Zeitung Heute : Seidenraupen am Schwarzen Fluss

Jörg Kersten

Schnee in Vietnam? Le Van Dong, der Fahrer unseres Jeeps, versichert, dass es das schon gegeben habe dort oben in den Gipfeln des gewaltigen Fan Si Pan Massivs. Je höher wir uns die Serpentinen nach Sa Pa hinaufschrauben, um so fantastischer wird die Aussicht auf gewaltige Gebirgszüge, die schon die Franzosen beeindruckten. In Erinnerung an ihre Heimat, nannten die Kolonialherren das Gebiet um Sa Pa denn auch "Tonkinsche Alpen" und begannen in den 30er Jahren, das Dorf selbst zu einem Höhenluftkurort auszubauen. Am Fuße des Fan Si Pan, mit 3143 Metern der höchste Berg Vietnams, bauten die Franzosen mehr als 200 Villen, Hotels, Tennisplätze und natürlich eine Kirche. Das "mitteleuropäische" Klima, die alpine Landschaft, Gemüse - und Obstgärten waren offenbar eine Wohltat für die heimwehkranken Kolonialisten.

Baguette zum Frühstück

Nach vergangenen Kriegswirren und sozialistischer Abschottungspolitik erwacht der einstige Kurort aus tiefem Schlaf. In Erwartung künftiger Touristenströme entstehen quasi über Nacht an jeder Ecke neue Gästehäuser mit Berghüttenatmosphäre. Wanderungen durch die terrassenförmig angelegten Reisfelder der Humong vor atemraubender Bergkulisse müssen jeden Gast betören. Und wer möchte nicht gern gemütliche Abende am offenen Kamin genießen, vom ofenfrischen, warmen Baguette zum Frühstück ganz zu schweigen.

Doch Dong hat uns neugierig gemacht auf den "Highway Number one", wie er die Straße nach Dien Bien Phu bezeichnet. "Highway" heißt nicht "Schnellstraße" im üblichen Sinne, "Highways" sind für Dong vielmehr alle Straßen, egal in welchem Zustand sie sich befinden - und diese Straße gehört zu den schlechtesten. "Number one" dagegen steht bei Dong für Spitzenqualität an landschaftlichen Reizen. Der 1900 Meter hohe Than-Thon-Pass bildet die Wetterscheide. Der nasskalte Morgennebel von Sapa bleibt in den Bergen hängen - vor uns liegt der wilde Westen Vietnams mit feuchter Tropenhitze und Moskitoschwärmen.

Die nächsten 600 Kilometer quer durch die Provinz Lai Chau werden zum härtesten Ritt. Aber wer würde schon schlapp machen wollen bei einer Landschaft aus gewaltigen Schluchten mit reißenden Flüssen, Nebelwäldern, dichten Dschungeln und Bergpässen, die wir über den Wolken überwinden. Von Lai Chau sagt man, dass es die am dünnsten besiedelte Provinz Vietnams sei - und zuweilen unberechenbar.

Die Vietnamesin Dinh Chi Ha erinnert sich an die Katastrophe im April 1987, als heruntergestürzte Felsbrocken den brodelnden Song Da am Oberlauf blockierte. Damals sammelte sich das Wasser in den tiefen Schluchten des mächtigen Da. "Man hatte uns gewarnt, aber keiner hat geglaubt, dass so schrecklich werden würde." Es war Nacht als der aufgestaute "Schwarze Fluss" den Damm durchbrach und in einer gigantischen Flutwelle gen Tal raste. "Alles riss er mit sich: die Häuser, das Vieh, die Menschen." Dinh Chi Ha, damals noch ein Schulmädchen, wird das Tosen, in dem die Kleinstadt Lai Chau mit ihren 20 000 Einwohnern unterging, wohl nie vergessen. Wie zwei Dutzend andere hatte sie das Glück auf einer Anhöhe zu wohnen und zu überleben.

Die von China und Laos umgrenzte Region Lai Chau gerät immer mal wieder in die Schlagzeilen. Etwa, wenn in den Regenwäldern ein ausgestorben geglaubtes Tier wiederentdeckt wird oder Bauern verweste Gebeine verschollener amerikanischer Soldaten aus dem Erdreich graben.

Unterwegs begegnen wir Vertretern unterschiedlichster Volksgruppen. Thai, Mong, Giay, Black Dao und Lu leben hier in weit verstreuten, hübschen Gebirgsdörfern. Noch scheint vieles nach traditionellen Mustern zu funktionieren, in den "Ban", den Häusern auf Stelzen, leben mehrere Generationen unter einem Dach. Bei unserem Besuch zeigt man uns gern Seidenraupen, die insbesondere die Lu züchten. Schnaps mit eingelegten Schlangen und gebratener Hund sind angebotene kulinarische Köstlichkeiten, die wir - ein Gebot der Höflichkeit - zumindest probieren müssen. Ist die erste Schüchternheit abgelegt, werden die Dau So Lo, eine Art Banjo und das Kheu, eine überdimensionale Orgelpfeife hervorgeholt. Der chinesische Ghettoblaster, der irgendwie in die Hütte des Clanchefs geraten ist und dessen eingebaute Birnchen als Lightshow kitschig blinken, ist dann schnell vergessen.

Schon wieder Stunden unterwegs. Dong, unser Fahrer, leidet, denn so wie für alle Vietnamesen ist ein Halt zum Mittagessen auch für ihn unerlässlich. Und zwar pünktlich zwischen zwölf und eins. In dieser wilden Gegend hat er Pech: Keine dieser Baracken zu sehen, in denen gekocht und gebruzzelt wird. Nirgends das sonst so typische Schild am Straßenrand, das mit der Aufschrift Com Pho (Reis und Suppe) wirbt. Was bleibt sind trockene Kekse, zu viele gerauchte Zigaretten und literweise Wasser, der den Schweiß aus den Poren treibt.

Die Fahrt ist strapaziös, gewiss, aber zum Ausgleich gibt es viel zu gucken. Eine Schwarze vom Stamm der Dao, mit riesigem Turban auf dem Wasserbüffel reitend, die Jäger der Lu, die uns stolz den geschossenen Dachs präsentieren und uns zu Ehren eine Ladung Schrot in den Himmel knallen. Kinder der Thai, die barfuß und ausgerüstet mit selbstgeflochtenen Reusen zum Fischfang trippeln, Frauen der Red Hmong, die - gekleidet in farbenprächtigen Trachten - Holzbündel wie überdimensionale Baguettes in die Dörfer tragen, eifrig schwatzend. Einige der 53 ethnischen Minderheiten bevölkern Lai Chau und machen vor allem die Märkte zu kunterbunten lebenden Bildern.

Quicklebendig wirkt der staubige Provinzort Dien Bien Phu. Es ist der geschichtsträchtigste Flecken der Reise. Die einstige Dschungelfestung war 1954 Schauplatz jener Schlacht, die einen Wendepunkt in der vietnamesischen Geschichte darstellte. Bunker, verrostetes Kriegsgerät und liegengebliebene Panzer erinnern überall im Tal von Dien Bien Phu an die dramatischen Ereignisse. Der französische Oberbefehlshaber Navarre hatte das strategisch bedeutende Tal zu einer Festung ausgebaut, die er für unbezwingbar hielt. Doch General Vo Nguyen Giap, verantwortlich für die vietnamesische Volksarmee, gelang das Unmögliche.

Bauer Nieng, aus dem Dorf Ban Dao erinnert sich an die unglaublichen Strapazen unter denen seine Partisanen mit Hilfe der Bergstämme schweres Kriegsgerät über Hunderte von Kilometern durch den Dschungel schleppten. "Gleichzeitig gruben sich einige unserer Leute an das Hauptquartier der Franzosen heran und jagten die Bastion nach zwei Monaten Belagerung in die Luft." Am 6. Mai 1954 war es soweit: Die französischen Truppen kapitulierten, die Kolonialherrschaft war beendet. Dass deutsche Söldner Seite an Seite mit den Franzosen kämpften, sei nur am Rande erwähnt. Bauer Nieng jedenfalls ist nicht nachtragend - mit den Duc (den Deutschen), die so unvermittelt in seinen Alltag geschneit sind, schmaucht er gern seine Bambuspfeife und singt, von einer Dau So Lo-Gitarre begleitet, Lieder von den heroischen Zeiten.

Im Dien-Bien-Phu-Museum halten Dokumente, Schaubilder und Fotos die Erinnerung an den Sieg der Vietnamesen über die Kolonialherren wach. Schnatternde Schulklassen erklimmen die Höhe Eliane, wo ihnen die strategischen Stellungen und Bunkeranlagen erklärt werden. Da werden sie stiller und schauen sich stolz zu uns um. So, als sollten auch wir darüber staunen, wie ihre Väter der Herrrschaft der Franzosen mit 930 Kilogramm Sprengstoff ein Ende gesetzt hatten.

Nach so viel Geschichte kommt ein Marktbesuch zur Zerstreuung gerade recht. Dass zwischen den Gemüse- und Obstständen auch seltene Tiere wie Adler, Stachelschweine, Affen oder Kragenbären, in verdreckten Käfigen versteckt, verscherbelt werden, scheint niemanden zu stören. Häute, Schnäbel, Geweihe, Federn, Hufe und Schwänze von seltenen Tieren werden gar als Souvenirs verkauft. Ein schön gezeichnetes Tigerfell bringt uns ins Grübeln. In den Dschungeln des Grenzgebietes zu Laos soll es nur noch fünf Exemplare dieser Raubtiere geben.

Staudamm am Schwarzen Fluss

Weit schlimmer noch aber erscheint uns der Plan der Regierung, einen Staudamm zu errichten. In Son La will man dem Song Da, dem Schwarzen Fluss, den Weg abschneiden. Das gestaute Wasser würde einen See bilden, der einen großen Teil der Provinz Lai Chau unter Wasser setzt - bis hinauf nach Phong Tho - mit zirka 8000 Quadratkilometern ein ungeheuer großes Gebiet. Die einmalige Naturlandschaft und die Heimat der Ethnien mit ihrer einzigartigen Kultur wären für immer verloren. Während wir uns über solch einen Frevel entsetzen, glaubt Dong an den Fortschritt: "Vietnam braucht den Staudamm, braucht Energie um wirtschaftlich stark sein zu können. Ist erst die Bergregion entwickelt, werden uns die Chinesen wohl kaum noch überfallen."

Und die Kultur der Bergstämme? Über die ungewisse Zukunft der Menschen dort kann uns Dong keine Antwort geben. Im Ethnologischen Museum von Hanoi wird man, so vermuten wir, fleißig Exponate sammeln und irgendwann die Trachten der "Moi", der Wilden, in Souvenirshops an Touristen verscherbeln.

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