Zeitung Heute : Seemannsgarn spinnen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es gibt viele Sachen, vor denen man Angst haben kann: Dass man beim Abbiegen im Auto einen Radfahrer übersieht, dass die teuren Schuhe, die man heute kauft, morgen drücken oder dass man bei einem gesetzten Essen zwischen stummen Tischnachbarn landet, und sich am Ende am Glas festhalten muss.

Unlängst kam ich bei einer solchen Gelegenheit neben einem Herrn mit Platte und Plauze zu sitzen, mit dem sich schnell ein Gespräch entspann, denn er fuhr zur See und mein Opa war Kapitän. Wir prosteten uns zu und es gelang dem Herrn Zweifel an seinem Beruf zu zerstreuen, die sein österreichischer Akzent heraufbeschworen hatte. Ja, er sei zwar aus Graz, aber schon in jungen Jahren habe er das Land verlassen und sei über eine Heuerstelle in Hamburg direkt auf den Ozean gekommen.

Als zum Essen luftige Omeletts serviert wurden, erzählte mein Tischnachbar davon, wie man auf See Eier braten würde: Gleich eine ganz Hand voll würde man mitten auf den Herd knallen, Pfannen, ach wo. Und bei Sturm, da würden einfach Nägel durch den Boden des Topfes geschlagen und dann hält der auf dem Herd. Das kam mir albern vor, aber meine Einwände blieben unerhört. Längst war unser Gespräch zu seinem Monolog geworden. Von fernen Orten sprach er, von seiner ersten Ananas, die er auf Ceylon gegessen habe, von den Warnung des Kapitäns, bevor die Mannschaft in Singapur an Land ging: Ja nichts essen sollen sie da, sonst bekämen sie Cholera oder Gelbfieber, davon, dass die Reise per Schiff nach Australien ungefähr 17 Tage dauere, sie führt durchs Mittelmeer und den Suez-Kanal. Der Koch, so lernte ich, ist der eigentliche Chef an Bord. Wenn der Koch sagt, Kapitän, wir brauchen was zu essen, dann muss der Kapitän an Land fahren, sagte mein Tischnachbar, und als ich rief, das sei doch alles Seemannsgarn, da sagte er auf österreichisch: „Naa.“ Ich sagte, dass mein Opa am Ende seiner Laufbahn Lotse auf der Elbe war, da fing er an zu singen: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, aber weiter kam er auch nicht. Ein Glück.

Bis der Nachtisch kam, war er bei den Häfen angekommen, in denen es nichts zu essen gab. Irgendwo in Afrika, ich habe die Namen der Städte nie zuvor gehört und auch hinterher nicht auf der Weltkarte gefunden, aber das mag an seiner Aussprache gelegen haben, die mit jedem Bier etwas undeutlicher wurde. Dessen gewahr, klärte er mich auf über den Irrtum von trinkfesten Seeleuten. Weil die doch die ganze Reise über nichts zu saufen bekämen, fielen sie an Land nach drei Bier um. So sei das in Wirklichkeit. Bei Küstenfahrten vor Skandinavien übrigens seien die Einheimischen immer zum Einkaufen an Bord gekommen, weil da alles billiger war, als in ihren eigenen Läden. Irgendwann stand mein Tischnachbar auf, die Natur ruft, sagte er, und dann kam er nicht wieder. Mir rauschte der Kopf. Und meine Angstliste erweiterte ich um den Punkt: Angst bei gesetzten Essen neben Tischnachbarn zu landen, die einen besoffen reden.

Zu später Stunde kann man sich in vielen Kneipen besoffen quatschen lassen. Es empfiehlt sich der Platz am Tresen. Wer’s maritim mag, kann es ja mal in der Ankerklause (Kottbusser Brücke) versuchen.

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