Zeitung Heute : Sei nicht immer so zynisch!

Von Esther Kogelboom

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Wie viele Heiratsantrage haben Sie schon bekommen? Meiner Freundin wurden schon zwei gemacht. Aus der Tatsache, dass sie bisher unverheiratet ist, geht hervor: Sie hat beide Anträge abgelehnt. Deswegen ist ihr Zeitfenster so gestrickt, dass sie sich bis zum Morgengrauen mit mir über den perfekten Heiratsantrag unterhalten kann.

Wir sitzen am Küchentisch. Meine Freundin schildert ihre Lieblingsvision: Ein Helikopter landet auf dem Helmholtzplatz. Das Flappen der nur langsam zum Stillstand kommenden Rotorblätter übertönt Kindergeschrei und Hundegebell, Büsche werden medienwirksam vom Wind zerzaust, Angelina Jolie und ihr Kind können sich im letzten Augenblick in den Spielzeugladen retten. Plötzlich ertönt eine blecherne, männliche Stimme über Megafon. „Achtung, Achtung!“ Knack. „Dies ist eine Nachricht für C.! Hier spricht dein Traummann! Ich liebe dich!“ Knackknack. „Äh, willst du mich heiraten?“ Meine Freundin stürzt aus dem Hausflur, sie fliegt in die Arme des Helikopterpiloten. Der lässt das Megafon fallen. Inniger Kuss. Der „B.Z.“-Fotograf macht Bilder. Am nächsten Morgen der Titel: HELLO HELI-LIEBESCOPTER!

Meine Freundin seufzt verzückt. Ich sage: „Du bist ja krank.“ – „Sei nicht immer so zynisch“, gibt sie zurück und schenkt sich Marillenlikör nach. „Jetzt bist du dran.“

Ich schlucke trocken. Heiraten an und für sich könnte Spaß machen, so mit Schleier und Schleppe und weinenden Omas. Geldgeschenken. Aber verheiratet sein? Und dann die schreckliche Sekunde des Antrags, dieser Moment zwischen Frage und Antwort … Den stelle ich mir ähnlich vor wie sterben. Blitzschnell muss man Bilanz ziehen, danach ist – egal, ob nun ja oder nein oder Schweigen – nichts mehr so, wie es war. Ich schätze, ein Heiratsantrag ist so etwas wie der Nineeleven einer Beziehung.

Meine Freundin verschränkt die Arme vor der Brust. „Das sagst du doch nur, weil du noch keinen bekommen hast.“ Eine eiskalte Hand greift nach meinem Herzen. Auf mein Berlin-Brillant-Konto gehen tatsächlich netto 0,0 Heiratsanträge.

Ich bin ziemlich konservativ, denke – wenn überhaupt – an eine aufschnappende, samtene Schmuckschatulle. Aber eigentlich bin ich überhaupt nicht konservativ. Ich stelle mir vor, wie eines Abends statt des üblichen taubenblauen Strafzettels ein Flugticket nach Las Vegas hinter dem Scheibenwischer klemmt. (Realistischer: zusätzlich zum taubenblauen Strafzettel.) Elvis-Imitator! Drive-In-Chapel! Am nächsten Tag Divorce-Chapel! Ach nee, das ist so 90er Jahre. Dann schon lieber eine Durchsage bei Kaiser’s. Ein ordentlich frankierter Brief. Eine Postkarte. Eine Mail. Eine MMS. Eine SMS.

„Halt die Klappe“, sagt meine Freundin mit gepresster Stimme. „Du weißt überhaupt nicht, was du willst. Wie soll erst der Mann wissen, was er zu tun hat?“ Ich gieße Likör nach und träume vom Rotationsprinzip: Alle paar Monate wäre ich automatisch mit einem anderen Mann verheiratet, alle leben auf unterschiedlichen Kontinenten, haben unterschiedliche Freundeskreise, unterschiedliche Berufe und gehen unterschiedlichen Hobbys nach. Ich wäre eine lockere Fünf-Sterne-Ehefrau in Jeans, Sarong und Abendkleid.

Gleich morgen früh beantrage ich einen Anwohnerparkberechtigungsausweis für die ganze Welt. Happy End.

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