Seerosen : „Blümchen“ auf Tauchstation

Christian Meyer züchtet auf seiner Seerosenfarm märchenhafte Gewächse. Was Christian Meyer nicht direkt vom Hof verkauft, geht an den Blumengroßmarkt in Berlin.

Inge Ahrens
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Seerosen gibt es auch als "Luxusmodelle" für 80 Euro das Stück. -Foto: dpa

Christian Meyer steht knietief im Feengras. Nur noch zwei Zentimeter seiner goldenen Gummistiefel lugen aus dem moosigen Grün, das wie ein dichter Teppich auf der Wasseroberfläche schwimmt. Im von der Sonne aufgeheizten tropisch feuchten Treibhaus bückt sich der junge Gärtner nach den porzellanrosafarbenen Seerosen, die voll entfaltet ihren goldgelben Stempel inmitten ihrer pudrigen Staubgefäße präsentieren. Christian Meyer ist der Hüter zahlloser verführerischer Seerosen im schönen Brandenburg, einer von sehr wenigen Züchtern dieser delikaten Gewächse. Seine Blüten schmücken die prominentesten Tafeln in Berlin. Wer sich ihnen zuneigt, betritt das Land der Götter.

Nymphaea alba, die bei uns weit verbreitete weiße Seerose, wird gern als unsere heimische Lotusblume bezeichnet. Ein Märchengewächs, ganz und gar: weiblich, mächtig, sinnlich. Wo enden bloß diese Wurzeln?, denkt man. Werden wir nicht doch hinabgezogen, wenn wir heimlich eine Blüte rauben? In der Welt der Sagen jedenfalls sind bei Vollmond gesammelte Seerosenblüten das perfekte Liebesgeschenk, das bald seinen Zauber entfaltet. Wer möchte da nicht zugreifen? Sogar manch mittelalterlicher Klosterbruder soll die Seerosen hinter seinen hohen Mauern gezüchtet und ihr verheißungsvolles Wurzelklein und Blütenstaub ins Nachtmahl gestreut haben.

Christian Meyer, der jungenhafte Blonde studierte erst Betriebswirtschaft. „Heute arbeite ich als Event-Florist“, freut sich der sympathische 27-Jährige, der schon mit Sechzehn in Liebe zu den Seerosen verfiel. „Blümchen“ nennen ihn darum manche seiner Freunde liebevoll. Seine zwanzig Seerosenteiche in Oma Elfis Garten sind nicht gerade das, was man im puderfeinen Sand Brandenburgs vermutet. Wo einst Kartoffeln reiften und Roggen spross, spiegelt sich jetzt der weißblaue Spätsommerhimmel Brandenburgs im Wasser zwischen Seerosen aller Arten und Farben. 150 Sorten hat Christian Meyer kultiviert und durch Schnittlinge vermehrt. Außerdem sind ihm zwei eigene Züchtungen gelungen.

Seerosen sind Sonnenanbeter. Ist der Himmel verhangen, sind ihre Köpfe geschlossen. Erst nachdem sie eine Weile heftig von oben beschienen wurden, öffnen sie ihre köstlichen Petalen zu wahren Tellern oder dahlienähnlichen Pompons. Seerosen lassen sich einfach gern bitten. „Als Einzelblüte für die Vase werden sie am besten am Abend als Knospe geschnitten oder am frühen Morgen“, erklärt Christian Meyer. „Dann ist die ganze Kraft geborgen in der Pflanze“, schwärmt der Verehrer der Teichnymphen. „Das Innere ruht noch.“ Im Laden sollte man eine knackfrische Lieferung abwarten. Am besten, man stellt die Blüten zu Hause möglichst tief ins Wasser. Dann kann man ihnen tagelang beim Öffnen und Schließen zuschauen. Das machen sie bis zu vier- bis neunmal, je nach Sorte.

Dann ist aber Schluss. Sind sie noch nicht entwurzelt und schwimmen im Teich, tauchen sie am Ende einfach ab. Wer seine Nase in einer der eleganten Blüten steckt, denkt bei ihrem Duft vielleicht an frische Vanille und milden Honig. Ja, Seerosen duften himmlisch. Beim ersten Erblühen scheinen manche noch etwas blässlich. Sie dunkeln nach mit der Zeit. Sie reifen gewissermaßen. Christian Meyer zieht einen Wurzelballen aus dem Wasser und demonstriert, wie er die Pflanzen vermehrt. So ein Wurzelballen bildet kleine Nebennester mit neuen Wurzeln. Die werden von der „Mutter“ getrennt und in einem extra Becken zu Wasser gelassen. Bei einigen asiatischen Sorten wächst aus dem Herz des Seerosenblattes eine neue Pflanze. Das Blatt wird kopfüber ins Wasser geworfen, dann bilden sich bald Wurzeln.

So eine Seerose fürs heimische Wasserbecken kann man schon für 15 Euro bei „La vie en rose“ bekommen, exklusivere Sorten kosten auch mal 80 Euro. Zu den Kunden gehören unter anderem die Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, das Bundeskanzleramt und auch die Filmstudios in Potsdam Babelsberg. Christian Meyer, der die Woche über feine Blumenarrangements für das Unternehmen Peter Lübbert in Ahrensfelde-Lindenberg macht, ist nur am Wochenende in Groß-Rietz. Das freut natürlich seine Großmutter ganz besonders, aber auch die Seerosen. Die Teiche müssen regelmäßig vom Feengras gereinigt werden, das sich schnell ausbreitet und den Blüten schon mal die Luft nimmt.

Dann wird geschnitten, gebündelt und eingetütet. Keine Pflanze verlässt ungeputzt „La vie an rose“ in Oma Elfis Garten. Was Christian Meyer nicht direkt vom Hof verkauft, geht an den Blumengroßmarkt in Berlin. „Weg mit dem Entenflott. Jetzt wird aufgehübscht“, lacht Christian Meyer und legt den Arm liebevoll um seine Großmutter in der bunt-geblümten Kittelschürze. Die Woche über wacht die 81-Jährige über das Reich der Seerosen und fischt die von der Obstwiese gerollten und jetzt im Wassersalat schwimmenden Herbstäpfel aus den Seerosenteichen. Auch Seerosen haben einen Herbst. Dann trocknen die Blätter ein und werden braun. Im Winter gehen alle auf Tauchstation und die wunderbare Wasserwelt von Christian Meyer öffnet im Frühsommer wieder ihre Tore.

Weitere Informationen unter:

www.seerosenfarm.de

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