Zeitung Heute : Sei eine Idee!

Von Harald Martenstein

Harald Martenstein

Berlin plant eine weltweite Werbekampagne. Obwohl das Image von Berlin eigentlich recht gut ist, soll es weltweit noch einmal verbessert werden! Deswegen haben Prominente monatelang über einen neuen Werbeslogan nachgedacht, der sofort das positive Berlinfeeling auslöst. Der neue Slogan heißt „Be Berlin“.

In einer ersten Stufe soll der Slogan in Berlin auf Plakaten und Flugblättern, sogenannten „Flyern“, verbreitet werden, in der zweiten Eskalationsstufe in Deutschland und schließlich weltweit. „Be“ ist ein englisches Wort, „Be Berlin“ bedeutet „Sei Berlin“. Alle Berliner sollten sich, bevor die Kampagne offiziell beginnt, dringend klarmachen, dass diese Aufforderung nur sinngemäß gemeint ist.

Berlin wirkt ja, bei all seinen Vorzügen, in manchen Ecken sehr schmuddelig, Entscheidungen und Baumaßnahmen dauern lange, Berlin ist auch relativ arm. Wenn im nächsten Monat die ersten „Be Berlin“-Plakate auftauchen, und daraufhin beginnt die gesamte Berliner Bevölkerung, sich nicht mehr zu waschen, und sie kündigen alle ihre Stellungen und verprassen ihr gesamtes Geld, mit der Begründung, der Berliner Senat habe sie ausdrücklich dazu aufgefordert, sie sollten so sein wie Berlin, dann geht der Schuss intellektuell nach hinten los, Berlin würde sich in der ganzen Welt lächerlich machen.

Mit dem Slogan „Be Berlin“ soll lediglich ausgedrückt werden, dass Berlin eine kreative Metropole darstellt, auch eine Metropole, in der man englisch spricht. In Berlin wird folglich mit einem englischen Slogan geworben, während, als Ausdruck der Berliner Kreativität, parallel dazu in anderen Ländern Plakate geklebt werden, auf denen in deutscher Sprache steht: „BERLIN, BERLIN wir fahren nach BERLIN“. Dieser zweite Slogan wird unter anderem in Italien und den USA verwendet.

In Italien und den USA verstehen die Menschen kein Deutsch. Die Menschen dort sollen das für sie unverständliche Plakat sehen, und sie sollen dann denken „die Stadt Berlin will uns offenbar sehr dringend etwas mitteilen – aber was?“.

Sie werden, so die Idee, neugierig sein und nach Berlin kommen oder sogar ihre Firma nach Berlin verlegen. Neugierde ist einer der stärksten menschlichen Antriebe. Wenn ihnen aber schon am Flughafen, welchem Flughafen auch immer, lauter Personen entgegenkommen, die sich mit Graffiti besprayt oder sogar mit frischem Hundekot bedeckt haben, und die rufen: „We are Berlin!“, dann werden die Besucher irritiert fragen: „What’s that?“, die Berliner aber, die ja nur den Slogan befolgen möchten, werden antworten „This is a difficult decision, give us time“, das wird nicht gut ankommen.

Wir alle müssen lernen, den neuen Slogan „Be Berlin“ verantwortungsbewusst und maßvoll anzuwenden.

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