Zeitung Heute : Sein erster Burger

Von Tanja Stelzer

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Ein Kind wird geboren, das ist eine Stunde Null. Ein neuer Mensch fängt noch mal ganz von vorn an, und er hat die Chance, alles richtig zu machen. Ein Leben nach den Zehn Geboten, kein Lügen, kein Betrügen, keine Burger. Das Problem ist: Kinder lieben Burger.

Letztes Wochenende waren wir auf Verwandtschaftsbesuch im Sauerland, am Sonntagmorgen fuhren wir zurück. Eigentlich wollten wir zu Hause zu Mittag essen, unser Kühlschrank bog sich unter der Last von BioHühnchen und Bio-Gemüse. Auf dem Rückweg standen wir im Stau; wir hatten die Wahl zwischen Autobahn-Raststätte und Burger King. In dieser Lage schien uns Burger King Vertrauen erweckender, wir dachten uns: Ein Burger, das ist eine sichere Sache – erst hastiges Schlingen, dann eine tiefe ketchuprote Befriedigung, am Ende das schlechte Gewissen, ok, das gehört dazu. Und war wirklich zu erwarten, dass wir auf einer Raststätte gesünderes Essen bekommen würden?

Mit einem Kleinkind zu Burger King zu gehen, das ist ungefähr so verboten wie auf der Autobahn wenden. Eltern denken für gewöhnlich, dass es auch mit einem ähnlichen Risiko für Leib und Leben des Kindes verbunden ist.

Noah ist noch nicht ganz anderthalb, aber er hat das Burger-Prinzip sofort begriffen: Was verboten ist, macht besonders viel Spaß. Es heißt ja immer, die Fast-Food-Ketten mischen eine Substanz in ihre Burger, die einen süchtig macht. Seit letztem Wochenende bin ich sicher, dass es diese geheimnisvolle Substanz wirklich gibt. Bei Noah hat sie innerhalb von drei Sekunden gewirkt. Die Tage zuvor hatte er schlecht gegessen, jetzt stopfte er mit der Rechten Pommes Frites, mit der Linken Stückchen einer Burger-Frikadelle in sich rein, dabei waren seine Augen auf die Musikvideos geheftet, die auf drei Fernsehmonitoren an der Wand liefen. Jedesmal, wenn er geschluckt hatte, kam ein Juchzen aus seinem Mund, und eine kleine Speichelfontäne sprühte heraus.

Der erste Besuch im Fast-Food-Restaurant, das ist eine Art Initiationsritus. Wir haben Noah zu einem Mitglied der spätkapitalistischen, dekadenten, sich selbst entfremdeten Gesellschaft gemacht. Das Abendgebet „Ich bin klein, mein Herz ist rein“ passt nun nicht mehr. Damals, in der Schule, fand ich die Sache mit der Erbsünde immer ziemlich kompliziert und abstrakt. Ich schätze, man könnte auch einfach sagen: Die Erbsünde ist, dass Kinder Burger lieben. Eine schlimme Sache, aber sie ist angeboren, man kann nichts dagegen tun.

Zurück zu Hause befeuerte ich mein schlechtes Gewissen mit der Lektüre im „Kursbuch gesunde Kinderernährung“, das mir eine Freundin geliehen hat. Darin steht, dass Burger BSE gebracht haben und dass für die Existenz eines süd- oder mittelamerikanischen Rindes etwa 18 000 Quadratmeter Regenwald in Weidefläche umgewandelt werden. Mitten im abgeholzten Regenwald klingelte das Telefon. Ein Freund war dran. Ob ich nächste Woche mit ihm „Supersize me“ sehen will? Ich sagte Ja und las noch die Kapitel „Würstchen“, „Nuss-Nugat-Creme“ und „Cola“.

Als ich das Buch zuklappte, hörte ich eine tiefe Stimme, die sagte: „Du hast versagt.“ Mein Kind lag schon im Bett. Es zuckte im Traum mit Händen und Füßen, und es lächelte. Noah hatte einen prima Tag.

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