Zeitung Heute : Segen der Vampire

DR. WEWETZER

Hartmut Wewetzer

DR. WEWETZER

Echte Vampire saugen nicht. Sie lecken. Nach dem Biss träufelt die südamerikanische Vampir-Fledermaus Desmodus rotundus ein Eiweiß in die Wunde ihres Opfers. Das verhindert, dass das Blut gerinnt. Rinder, Pferde und Esel werden auf diese Weise unfreiwillig „zur Ader gelassen“. Der deutsche Arzneiforscher Wolf-Dieter Schleuning entdeckte vor rund 20 Jahren das medizinische Potenzial des nächtlichen Blutsaugers (pardon: -leckers). Er hatte die Idee, das Vampir-Protein biotechnisch nachzubauen und gegen Schlaganfälle einzusetzen.

Schleuning hatte den richtigen Biss. Die Biotechnik-Firma Paion stellt mittlerweile das Eiweiß Desmoteplase her, und das Mittel hat erste Tests bestanden. Es wird Schlaganfall-Patienten in die Vene gespritzt und gelangt mit dem Blutstrom ins Gehirn. Hier soll es den Blutpfropf auflösen, der die Schlagader im Gehirn verstopft. Anders als das bisher eingesetzte Medikament namens t-PA kann man es dem Patienten nicht nur drei Stunden nach dem Hirninfarkt, sondern offenbar sogar bis zu neun Stunden nach Einsetzen der ersten Symptome geben.

Vor nicht allzu langer Zeit galt der Schlaganfall als Schicksalsschlag, als Ereignis, das man hinnehmen musste. Heute steht die Auflösung des Blutgerinnsels im Kopf im Zentrum der akuten Behandlung. Auf diese Weise kann Hirngewebe gerettet werden. Vorausgesetzt, der Schlaganfall geht auf ein verstopftes Blutgefäß und nicht auf eine Hirnblutung zurück.

Desmoteplase kann in etwa vier Jahren auf dem Markt sein. Allerdings wird das Mittel ein Problem nicht beheben können: die Gleichgültigkeit. Viele Patienten mit Schlaganfall alarmieren zu spät den Arzt, sagt Jörg Weber, Schlaganfall-Spezialist der Berliner Charité. Wenn sie ins Krankenhaus kommen, ist es oft schon zu spät. Die wichtigsten Warnzeichen:

Plötzliche, meist einseitige Schwäche in Gesicht, Arm und Bein

Plötzliche Verwirrung, Sprachstörungen, Verständnisprobleme

Plötzliche Sehstörung auf einem oder beiden Augen

Plötzliche Gehstörungen, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen

Plötzliche schwere Kopfschmerzen ohne erkennbare Ursache

In allen diesen Fällen sollte man sofort den Arzt oder die Feuerwehr alarmieren!

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