Zeitung Heute : Sehnsucht nach Viva Colonia Helmut Schümannn besucht Perlebergs Asylbewerberheim

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Links neben der Disco „Fun Park“, gegenüber dem Gewerbegebiet „Schwarzer Weg“ in Perleberg, fängt der Weg als Schotterpiste an. Dann wird er zum Waldweg und idyllisch. Dann führt er auf einer blauen Brücke über eine Schnellstraße. Dann wird er wieder zum Waldweg und wieder idyllisch. Dann öffnet er sich zu einer Brache, auf der ein fünfgeschossiger Plattenbau steht, das Asylbewerberheim Perleberg. Das ist kein Idyll.

Im vierten Aufgang, dritter Stock links, haben wir Simon getroffen. Wir haben geklopft, gesagt, dass wir über Fußball reden wollen, Simon hat gesagt: „No problem.“ Das Zimmer: ein Stockbett, zwei Etagen, ein Tisch, drei Stühle, ein Fernseher, Musik, vom Zimmer geht eine Kochnische ab. Simon ist 28, seit drei Jahren in Deutschland, er spricht gut die Sprache, arbeiten darf er nicht, sein Händedruck ist weich, afrikanisch, Simon ist aus Kamerun. Simon erzählt: „Oh, war das gut, als Ghana gewonnen hat gegen Tschechien. Endlich, ich habe schon gedacht, dass Afrika keinmal gewinnt bei dieser WM. Ich habe hier allein geschaut. Nachher, nach dem Sieg haben wir ein bisschen gefeiert auf dem Flur. Es gibt hier noch andere aus Kamerun, welche aus Senegal, aus Guinea, und George, der kommt aus Liberia. Draußen haben wir nicht gefeiert. Zum Einkaufen gehe ich schon mal in die Stadt. Da gibt es einen Kiosk am Bahnhof, da geht es. Abends ausgehen, das geht nicht, hier sind nur deutsche Kneipen. Wir sind Ausländer. Abends habe ich Angst. Tagsüber kann man im Wald spazieren gehen. Abends nicht. Da vorne ist die Disco. Da war ich noch nicht drin, ich bin Ausländer. Es gibt hier Nazis. In zwei Monaten wird über meinen Asylantrag entschieden, dann muss ich zurück. Ich glaube, Ghana scheidet im Achtelfinale aus, Deutschland im Halbfinale, Weltmeister wird Brasilien, England oder Holland. Mit Fußball wird es ein bisschen besser im Kopf. Wir sind hier im Osten. Ich wäre gerne in Köln. Ich habe im Fernsehen gesehen, dass schwarze Frauen zusammen mit weißen Frauen gesungen haben nach dem Sieg von Ghana.“

Viva Colonia, ein Karnevalslied. Auf dem Rückweg kam uns im Wald ein Mann entgegen. Er stoppte in 20 Metern Entfernung, schaute sich um, griff zum Gürtel. Erst als wir riefen: „Press! Press! No fear!“, kam er ein wenig näher, die Hand immer noch am Gürtel. Der Mann machte nur einen Spaziergang. Nachher verriet er uns seinen Namen, es war George aus Liberia. Vielleicht ist die Angst von Simon und George ja nur eingebildet. Wir fahren weiter nach Göttingen.

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