Zeitung Heute : Sein brennendes Bekenntnis

Er war nicht der Einzige, der den „Bild“-Verleger Axel Springer hasste, aber der Einzige, der sein Haus anzündete. Jetzt stellt er sich

Jürgen Schreiber[Zürich]

„Domina-Beichte des TV-Stars“

„Hoeneß geht auf Klinsi los“

„Unseren schönen Puff hat das Arbeitsamt finanziert!“

Das sind die „Bild“-Schlagzeilen des Tages, an dem der Schriftsteller Daniel de Roulet in Zürich erzählt, wie er aus politischen Gründen das Schweizer Berghaus von Axel Cäsar Springer anzündete.

Der preisgekrönte Autor war vor ein paar Wochen ins Theater Stadelhofen gekommen, um zwischen Aufführungen von „Hotzenplotz“ und „Wie Gretel dem Räuber eine Suppe kocht“ aus einem schmalen Buch zu lesen: Der Titel „Ein Sonntag in den Bergen“ verspricht alpine Literatur, indes offenbart de Roulet auf 124 Seiten, dass er es war, der im Januar 1975 ein nie aufgeklärtes Verbrechen beging, indem er unweit der Gemeinde Rougemont bei Gstaad Springers einsames Chalet abfackelte. Schaden: gut eine Million Mark. Bis zu seinem romanhaften Geständnis wurde unterstellt, „Elitekommandos, die aus der Kälte kamen“ hätten dort auf 1857 Meter Höhe zugeschlagen.

In Wahrheit war es das Werk des Einzelkämpfers de Roulet. Seine Freundin stand mit der Trillerpfeife Schmiere. Nachdem der Brand gelegt war, verschickten sie „per Eil“ Bekennerschreiben an Redaktionen und Agenturen des Inhalts, Springer versuche in seinen Blättern „die Linke zu erledigen“. Am Montag danach saß der „Sonntagsterrorist“ um 8 Uhr 30 wieder am Architektentisch eines Züricher Planungsbüros. Draußen verloren sich die Spuren im Schnee, drinnen lauschte de Roulet dauernd auf die Schritte der Ermittler. Ihm war lange, als stünde ihm der Anschlag auf die Stirn geschrieben. Er habe einkalkuliert, „für die gute und richtige Sache müsse er vielleicht in den Knast“ und staunt nun selbst, wie unerschrocken er sich vorkam. Die internationale Fahndung lief. Doch nie fiel Verdacht auf ihn.

Die Linke war auf den „Bild“-Herausgeber fixiert wie er auf sie. Er war der Mann, der nach Meinung Zehntausender Demonstranten von Paris bis Berlin den Studentenführer Dutschke auf dem Gewissen hatte. Auf Transparenten stand „Verhaftet Springer!“ In ihren Augen war er ein skrupelloser Meinungsmacher, seine Gazette mit den großen Buchstaben überhaupt das Letzte: „Bild macht dumm“, skandierten sie.

Anno ’75 war der Autor 30 Jahre alt und ein Überzeugungstäter. Jetzt ist er 62 und von der Front der ideologischen Selbsttäuschung zurückgekehrt. Die Glut, die ihn trieb, wurde Papier: „Meine Tat ist jetzt ein Buch.“ Zur Bekräftigung verweist er darauf, der „Bericht“ sei nach einem Gespräch mit Kanzler Gerhard Schröder entstanden. Den hörte er 2003 in Locarno sagen: „Ich weiß nicht, ob es Ihnen so geht wie mir, Tag für Tag bekämpfe ich das, wofür ich mich als junger Mensch engagiert habe.“ Die Bemerkung habe ihn „im Innersten berührt“. Seltsam, ausgerechnet der frühere Juso Schröder, wahrlich kein Bücher-Freak, ist es gewesen, der den Gleichaltrigen erleuchtete. Ebenso seltsam, dass sie sich beim Bankett des Verlegers Michael Ringier trafen, der sich oft als „Schweizer Springer“ tituliert findet und sich die Dienste des Altkanzlers sicherte.

De Roulet mustert den Saal, den grüblerischen Blick von der Brille gefasst. Dann erhebt er sich, bleibt zur Lesung stehen – ein Anwalt mit junger Stimme beim Plädoyer in eigener Sache. Der Schriftsteller ist angespannt, stürzt ein Glas Wasser nach dem anderen hinunter. Ein hagerer Athlet, ergraut, mit der rosigen Haut des Marathonläufers. Man hat von seiner Bestmarke gelesen: Wochenpensum 30 Trainingskilometer.

Die Miene des Romanciers ist einerseits spöttisch, andererseits distanziert. Man kennt den Typus nur zu gut: Alt-Linke von romantischer Empfindsamkeit gegenüber globalen Ungerechtigkeiten, die zu verändern die 68er-Generation angetreten war, leicht verletzlich in Stolz und Überzeugung. Von de Roulet hört man endlich wieder einmal den Namen Sartre. Nun wird beim Rückblick aus großen Hoffnungen große Melancholie; die Zustände sind, wie sie sind: „Gesellschaftlich hat sich wenig verbessert!“ Beim Eidgenossen rührt der momentane Frust auch daher, dass er in den Feuilletons wegen der sensationellen Enthüllung arg rangenommen wird.

Damals begleitete den „Polit-Anschlag“ („Blick“) klammheimliche Freude nicht zuletzt der bundesdeutschen Szene. Es war die Zeit der unbedingten Parolen „Sieg oder Tod“ und „Weg mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer“. Heute steht der Dichter unter doppeltem Rechtfertigungsdruck gegenüber einstigen Genossen, die sein Werk als Verrat an der Sache (miss-)verstehen, als überflüssige Entschuldigung bei Springer lesen und seinen nach ihrem Geschmack zu feierlichen Versöhnungswillen monieren. 1975 vermeldete die „Welt“ die spektakuläre Brandstiftung mit neun Zeilen, während sein Geständnis dem Blatt aktuell eine ganze Seite wert ist.

Vielleicht, weil er auch einen so poetischen wie illusionslosen Abgesang auf die wilden Jahre liefert. Seine Elegie handelt von der Vergeblichkeit von Hoffnung, getragen vom wehmütig-fernen Klang des Glücks, weil die Utopie machbar schien. Zwischen den Zeilen steht, man habe sie zwar geliebt, die Revolution, und wie. Aber womöglich nur deshalb, weil sie nie stattfand. Insbesondere nicht in der Schweiz, einer selbst in den Extremen politisch gemäßigten Zone.

Gesinnungspolizisten mutmaßen darüber hinaus, da wolle einer Knete abgreifen durch die Resteverwertung linker Gesinnung. Es hilft de Roulet nichts, dass er die Einnahmen seiner total verrückten, unglaublichen Selbstbezichtigung spenden will. Die Szene missgönnt Ruhm und Geld, wie der Polit-Aktivist anderen Ruhm und Geld missgönnte, als er noch keinen Namen hatte, sondern allein eine anschwellende Schnüffelakte der Polizei. Die führte ein schlussendlich drei Kilo schweres Dossier über den „gefährlichen Chaoten“ und zerstörte damit seine Architektenkarriere. Nur beim Zündeln im Oberland observierten ihn die „Bullen“ nicht. Ein perfektes Verbrechen!

Nach eigenen Beteuerungen kann de Roulet gut mit den schwankenden Urteilen umgehen. Das behauptete er jedenfalls beim „Egli Fitness“-Teller in der Kneipe News. Der Blick ging hinüber zur Helvetia über der Bahnhofs-Uhr, ein stimmiger Anblick zum Gespräch über die verlorene Zeit. In Wirklichkeit ist er feinnervig, von der Wucht voll getroffen, mit der die Beichte auf ihn zurückschlägt, von der NZZ zur „politischen Bankrotterklärung“ abgestempelt.

Auch wird der Ich-Erzähler attackiert, weil er die schwere Brandstiftung damit begründete, er habe Springer für einen Nazi gehalten! Holde Einfalt. Inzwischen habe er lernen müssen, dass der Großverleger kein Nazi gewesen sei. Man kann auch sagen: Erst in Erkenntnis seines Irrtums fühlt er sich der längst verjährten Tat schuldig. Weil er ihr die ideologische Begründung entzieht: „Ich habe einen Fehler gemacht, ich bereue es.“ Der Berner „Bund“ schreibt ihm hingegen ins Stammbuch, seine späte Einsicht „disqualifiziert noch lange nicht die Empörung einer ganzen Generation junger Menschen über die Perfidie und Verlogenheit der Springer-Presse“.

De Roulet macht einen erschöpften Eindruck und erklärt, lieber würde er schlafen als weitere Statements zu seiner durchaus sentimentalen „Vergangenheitsermittlung“ abgeben. Er kommt von Fernsehaufnahmen, trägt ein hellblaues Hemd mit Oxfordstruktur unter dem Sakko. Man könnte ihn für einen Abteilungsleiter halten – nach der Umschulung zum Informatiker einst seine Funktion im Genfer Kantonsspital. Zur Lesung am Abend belässt er es beim schwarzen T-Shirt unter dem Sakko. Kombiniert mit Jeans und Rucksack gibt ihm das die Aura eines Berufsjugendlichen, wie ihn hierzulande die Grünen kreierten.

Der gebürtige Genfer inszenierte das große Feuer vom 7. Januar 1975 als eine Lovestory. Von Entschlossenheit getrieben, rückte Springers Domizil ins Visier: „Ich wollte wenigstens dieses eine Mal zu meiner Überzeugung stehen … Ja, ich würde zur Tat schreiten.“ Mit der grünäugigen Freundin, „die schönste aller Frauen“, buchte er unter der Berufsbezeichnung Arzt im Gstaader Hotel Palace. Man nahm aus Tarnungsgründen beim Klassenfeind Quartier, als brauche ihr Abenteuer einen zusätzlichen Kick. Sie reisten getrennt an, Skier geschultert wie normale Touristen, über Gebühr verliebt, was ja vorkommen soll. Das Paar verhielt sich konspirativ bis hin zum Geflüster zweier Verschworener. Kaltblütig versteckte er die Bekennerbriefe zunächst im Friedhof Saanen. De Roulet hatte das Terrain ausbaldowert, Springers Gipfel-Refugium nahe der Baumgrenze war auf der Karte eingezeichnet. Vom Palace zoomte er sich mit dem Feldstecher ans Ziel heran, ein schwarzer Punkt nur, den es auszuradieren galt. Einmal entfacht, so das Kalkül, würde der Brandherd im Schnee unerreichbar sein. Tatsächlich stand das Haus nachts um vier lichterloh in Flammen. Es sah aus, als würde die Finsternis brennen. Die Feuerwehr kam nicht durch, auf Tatortfotos sind die verkohlten Reste zu sehen.

Springers Chalet auf 4500 Quadratmeter Almwiesen machte wenig her, trotz Kamin, Glockentürmchen, Granitfassade, Schieferdach, gepanzerter Haustür. Die Gemeinde Rougemont ließ den „deutschen Pressebaron“ auf dem Plateau außerhalb der regulären Bauzone siedeln, mit sagenhaftem Blick auf Wildstrubel, Sanetschpass, Oldenhorn und Diablerets-Gletscher. Ihr Ehrenbürger ließ sich im Gegenzug mit einer Spende über 400 000 Mark auch nicht lumpen. Für ihn war es offensichtlich eine Zuflucht von starkem symbolischem Wert, eine Adresse von der Sorte, die man hat, aber selten bewohnt. Fast 2000 Meter über dem Meer, enthob es ihn den Alltags-Niederungen. Dort hinauf konnten die APO-Parolen „Enteignet Springer!“ und „Springer-Mörder!“ nicht schallen. Im Flachland galt der Verleger der Protestbewegung als Hassfigur. Schon in de Roulets früherem Roman „Double“ geht es um „Bild“: „Axel Springer hetzt darin täglich gegen die studentische Gefahr.“

Ob er das Blatt gelesen hat? „Ich wüsste nicht.“ Doch was er zu wissen glaubte, entzündete schließlich dessen „windumbrausten Adlerhorst“, vom Autor damals mit Hitlers Alpenfestung am Obersalzberg gleichgesetzt; er nannte seine Aktion bewusst Operation Berchtesgaden.

Nach einer heftigen Liebesnacht im Palace (als sei es ihre letzte) beginnt das Pärchen den mühsamen, nicht enden wollenden Aufstieg. Bergan ertrinken sie fast im Tiefschnee, zumal sich de Roulet beim Kartenlesen verguckt. Seine Partnerin versteckt ihr Blondhaar unter einer schwarzen Perücke. Er trägt Seidenhandschuhe, um Fingerabdrücke zu vermeiden, im Tornister Brecheisen, Axt, Fernglas nebst Tatwaffen: rote Weihnachtskerzen und Brandpaste – „teuflisch simpel“. Die Polizei spekulierte später über den Modus operandi, verdächtigte deutsche Terroristen. Dabei hatte sich de Roulet aus einschlägigen Handbüchern der Schweizer Armee bedient. Major von Dach habe ein Guerilla-Buch für die Eidgenossen verfasst, worin Tipps für das Anzünden von Häusern nachzulesen seien.

De Roulet mag sich ausgemalt haben, der von ihm entfachte Großbrand könne mindestes symbolisch ein weithin sichtbares Fanal setzen. Er schreibt: „Ja, ich hatte eine Rechnung zu begleichen mit dem, der für so viele gedruckte Lügen verantwortlich war.“ Und: „Dieser Springer war ein mieses Schwein.“

Mit schmalen Fingern deutet de Roulet auf das Messtischblatt 1245, „Château-d’Oex“, Maßstab 1: 25 000. Der Tatort ist mit einem „X“ markiert. Exakt diese Stelle stimuliert seine Allmachtsfantasien, der Zorn glimmt stärker mit jedem Schritt. Der Bekennerbrief fordert: „Raus mit den Nazis und Dritte-Welt-Ausbeutern, die unsere herrlichen Alpen als Schlupfwinkel missbrauchen! Aber ein bisschen plötzlich, Kameraden!“

Endlich am Ziel, lauscht er der Stille, knackt einen Fensterladen, ein Moment, wie losgelöst von allem. Es bleibt keine Sekunde, die Angst in sich zu entdecken. Schon steht de Roulet im Wohnzimmer des Hauptfeinds. Die Einrichtung erinnert ihn an die vom Großvater im Engadin, was enttäuschend ist. Dann bastelt er aus Gardinen mehrere Brandherde. Schon geht’s durch die Hintertür hinaus zur Komplizin für die halsbrecherische Schussfahrt ins Tal. Ihre Liaison endete wenige Monate nach der Tat, als hätte sich ihre Passion in dem Coup erschöpft, ein Verbrechen aus Leidenschaft, ihre beiderseitige Einwilligung in ein bis heute bewahrtes Liebesgeheimnis. Selbst vor seinem Vater, einem Pfarrer, versiegelte de Roulet die Lippen.

Nach der Begegnung mit Kanzler Schröder schrieb der renommierte Literat die Geschichte auf, die Geschichte einer nachgetragenen Sehnsucht. Dann traf er die Freundin in Zürich wieder. Zwei vertraute Fremde. Sie entband ihn vom Schweigen. Sein lakonisches Buch ist der inzwischen an Krebs verstorbenen Geliebten gewidmet, ein Requiem für sie.

Der Täter kehrte eines Sommers zum Tatort zurück, fand heroben nur eine vom Hausherrn gestiftete Mahntafel mit dem Spruch des Nationalheiligen Nikolaus von der Flüe: „Was die Seele für den Leib ist, ist Gott für den Staat.“ Springer gab den Platz der Natur zurück. Von der Tat blieb nichts im Gedächtnis als das verschwenderische Licht eines strahlend blau erinnerten Wintersonntags.

Mit dem für seinen Fall zuständigen Lausanner Untersuchungsrichter hat de Roulet telefoniert. Der schmeichelte ihm, „Ihr Buch ist meine Bettlektüre“. De Roulet wird das Exemplar gelegentlich signieren.

So ändern sich die Zeiten.

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