Zeitung Heute : Sehenden Auges

Es liegt daran, dass eine Leica nie kaputt geht, sagen sie. Der wahre Grund für die Pleite der legendären Kamerafirma aber ist das nicht

Pascale Hugues[Solms]

Da ist diese kurze Dokumentarfilmszene, schwarzweiß, aus den 60er Jahren. Ein groß gewachsener Herr, der in seinem grauen Glencheckanzug ein wenig linkisch wirkt, stakt wie ein Reiher den Gehweg entlang. Hinter dem Rücken verbirgt er einen kleinen schwarzen Behälter, nicht größer als das Abendtäschchen einer Pariserin. Von Zeit zu Zeit setzt er das Gehäuse blitzartig ans Auge: und schon verschwindet der Eindringling wieder hinter seinem Rücken. Der Fotograf Henri Cartier-Bresson und seine Leica auf den Straßen von Paris. Diskret, leicht, elegant, robust, von höchster Präzision und völlig geräuschlos ist diese Kamera. Sie weiß sich im Hintergrund zu halten. Sie ist, so Henri Cartier-Bresson, „die Verlängerung des Auges“.

„Wir haben eine Kamera, die kann nur fotografieren. Und zwar sehr gut“, lautet die gelassene Auskunft in Solms, dem hessischen Firmensitz von Leica Camera in der Nähe von Wetzlar. Seit das Familienunternehmen Leitz zu Beginn der 80er Jahre verkauft und in drei getrennte Einheiten aufgeteilt wurde, ist die Kameraproduktion hier auf dem flachen Land im Wellblechgebäude einer ehemaligen Möbelfabrik untergebracht. Die Mitteilung ist frei von Arroganz oder Überheblichkeit, auch handelt es sich nicht um einen aggressiven Selbstverteidigungsreflex angesichts der finanziellen Probleme, mit denen das Unternehmen zu kämpfen hat. Man sagt es, weil es wahr ist. Auf der ganzen Welt träumen die Fotoliebhaber von einer Leica. Treu begleitet der schlichte kleine Apparat die größten Fotografen um den Globus.

Wenn die Bilanzen sie niederdrücken und die Presse das Totenglöckchen über dem Ort läutet, an dem schon ihre Väter und Großväter beschäftigt waren, blättern die Arbeiter bei Leica in einem Fotoalbum. Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg, Gisèle Freund – und überhaupt die komplette Agentur Magnum. Der Brasilianer Sebastiao Salgado („Leica, das sind Freunde“), die Deutsche Barbara Klemm und die nachwachsenden Generationen der Großen des Metiers. Die sich trotz der digitalen Flutwelle weiter von dem analogen Fotoapparat verführen lassen. Das „Mädchen mit Leica“ von Alexander Rodtschenko, der „V-Day in New York“ von Fred Eisenstaedt, der kleine Junge mit der Rotweinflasche von Cartier-Bresson – die berühmtesten Momente der Welt wurden von einer Leica verewigt. Als der Amerikaner Elliott Erwitt darauf bestand, seine verschrammte Leica bei einer New Yorker Retrospektive ebenfalls auszustellen, freuten die Arbeiter in Solms sich über diese persönliche Hommage. Die Schrammen auf dem schwarzen Lack des Gehäuses sind Reiseandenken, Zeugen eines Lebens als Bilderjäger. Sehr aktiv ist der Leica-Fanclub in Tokio. In Taiwan gibt es eine verschworene Gemeinschaft, in New York eine Gesellschaft Leica Historica. Für bestimmte Modelle zahlen die Sammler astronomische Preise. Und die wöchentlichen Betriebsführungen in Solms sind regelmäßig ausgebucht.

Der Mythos Leica ist unsterblich, doch die unmittelbare Zukunft des Unternehmens ist prekär. Leica Camera geht es schlecht. Das Ergebnis 2004/2005 ist alarmierend. Angesichts der Verluste haben die sechs größten Gläubigerbanken die Kredite teilweise gekündigt. Bei der außerordentlichen Hauptversammlung am 31. Mai muss ein Sanierungsplan vorgelegt werden.

Die Katastrophe ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Geschäftsleitung die digitale Revolution verschlafen hat: Die japanischen Riesen investierten in die Forschung, das wackere kleine Unternehmen Leica verließ sich seelenruhig auf sein traditionelles Können und fertigte gemächlich weiter, in Handarbeit und deshalb sehr teuer. In Solms hielt man die digitale Fotografie für eine vorübergehende Torheit. Als die Ingenieure endlich erwachten, waren die Claims schon abgesteckt. Während die japanischen Rivalen immer neue Produkte auf den Markt brachten, hat Leica Camera sehr lange an einer Kombi-Lösung gearbeitet, die mehr als 4500 Euro kosten soll und den Anschluss eines digitalen Moduls an eine analoge Kamera ermöglichen wird. Mitte Juli wird man das kaufen können.

Mit einem Scherz wappnen die Solmser Arbeiter sich gegen das drohende Geschick: „Das große Problem bei der Leica ist, dass sie nie kaputt geht.“ Kein Mensch kann sich daran erinnern, jemals Henri Cartier-Bressons Leica repariert zu haben. „Bevor ein Apparat in den Verkauf geht, wird jedes einzelne Teil noch einmal von Hand überprüft“, versichert Norbert Schreiber. Seine Augen leuchten vor Stolz. Der Prüfer für Qualitätssicherung arbeitet seit 30 Jahren bei Leica. „Jedes Objektiv, jeder Auslöser wird Stück für Stück von einem Ingenieur kontrolliert. Es ist eine brutale Prüfung. Wir geben fünf Jahre Garantie. Wir überprüfen auch die Apparate aus den 50er Jahren, wenn sie auf den Boden gefallen sind. Wenn sie hier heraus kommen, sind sie wie neu.“

Die Flure der Werkstatt sind mit Auszeichnungen tapeziert. Das Unternehmen bildet seine Mitarbeiter selbst aus. Mit weißen Haarnetzen sitzen sie an ihren Montagetischen; in einer Stille, die in ihrer Intensität an den Lesesaal einer Bibliothek denken lässt, verrichten sie ihre Uhrmacherarbeit. Jedes Objektiv wird von Hand montiert. Diese Arbeit dauert 16 Stunden. „Nur das menschliche Auge kann das so präzise justieren“, erklärt Pressesprecher Gero Furchheim und streicht zärtlich über ein Objektiv. „Nur die Finger können spüren, ob das Fokussieren des Objektives honigweich läuft, ohne Kratzen. Nur ein Ohr kann erkennen, ob das Auslösegeräusch gut klingt.“

In Solms rühmt man sich, „konservativ im guten Sinne des Wortes“ zu sein, und mit einer Spur von Herablassung wird konstatiert, dass „die schnelle, billige, kurzlebige Produktion für die Masse im aktuellen Trend liegt“. Die Leica ist „ein Gegentrend“. Die Ur-Leica gleicht dem aktuellen Modell fast wie ein Ei dem anderen. Im Lauf der Jahre hat sie ihr Aussehen kaum verändert. Das hier ist ein „von der Geschichte legitimiertes“ Universum. Und hier ist die Geschichte allgegenwärtig.

In Wetzlar, dieser Kleinstadt mit ihrer Fußgängerzone und ihren Fachwerkhäusern, würde man nicht ohne weiteres auf den Gedanken kommen, dass hier ein Mythos geboren wurde. Und doch haben sich vor 80 Jahren ein asthmakranker Ingenieur und ein risikofreudiger Unternehmer zusammengetan und die Leica entwickelt, das Urmodell der Fotoapparate: Der passionierte Fotograf Oskar Barnack leitet die Forschungsabteilung von Leitz, einem soliden Unternehmen, berühmt für seine Mikroskope und seine optischen Präzisionsgeräte. Er ist es leid, seinen schweren Fotoapparat mitzuschleppen, der ihn in Atemnot bringt, und so erfindet er im Jahr 1914 das 24x36-Millimeter-Format, das sich rasch zum Weltstandard entwickelt. Der erste moderne Fotoapparat ist ein leichtes handliches Gerät. Barnack fotografiert 1914 die Mobilmachung in Wetzlar: Mit Blumen im Gewehrlauf ziehen die jungen Patrioten in die Schützengräben. Die erste Fotoreportage. Aber erst nach dem Krieg wagt der Unternehmer Ernst Leitz es, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet, zu erklären: „Wir machen’s!“ Im Jahr 1925 wird die Lei(tz)ca(mera) auf der Leipziger Messe vorgestellt.

Wehmütig pflegt man in Wetzlar die Erinnerung an das goldene Zeitalter des Hauses Leitz. Im Park thront die Büste von Oskar Barnack über einem Krokusbeet. Auf einem Hügel dominiert die Villa Friedwart – der Wohnsitz der Leitz-Familie – das Städtchen wie ein feudales Schloss. Zu seinen Füßen die Fabrikanlagen in reinem Bauhausstil. Einige beherbergen noch Werkstätten, andere wurden in Wohnungen umgewandelt. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude hat die Stadtverwaltung ihren Platz gefunden. Vor nicht allzu langer Zeit bedeutete ein Arbeitsplatz bei Leitz, dass man der Arbeiteraristokratie angehörte. Die Leitzianer, exzellente Partien auf dem Heiratsmarkt, betraten die Fabrik in Anzug und Krawatte und zogen erst in den Umkleideräumen den Blaumann an. Des Morgens begab der einfache Mechaniker sich „ins Geschäft“ und nicht bloß zur Arbeit. Das Unternehmen unterstützte junge Paare mit Darlehen beim Hausbau. Nach dem Krieg besuchten Theodor Heuss, Konrad Adenauer, Albert Schweitzer und andere bedeutende Persönlichkeiten regelmäßig die musikalischen Soireen in der Villa Friedwart. Fünf in rotes Leder gebundene Gästebücher bezeugen die vergangene Größe.

Ein Film dokumentiert den legendären Betriebsausflug von 1953. 5000 Betriebsangehörige besuchen das Deutsche Eck bei Koblenz. Ernst Leitz steht im dreiteiligen Anzug, auf dem Kopf einen Filzhut, auf der Brücke der „Kaiser Wilhelm“ und lässt seinen väterlichen Blick wohlwollend auf der schunkelnden Belegschaft ruhen, die dem Weißwein zuspricht. „Mein Schwiegervater“, erinnert sich Johanna Leitz, 95 Jahre alt und Witwe von Ludwig, einem der Erben, „kannte alle seine Arbeiter mit Namen. Er war sich seiner Verantwortung bewusst, und er war sehr stolz auf sein Werk. Er wäre sehr traurig, wenn er sehen würde, dass sein Lebenswerk vor dem Untergang steht. Alles ist so anonym geworden. Etwas sehr Schönes verschwindet.“ Als der Patriarch beerdigt wurde, war der Platz vor dem Dom schwarz von Menschen. Die Männer der Betriebsfeuerwehr mit ihren Helmen trugen den Sarg des Chefs.

„Deutsches Haus in Deutschland im deutschen Land“, sagt ein Spruch, mit dem die getäfelte Eingangshalle der Villa Friedwart 1914 geschmückt wurde. Leitz verkörpert den Prototypen des weltweit agierenden Familienunternehmens, solides Rückgrat des im Ausland bewunderten und bis zum Einbruch der Globalisierung so dauerhaft scheinenden deutschen Wirtschaftswunders.

„Die Leica muss in Deutschland gebaut werden. Eine Leica aus Japan kauft keiner“, sagt eine Arbeiterin. Wenn Ernst Leitz Sorgen hatte, rief er die ganze Familie im großen Wohnzimmer der Villa Friedwart zusammen und ließ Volkslieder singen, mehrstimmig und in voller Lautstärke. So machte er sich Mut und bekämpfte Anfälle von Niedergeschlagenheit. Vielleicht erinnern sich die 425 Angestellten, die um das Überleben ihres Unternehmens kämpfen, in den heutigen stürmischen Zeiten manchmal an diese fidele Medizin ihres Patriarchen.

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