Zeitung Heute : Sehnsucht nach Tante Emma

Handelsketten wie Tegut und Rewe wollen vermehrt Mini-Supermärkte auf dem Land und in Kiezen eröffnen

Sauerkraut aus dem Fass. Das Lebensmittelgeschäft „Holtorf“ in Bremen ist der einzige noch bestehende Jugendstil-Tante-Emma-Laden in Deutschland. Die „Colonialwaren“-Handlung wurde 1874 gegründet und 1903 umgebaut. Foto: David Hecker/ddp
Sauerkraut aus dem Fass. Das Lebensmittelgeschäft „Holtorf“ in Bremen ist der einzige noch bestehende Jugendstil-Tante-Emma-Laden...Foto: ddp

Die einen sind klein, oft sogar winzig, haben eingeschränkte Öffnungszeiten und ein überschaubares Sortiment. Die anderen sind vor allem groß – und gut sortiert. Es ist ein ungleiches Duell, in dem sich die Tante-Emma-Läden gegen die Discounter auf der grünen Wiese beweisen müssen. In vielen Fällen hat es die Dorflädchen in die Pleite geführt.

Eine Untersuchung des Emnid-Instituts zeigt jedoch: Die kleinen Geschäfte werden vermisst. In Gemeinden mit bis zu 20 000 Einwohnern wünschen sich 56 Prozent ihre Tante Emma zurück. In Orten mit weniger als 5000 Einwohnern ist die Sehnsucht noch größer: Dort sehnen sich 60 Prozent der Befragten nach einem Lädchen, das sie auch ohne Auto erreichen können.

Der Fuldaer Biohändler Tegut, der die Umfrage in Auftrag gegeben hat, zieht aus dieser Sehnsucht Konsequenzen. Tegut betreibt in Hessen, Bayern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Thüringen mehr als 300 Bio-Supermärkte. Und hat ein Konzept entwickelt, das kleinen Orten ihre Tante Emma zurückbringen soll: Das „Lädchen für alles“.

„Die Grundversorgung mit guten Lebensmitteln aus der Region ist uns wichtig“, sagt Knut John, der bei Tegut für die Geschäftsleitung des Vertriebs zuständig ist. Und auch, dass die Läden soziale Treffpunkte sind, Orte, an denen sich die Einwohner begegnen und austauschen können. Entscheidend sei, dass die Anwohner die Geschäftsführung – mit Unterstützung von Tegut – selbst in die Hand nehmen. Die Ladengröße liegt dabei zwischen 100 und 300 Quadratmetern.

Je nach Umsatzpotenzial können die Lädchen für die Betreiber entweder ein Zuverdienst sein – und etwa von Vereinen, Werkstätten und Initiativen betrieben werden. Tegut kooperiert auf dem Land zum Beispiel mit der Lebenshilfe.

Ab einem Umsatzpotenzial von 700000 Euro jährlich kann der Dorfladen für den Betreiber sogar zur Haupteinnahmequelle werden, prognostiziert Tegut. Neben dem Verkauf von Lebensmitteln sollen die kleinen Geschäfte verschiedene Dienstleistungen anbieten, etwa Briefe annehmen, zu reinigende Kleidung oder Lottoscheine. Oder auch einen Party-Service einrichten oder eine Touristen-Information. Dabei soll jede Gemeinde „ihren Marktplatz nach ihren Wünschen und Bedürfnissen entwickeln“, empfiehlt Knut John.

Bislang gibt es fünf „Lädchen für alles“, im kommenden Jahr will Tegut 20 bis 25 neue Mini-Geschäfte eröffnen. Interessierte Gemeinden können sich direkt an das Unternehmen wenden.

Auch andere Handelsketten setzen auf kleine Lädchen auf dem Land – ebenso wie auf winzige Geschäfte im städtischen Kiez, die für die Bewohner zu Fuß erreichbar sind. Edeka hat diese Geschäfte „Nah und gut“ genannt, der Rewe-Konzern „Nahkauf“.

„Unter diesem Logo gibt es rund 930 Märkte in Deutschland“, sagt Pressesprecher Raimund Esser. Diese Märkte haben eine Verkaufsfläche von mindestens 300 Quadratmetern. Geführt werden sie von selbstständigen Kaufleuten, die von Rewe beliefert werden – und so von den günstigen Einkaufspreisen profitieren. „Deshalb ist das Preisniveau nicht höher als in einem normalen Supermarkt“, sagt Esser.

Das Herz dieser Läden ist – ebenso wie bei „Nah und gut“ – der selbstständige Kaufmann vor Ort, der häufig im selben Dorf wohnt. „Er ist in das kulturelle Leben der Dorfgemeinschaft fest integriert.“ Und hat ein offenes Ohr für die Sonderwünsche seiner Kunden. Wie seine Mitbewerber betrachtet auch Rewe diese Lädchen nicht nur als bloßen Warenbeschaffungsraum, sondern auch als „Treffpunkt und Marktplatz der Kommunikation“.

Seit Ende 2009 betreibt der Konzern in Berlin-Rudow außerdem den sogenannten „Supermarkt der Zukunft“. Die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) hat das Gebäude als weltweit ersten Supermarkt mit dem Zertifikat in Gold ausgezeichnet. Der Markt hat eine Verkaufsfläche von 1800 Quadratmetern und wird CO2-neutral betrieben. Der Energieverbrauch des sogenannten „Green Buildings“ reduziere sich im Vergleich zu einen herkömmlichen Bau um knapp 50 Prozent, erklärt das Unternehmen. Möglich machen das der Einsatz von Anlagen für Heizung, Beleuchtung und Lüftung, Kälte- und Klimaanlagen – und eine gute Dämmung. Durch eine Geothermieanlage kann Rewe außerdem das ganze Jahr über auf den Einsatz fossiler Brennstoffe verzichten. Zudem ist das Gebäude mit einer Fotovoltaikanlage ausgestattet. Das Regenwasser der Dachflächen wird in einer Zisterne aufgefangen – und täglich für die Fußbodenreinigung verwendet.

Über die baulichen Qualitäten des Gebäudes in der Groß-Ziethener Chaussee 37 informiert die DGNB am 20. September von 16 bis 18 Uhr. Anmeldung unter: info@dgnb.de.

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