Zeitung Heute : Sehnsuchtsort voller Illusionen

Der Blick von außen – Wie unser niederländischer Gastredakteur den Boulevard erlebt

Seije Slager
Vitrinen und große Marken. Zwei Aspekte des Boulevards – der eine sehr speziell, der andere normal für Metropolen. Der Kurfürstendamm ist alles in einem. Foto: Mike Wolff
Vitrinen und große Marken. Zwei Aspekte des Boulevards – der eine sehr speziell, der andere normal für Metropolen. Der...

Kurfürstendamm – der Name ruft Berlin hervor wie kaum ein anderer. Schon als kleines Kind kannte ich ihn, ohne jemals in dieser Stadt gewesen zu sein. Er war Teil der Mythologie Berlins, mit der man auch als zehnjähriger niederländischer Schüler schon vertraut war. Denn spätestens seit Ernst Reuter die Völker der Welt 1948 mahnte, Berlin nicht Preis zu geben, gehört Berlin nicht nur den Deutschen, sondern uns allen.

Das niederländische Lied, das für meine Generation am prägnantesten die Jugendzeit in den achtziger Jahren wach ruft, spielte dementsprechend nicht in den Niederlanden, sondern in Berlin. „Over de Muur“ – „Über die Mauer“ – von Harrie Jekkers war ein Lied im Geist der politischen Linken dieser Jahre. Nicht nur der gescheiterte Kommunismus in Ost-Berlin wurde kritisiert, auch die Freiheit in West-Berlin sei nur eine Illusion, eine Tarnung, hinter der sich leerer Konsumismus verstecke: „West-Berlin, der Kurfürstendamm. Menschen spazieren an Porno und Peepshow vorbei. Wo sich Mercedes und Cola anhimmeln lassen“.

Das war als Kritik gemeint, aber für uns junge Schüler trug der Name Kurfürstendamm weiterhin auch einen bestimmten verbotenen Reiz: Da wurde also das Leben rau gelebt, nicht wie in der anständigen Kleinstadt, zu der man selber verurteilt war. Fünfundzwanzig Jahre später sind die Pornoläden verschwunden. Die Sehnsucht nach dem rauen Leben muss man heutzutage sowieso woanders suchen als auf dem Ku’damm.

Vom Breitscheidplatz her schaut aus der Höhe allerdings noch immer der Mercedes-Stern auf die einkaufende Menschenmenge herab. Und noch immer werden hier Illusionen gehandelt. Ein Hütchenspieler hat seinen Teppich auf dem Bürgersteig ausgebreitet. Fünfzig-Euroscheine wirbeln herum, und ein Mann lässt sich verlocken. Kurz darauf macht er weiter, mit zorniger Miene und leichterer Börse. Vielleicht fühlt er sich an der nächsten Ecke durch die Spruchbänder kritisiert, die von einer Gruppe links-alternativ aussehender junger Leute mitgeführt werden. Sie versuchen den Passanten etwas über Spekulation beizubringen, und wie böse das sei. Ein Mädchen mit Rastahaaren spricht die Fußgänger an, aber da sie nur Englisch spricht, erntet sie nicht viel Aufmerksamkeit.

Eine halbe Stunde später sind Hütchenspieler und Linksradikale verschwunden und durch neue Darsteller ersetzt worden. Das Dekor ändert sich jedoch nicht: Starbucks, H&M, Gucci, Zara und andere bekannte internationale Marknamen. „Neonwerbungen, die glitzern und winken“, singt Harrie Jekkers in meinem Geistesohr. Und sie winken nicht vergebens, denn die Cafés sind voll, und die Läden ebenso. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Denn diese gleiche Neonwerbung gibt es überall, daheim, in anderen Hauptstädten, wo kann man heutzutage eigentlich nicht Starbucks-schlürfen oder Prada-prahlen? Wieso gilt denn, wenigstens doch in den westlichen Bezirken, gerade diese Straße als der Berliner Boulevard par excellence? Warum kommen all diese Leute hierher?

In einem Buchladen nehme ich ein Bilderbuch über den Ku’damm in die Hand. Der Klappentext enthält selbstbewusste, werbende Worte: weltstädtisch, extravagant‚ das glamouröse Erlebnis Ku’damm… Auf der Straße fährt gerade ein ‚Bierbike’ voller lallender britischer Touristen vorbei. Glamourös?

Glamourös war es aber einmal, erfahre ich, als ich ein Buch aus dem Zeitalter vor dem Bierbike gekauft habe. Der Roman „Alles ist Jazz“ von Lili Grün spielt in dem Schauspielermilieu Anfang der dreißiger Jahre. Damals war der Ku’damm mit seinen Theatern und Cafés ein Sehnsuchtsort für alle, die als Filmstars groß herauskommen wollten. Aber auch damals schon war es ein Boulevard voller Illusionen, und steckten Armut und fehlgeschlagene Ambitionen hinter dem glitzernden Anschein dieser Straße. Von der Theaterszene ist nicht viel übrig geblieben, oder man müsste die vielen lebenden Statuen mitzählen. Die Künstler sind schon längst in andere Bezirke umgezogen.

Es sind gerade diese Bezirke, die heutzutage für junge Niederländer zur neuen Mythologie Berlins gehören. Das Lied von Harrie Jekkers kennen sie vielleicht gar nicht. Sie kennen aber das Adjektiv „Berlijns“, das seit ein paar Jahren im niederländischen üblich geworden ist, und eine durchaus positive Konnotation hat. „Berlijns“ bezieht sich typischerweise auf das Interieur eines Cafés, einer Galerie, oder noch besser: einer Fabrikruine, die bald in eine Galerie verwandelt sein wird. „Berlijns“ heißt: leben zwischen den Trümmern des zwanzigsten Jahrhunderts, gewollt heruntergekommen, ironisch-altmodisch.

Das alles ist der Kurfürstendamm eben nicht. Er wirkt ab und zu ein bisschen altmodisch – diese eckigen Vitrinen auf dem Bürgersteig etwa – aber nie ironisch. Und das hat so seinen Charme. Denn „Berlijns“ leben kann auf der Dauer auch erschöpfend sein. In keiner anderen europäischen Hauptstadt liegt zwar soviel Kreativität in der Luft, aber eine Kehrseite gibt es auch. In keiner anderen europäischen Haupstadt begegnet man etwa so vielen Bettlern, und nirgendwo anders ist man sich jeden Tag der Geschichte so bewusst.

Vielleicht ist das die sanfte Illusion, die der Ku’damm uns heutzutage noch verpasst: Man flaniert und sieht nicht, wie viele Häuser zerstört sind, weil die Fassaden Schaufenster sind. Und wegen dieser Schaufenster könnte man außerdem vergessen, dass Berlin eine verschuldete Metropole ist. Mann könnte glauben, man befinde sich in einer ganz normalen Großstadt. Man sagt manchmal über die Hauptstadt Deutschlands: Berlin ist die einzige Stadt, in der man in Deutschland sein kann, ohne in Deutschland leben zu müssen. Man könnte über die Hauptstraße Berlins sagen: Der Kurfürstendamm ist die einzige Straße, in der man in Berlin sein kann, ohne in Berlin leben zu müssen.

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