Zeitung Heute : Sehnsucht haben

Wie ein Vater Berlin erleben kann

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Mein Mädchen macht Ferien, und das habe ich mir auch verdient. Ausspannen, ausschlafen, und endlich endlich werde ich morgens wieder von Nikolas Lievens pessimistischen Börsenberichten auf Radio Eins geweckt und nicht von den optimistischen Morgenansichten meines Mädchens. Bin ich Börsianer? Sind mir Wirschaftsnews egal? Aber Lieven ist in der Regel zwei Stunden später on Air als mein Mädchen, und das bringt den Punkt für ihn und den Sonderpunkt für mich.

Zehn Tage Ferien vom Kind, zehn Tage habe ich nun schon keine Windel mehr gewechselt, keine Milchflasche gewärmt und keine Butterstulle geschmiert, ich saß in keiner Sandkiste und musste mich nicht auf irgendeiner Babyrutschbahn als Alleinunterhalter für Zweijährige entwürdigen. Ich hatte keine Bananen- & Schokoflecken mehr auf meinen Hemden, keinen Kindersitz auf dem Fahrrad und keine Kinderkassetten im Autoradio. Statt dessen habe ich die Stadt gerockt.

Ich war mit Freunden trinken, die schmutzige Witze erzählen konnten, habe in windigen Kaschemmen mein Billardspiel verbessert und den Profis vom Sportklub Magnet gezeigt, warum die hohe Wiener Schule des Wutzelns dem schnöden Berliner Kickern überlegen ist.

Zehn Tage Ferien vom Kind, mein Ernährungsplan wurde wieder einseitiger (was ess ich wohl heute: Pizza, Pizza oder Pizza?), die Essenszeiten unregelmäßiger und das einzige, was kontinuierlich floss, war das Bier. Zehn Tage Ferien vom Kind, und die Nachbarn hassen mich wie sonst nur Gekündigte ihre Chefs. Denn kaum war mein Mädchen samt Mutter abgereist, durchforstete ich meinen CD-Schrank und förderte die ganzen Prunkstücke vergangener Jahre zu Tage. Bruce Springsteen and the E-Street-Band, live und unverbraucht, und nicht wirklich in Zimmerlautstärke. Ich sagte JA, und was die Nachbarn sagten, hörte ich nicht, weil meine Anlage doch ganz schön laut ist.

Zehn Tage Ferien vom Kind, und auf einmal wurde die Zeit doch ziemlich lang. Neulich war ich wieder am Kinderspielplatz, einfach so. Ich guckte mir die Zweijährigen an und rutschte sinnentleert über die Rutschbahn. Erst vorgestern habe ich mich dabei ertappt, wie ich Bruce weggepackt und „Die schönsten Kinderlieder“ reingegeben habe. Mein Mädchen mag die. Und ich auch.

Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich durch ihr Zimmer streife und gedankenverloren mit Trudi, ihrem Stofftier rede. Ob mein Mädchen nicht doch noch einen Bruder bekommen sollte, der Urlaub ebenso hasst wie ich? Am meisten dürfte sich in den vergangenen Tagen die Telekom gefreut haben, den Auslandsgespräche von bis zu einer Stunde sind Balsam für ihren Aktienkurs. Gut möglich, dass Herr Liefen bald vom Aufschwung der T-Aktie berichten wird, aber ich werde es nicht mehr mitbekommen.

Morgen kommt mein Mädchen wieder, und Lieven ist wieder das Weckprogramm für Tagträumer.

Markus Huber

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