Zeitung Heute : Sehnsucht nach Berlin

Der Tagesspiegel

Ab Mai sind Sie als Vize-Chef des „Stern“ und Leiter des Hauptstadtbüros in Berlin angekommen. Aus Ihrer Abneigung für Hamburg haben Sie ja nie einen Hehl gemacht.

Hamburg ist ein Standortnachteil für bundesweite Medien. Politischer Journalist in Hamburg zu sein, das führt zu solchen Kuriositäten, dass man nachts Phoenix sieht, um überhaupt einen eigenen Eindruck von den politischen Ereignissen zu gewinnen. Ich gehe fest davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren die wesentlichen Medien, von „Spiegel“ bis „Bild“, nach Berlin gehen werden. Hamburg ist eine schöne, aber langweilige Stadt. Das Leben dort hat im weitesten kulturellen und sozialen Sinn keinen Reiz.

Wann zieht der „Stern“ nach Berlin?

Der „Stern“ hat insofern eine Sonderstellung, als er Kern des Hamburger Verlags Gruner + Jahr ist. Obwohl nach meiner Auffassung der „Stern“ in Berlin besser aufgehoben wäre.

Der Redaktion sagten Sie am Mittwoch, Sie würden sich als Vize nicht in andere Ressorts einmischen, sondern sich nur um Politik kümmern. Warum diese Einschränkung?

Weil das genug Kraft absorbiert. Ich habe mir vorgenommen, dass wir uns in Berlin natürlich auch die Köpfe zerbrechen über Titelthemen und Schwerpunkte jenseits der Politik. Das wird sich aber darauf beschränken, dass ich Hinweise an die Chefredaktion gebe.

Hat Sie der Verlag geholt, um die politischen Schwächen des „Stern“ auszugleichen?

Keine Redaktion ist so perfekt, dass sie nicht noch besser sein könnte. Nicht der Verlag, sondern die beiden Chefredakteure haben mich geholt. Sie haben mich Anfang Dezember angesprochen, übrigens vor der „Stern“-Geschichte über die „Bayernkurier“-Spendenabos.

Aber solche handwerklichen Fehler, wie sie der „Stern“ danach einräumen musste, würden unter Ihnen nicht passieren?

Fehler machen alle. Auch ich. Davon abgesehen ist diese Spendenpraxis tatsächlich ein Skandal, die Rüge des Presserats halte ich für ungerechtfertigt. Bedenken Sie, mit welchen großen Geschichten der „Stern“ im letzten Jahr bewegt hat. Das Joschka-Fischer-Interview, das die Debatte über seine Straßenkämpfer-Vergangenheit initiiert hat. Die mutige Geschichte über das Leben von Hannelore Kohl und die kritische Linie zum Krieg in Afghanistan, mit der sich der „Stern“ profiliert hat. Dass man ein Blatt immer besser machen kann, das gilt für alle Medien.

Die „Woche“ war eine Zeitung für Rot-Grün. Ist zu erwarten, dass der „Stern“ mit Ihnen Wahlkampf für Schröder betreibt?

Keine Zeitung hat Rot-Grün so scharf kritisiert wie die „Woche“. Ich habe auch der „Stern“-Redaktion gesagt, dass wir keinen Wahlkampf für irgendjemanden machen. Als Journalist kommt es immer wieder vor, dass man sich für jemanden oder für eine Sache engagiert. Aber ich lehne es strikt ab, Wahlkampf zu machen.

Bevor Sie zur „Woche“ gingen, waren Sie schon einmal stellvertretender Chefredakteur des „Stern“. Ein Rückschritt?

Ich habe in den letzten Jahren sehr unter der Distanz zum politischen Leben in Berlin gelitten. Deshalb freue ich mich wahnsinnig auf Berlin. Außerdem werde ich beim „Stern“ eine neue journalistische Plattform haben, eine Kolumne. Statusfragen sind sekundär. Und mein Status ist völlig in Ordnung.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

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