Zeitung Heute : Sehnsucht ist stärker als Sucht

SCHAUBÜHNE Patrick Wengenroth seziert die Siebziger in dem West-Berlin-Drama „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

G A BARTELS

Schon wieder Siebziger, schon wieder Lindenberg-Songs, schon wieder Sucht. Wer die Kombi wählt, muss unerschrocken sein. So wie Patrick Wengenroth. Der Autor, Schauspieler und Regisseur inszeniert jetzt an der Schaubühne seine eigene Textfassung des 1978 erschienenen Junkie-Bestsellers aus dem trüben West-Berlin „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Vorher hat er für das Hebbel am Ufer noch weit herausforderndere Textklopper wie die „Festung“ von Rainald Goetz oder „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus bühnengerecht eingedampft und in der von ihm 2003 erfundenen Theatershow-Reihe „Planet Porno“ den banalen Sprechdurchfall der Medienwelt so ernsthaft wie trashig aufs Theater gebracht. Er inszeniere nicht einfach Stücke vom Blatt, sondern vielmehr Textmaterial, sagt Patrick Wengenroth. Die endgültige Gestalt des Stückes entwickelt er erst während der Proben zusammen mit Musiker Matze Kloppe und den Schauspielern Jule Böwe, Ulrich Hoppe, Lea Draeger und Franz Hartwig. „Ich bin halt so der Projektdödel“, nennt der 34 Jahre alte Hamburger, der seit 2001 in Berlin lebt und den Theaterdiscounter mitgegründet hat, seinen künstlerisch und menschlich demokratischen Ansatz. Seit der ersten Auflage von „Planet Porno“ ist er selbst auch immer als Darsteller dabei. Dann könne einem wenigstens kein Schauspieler vorwerfen: „Du machst ein krudes Projekt und wir müssen es ausbaden“, grinst Wengenroth, der zum Treffen am Servicepoint im Bahnhof Zoo in seiner Show-Dienstkleidung, dem Trainingsanzug, gekommen ist.

Das West-Berlin der Siebziger ist bei „Christiane F.“, die mit zwölf Hasch rauchte, mit 13 Heroin spritzte und mit 14 auf den Kinderstrich ging, eine in ihrer Tristesse schon wieder coole Wüstenei aus Hochhaussiedlung Gropiusstadt, Ku’damm, Diskonächten und vor allem Fixerleid und Stricherfrust in dem durch Buch, Film und Bühnenfassung mythisch gewordenen Bahnhof Zoo. Patrick Wengenroth ist von dieser „tollen Berliner Geschichte“ so fasziniert, wie nur einer fasziniert sein kann, der die Stadt zu Mauerzeiten nicht erlebt hat. „War nie da“, sagt er achselzuckend und sucht den modernisierten, vom Großstadtstrandgut jeder Art gründlich bereinigten Bahnhof mit neugierigen Augen nach dem Schmuddel der Vergangenheit ab.

„Für mich ist das ein Märchen über die Sehnsucht“, sagt er. An einer kaputten Fixerstimmencollage mit „in echt“ gespielten Junkieszenen samt Trips und Entzügen ist er nicht interessiert. Die Sucht sei ein Synonym für Christiane F.s namenlose Sehnsucht. Nach dem kleinen bürgerlichen Glück, der großen Entgrenzung, dem Ausbruch aus Langeweile und deutscher Depression.

Ein „Kassensturz über eine Extrembiografie“ nennt Patrick Wengenroth das, der mit seinen Planet-Porno-Heimatabenden, seiner Schiller-Reihe, seiner Eichendorff-Bearbeitung deutsche Befindlichkeiten gleichermaßen heutig reflektiert und aufdröselt. „Wie will ich leben? Wann komme ich wirklich mit mir in Berührung?“ Das sind die Fragen, die ihn hier künstlerisch reizen – und die er sich als Ehemann und Vater, der in Kreuzberg lebt und mit Freunden gerade einen Altbau saniert, selber stelle.

Damit das Stück nicht zu kontemplativ gerät, sondern auch mal richtig knallt, gibt es viel Musik. Frühe Songs von Udo Lindenberg nämlich, die ins Lebensgefühl der Zeit gehören. Das werde musikalisch richtig fett, sagt Patrick Wengenroth und beteuert mit Blick auf die Lindenberg-Show am Potsdamer Platz: „Wir machen das geilere Udo-Musical.“ Auf seinen Landsmann lässt der Hanseat mit der Schietwetter-Wollmütze nichts kommen. Der frühe Udo ist der deutsche Falco, findet er, hip und theatralisch. Dessen Songs wie „Meine erste Liebe“ oder „Schneewittchen“ seien immer noch restcool und absolut nicht peinlich. Kann sein, dass man das auch bald wieder über „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ denkt.GUNDA BARTELS

Premiere 14.2., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 16.-18.2., jeweils 20 Uhr

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