Zeitung Heute : Sei bloß früh genug in Schönefeld

Von Esther Kogelboom

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Neulich fand ich mich früh morgens in einem Taxi, das vom Flughafen Schönefeld zum Kleinflughafen Tegel fuhr. Die Sonne gleißte, es war hell wie nach einem Konzert, wenn sie die Lampen anschalten. Ein weißes Licht eben, das die Gesunden gesünder und die Bleichen bleicher aussehen lässt. Vor einem Zebrastreifen bremste der Taxifahrer, damit ein Türke mit seinem tiefgefrorenen Dönerspieß die Straße überqueren konnte. Er trug ihn geschultert, das dauerte. Zeit verstrich. Der Taxifahrer erkundigte sich unterdessen beiläufig nach meinem Kontostand. An diesem Morgen gehörte ich zu den Bleichen.

Ich wäre niemals mit einem Taxi von Schönefeld nach Tegel gefahren, wenn ich es nicht sehr eilig gehabt hätte. Bitte denken Sie jetzt nicht: „Die soll mich mit ihrem JetSet-Quatsch in Ruhe lassen. Ich denke, was ich will.“ Denken Sie bitte stattdessen: „Auch ich wäre so dekadent, Unsummen für eine Taxifahrt zu bezahlen, wenn ich es wirklich eilig hätte.“ Thank you for your Cooperation.

Ryanair verlangt, dass man spätestens 40 Minuten vor Abflug eincheckt. Ich war 35 Minuten vor Abflug am Counter, da war er schon geschlossen. Und das, obwohl Frau K. mich gewarnt hatte: „Sei bloß früh genug da!“ Ich habe eben länger gebraucht, das neue Shampoo war schwer aus den Haaren zu spülen. Pech, findet Ryanair. Toll, sagt British Airways und belastete die Kreditkarte. British Airways startet von Tegel, da musste ich jetzt hin, und auf dem Ticket stand „Meal“, was mich daran erinnerte, dass ich noch nicht gefrühstückt hatte, weil es um Minuten ging. Es geht im Leben immer um Minuten. Nur manchmal wird ein Dönerspieß über die Straße getragen und führt einem den globalen Irrsinn vor Augen.

Es gibt ein weiteres Beispiel, in dem zufälligerweise auch ein Lebensmittel vorkommt. Meiner Freundin fiel einmal ein runder Ziegenkäse aus der Einkaufstasche, als sie nach ihrem Bus lief. Er kullerte auf die Straße und wurde von einem Lkw erfasst. Die Freundin vergaß den Bus, setzte sich in einen Hauseingang und heulte, als sei jemand gestorben. „Warum trauerst du in einer Welt, die voll ist mit Schmerz, Ungerechtigkeit und Kerosin um einen toten Ziegenkäse“, fragte ich sie. Ihr Gesicht verfinsterte sich. „Es ging alles so schnell, von einer Sekunde auf die andere war er nicht mehr da.“ Dann lachten wir, aber es war kein lustiges Lachen.

Zeit ist knapp, das Leben kurz. Wie schafft man es, gleichzeitig gelassen zu bleiben und trotzdem nicht zu spät zu kommen? Später am Tag kam ich in London an und hetzte über Laufbänder zum Heathrow Express, einem Schnellzug, der seine Passagiere in nur 15 Minuten ins Stadtzentrum bringt. Ich schöpfte Hoffnung. Ryanair fliegt nach Stansted, und Stansted liegt viel weiter außerhalb, vielleicht konnte ich so den Zeitverlust aufholen.

Look left, stand auf der Straße vor dem Bürgersteig. Fast hätte mich ein Bus erwischt, um ein Haar wäre ich ähnlich geendet wie der Ziegenkäse. Zum ersten Mal an diesem Tag hielt ich einen kurzen Moment inne. Es regnete schwere Tropfen, so wie aus der Tropeneinstellung meines Duschkopfs. Ein libanesischer Händler zurrte einen Plastikschutz über seinen Tomaten zusammen. Als er aufblickte, trafen sich unsere Blicke, er lächelte kurz und nickte. Von irgendwoher tönte ein Glockenspiel. Big Ben! Full English Breakfast! Bier ohne Schaum! Überhaupt: London! Ein schöner Augenblick. Auch, weil es in Berlin 13 Uhr war und in London erst Mittag . Ich war pünktlich.

Jeder von uns bekommt reihenweise gut gemeinte Ratschläge. Unsere Kolumnistin, 29, überprüft alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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