskammer“ an der Wiener Straße wird auch von dieser Volksgruppe geleitet: Ein Schnellrestaurant in dem leckere „Schbätzle“ serviert werden. Eigentlich ein Abklatsch der „Schbätzli“ aus meiner alten Basler Heimat, aber sei’s drum.

Die Mutter meines Kindergartenfreunds Dani machte besonders dicke Schbätzli. Sie sagte „Spatzen“ dazu. Damals sprach noch niemand von der Vogelgrippe. Aber die Ansteckungsgefahr soll ja gering sein: In Basel haben wir Luftschutzbunker gegen die Bedrohung, und die Schwaben setzen ihren Dialekt zur Abschreckung ein.

Auch in Berlin wird für die Sicherheit viel getan: In der Folkskammer kriegt man jetzt beispielsweise keine Apfelsaftschorle mehr. Nur noch bunte Limonaden aus der Flasche, die nach Weltuntergang schmecken. Weil es keine Toiletten gibt, sind nur mehr Flaschengetränke erlaubt, sagt der Wirt zwar. Aber insgeheim steckt doch wohl die Vogelgrippe dahinter, oder?! Was für ein Glück, dass zumindest Jesus jetzt frei ist! Darauf eine Seele mit Schinken.

Täglich frische Seelen gibt es im Restaurant Station Park, Görlitzer Straße 1/2, (Parkeingang: Skalitzer Straße), Telefon 61201172.

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