Zeitung Heute : Sei froh now

Warum Frohnau ein kleiner Planet ist, auf dem ich immer leben wollte. Von Horst Bosetzky

„Lost in France“ singt Bonnie Tyler, aber es gibt auch einen Fall von „Lost in Frohnau“. Im Juni 1984 ist es gewesen, wir wohnten noch nicht lange in Frohnau, da will ich mit unserem Collie Mac im Tegeler Forst spazieren gehen, doch von Stolpe her zieht eine gewaltige Gewitterfront herauf. Ich wage mich also nicht in den Wald, sondern nur in den Frohnau-Quadranten unten rechts, überquere die Fischgrundbrücke . . . und habe mich eine halbe Stunde später hoffnungslos verlaufen. Die Straßenschilder, die ich lese, sagen mir nichts. Ich gerate in Panik. Dem „Wo bin ich?“ folgt alsbald das „Wer bin ich?“, mir droht also eine Depersonalisation, die durchaus ein Grund ist, in die Klapse eingeliefert zu werden. Auch mein Hund kann mir nicht helfen. Auf mein „Mac, lauf nach Hause!“ folgt nur ein ratloser Blick. Fragen kann ich niemanden, denn zu dieser frühen Nachmittagsstunde ist nirgendwo ein Frohnauer zu sehen, weder auf der Straße noch in seinem Garten. Gerettet worden bin ich schließlich durch meinen Kompass, den ich mir für den Waldspaziergang eingesteckt hatte.

Typisch Frohnau. Warum das so ist, können wir dem Internet entnehmen: „Die radialen Haupterschließungsstraßen nehmen ihren Ausgangspunkt an der Doppelplatzanlage des Ludolfingerplatzes und Zeltinger Platzes und verlaufen der bewegten Topografie folgend zumeist gekrümmt.“ Alles wirkt wie zufällig gewachsen, obwohl es am Reißbrett entworfen worden ist.

Frohnau erscheint mir wie ein kleiner Planet, wenn auch einer, der mit seiner Sonne fest verbunden ist, durch die S-Bahn ebenso wie mit einigen Straßenzügen, wenn er auch keine Kugel ist, sondern eine Scheibe. Die dreht sich um die Frohnauer Brücke. Frohnau gleich Frohe Aue oder ganz modern: Sei froh now. Mag sein, dass es an den Plätzen noch betriebsam zugeht, ein paar hundert Meter weiter aber ist alles fernöstlich gelassen. Vom buddhistischen Tempel müssen geheime Strahlen ausgehen, die alles entschleunigen.

Nein, ich wollte nie einen Cowboy als Mann, sondern immer nur Haus und Garten in Frohnau (obwohl solch ein Lebensziel für einen 68er eine ideologische Blasphemie darstellte). Frohnau war mein großer Traum, seit Tante Lolo, eine Cousine meiner Mutter, sich 1954 mit ihrem Mann dort angesiedelt hatte. War ich bei ihr zu Gast, ich, der Rütlischüler vom Neuköllner Hinterhof, kam ich mir vor, als würde ich in den Schlössern und Gärten der Königin Luise weilen. Nicht zuletzt, um einmal in Frohnau leben zu können, habe ich mich durch Schule und Studium gequält, bin Soziologieprofessor geworden und habe an die fünfzig Romane veröffentlicht, abgesehen einmal von der Lust daran und der Sucht zu schreiben.

Mein Frohnau ist übertrieben, denn von seinen 7,8 Quadratkilometern gehören mir gerade einmal 1 445 Quadratmeter, zuzüglich des vielleicht drei mal vier Meter großen Areals auf dem Friedhof an der Hainbuchenstraße, wo unser Familiengrab zu finden ist und wo ich auch einmal ruhen werde, wenn mich der Herr heimholt in die Ewigkeit. Ein wenig rechtfertigt sich dieses Mein aber dadurch, dass bei Frohnau ein wenig jene Verzückung mitschwingt, mit der meine Mutter im Urlaubsort Farchant beim Anblick des Wettersteingebirges immer ausgerufen hat: „Meine Berge!“ So ist mein Frohnau also auch im Sinne eines erfüllten Lebenstraums zu verstehen. Selbstverständlich spielt es in meinen Romanen des Öfteren die Hauptrolle, so in den Bänden der Familiensaga von „Capri und Kartoffelpuffer“ bis „Bratkartoffeln oder Die Weg des Herrn“ und einigen meiner Kriminalromane, etwa „Der Lustmörder“ oder „Unterm Kirschbaum“.

Fehlt noch das hehre Schlusswort. Hier ist es: Frohnau schenkt einem ein irgendwie elitäres Lebensgefühl, ohne dass man sich snobistisch oder arrogant vorkommen muss. Dahlem, Grunewald und Schlachtensee sind da von anderem Karat. Frohnau, bei seiner Gründung ja Frohnau (Mark), ist soweit brandenburgisch-preußisch, dass es viel bescheidener daherkommt. Es ist ein Versprechen auf eine bürgerliche Idylle mit einem bestimmten intellektuellen Niveau und will nicht mehr scheinen als es ist.

Der Autor ist Schriftsteller. In diesem Jahr erschienen sind „Der Lustmörder“ und „Bratkartoffeln oder die Wege des Herrn“, jeweils im Jaron-Verlag

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