Zeitung Heute : Sein Leben als Pudel

Der Tagesspiegel

Von Matthias Thibaut

Der heimliche Traum vom britischen Königreich als 51. Staat der USA wird öfter geträumt, als man denkt. Wir haben es immerhin mit Blutsverwandten zu tun, die eng verwoben sind durch Sprache, Geschäft und den einen oder anderen Waffengang.

Wenn Tony Blair kurz nach dem 11. September den Amerikanern zurief, „wir standen als erste an Eurer Seite und werden bis zum Schluss an Eurer Seite stehen“, war das gar nicht so sehr die staatsmännische Scharfsicht , die ihm auf der Weltbühne so viel Bewunderung eintrug. Womöglich war es eine spontane Reaktion aus dem Bauch. Womöglich meinte er gerade deshalb, was er sagte.

Diese Woche schickten die Briten 1700 weitere Soldaten in den Kampf gegen versprengte Al-Qaida Truppen. Die Amerikaner hatten sie angefordert. Wenige zweifeln daran, dass die britische Hilfsbereitschaft notfalls auch weitergeht. 25 000 britische Soldaten, berichtete der „Observer“, hätten die USA zum Schlag gegen den Irak schon einmal gebucht. Blair ist geschmeichelt und tut nichts, um den Kriegsspekulationen entgegen zu treten. Kritische Hinweise auf den brodelnden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, die labile Lage in Saudi Arabien, die unabsehbaren diplomatischen Folgen eines Schlags gegen Bagdad – Blair und seine Leute schweigen. Noch ist nichts entschieden, sagt man mit wichtigtuerischer Insidermiene. Der Sausediplomat Blair verhält sich wie der Pudel Amerikas.

Wie sich Blair seit dem 11. September immer tiefer in die Antiterrorismus-Strategie der USA hineinziehen lässt, hat sogar bei den Briten Unbehagen ausgelöst. Über 120 Labour-Abgeordnete haben einen Aufruf gegen voreilige Irak-Aktionen unterzeichnet. In dem Maße, wie die Liebe der Partei zu Blair verblasst, wächst das Misstrauen gegenüber seinem interventionistischen Idealismus, seiner militärischen Risikobereitschaft.

Die Nähe zu Amerika ist Fluch und Chance der Briten. Manchmal profitieren sie davon, als der engte Vertraute der Amerikaner zu gelten. Dann darf Blair in den USA als Stimme Europas und in Europa als Fürsprecher der USA auftreten. Immer öfter jedoch geraten sie in die Mühlen der Solidaritätskonflikte. Dann wird ihre Stimme undeutlich und schwach – wie jetzt, da Blair es bei Hilfs- und Botendiensten belässt, ohne seine Position in der Öffentlichkeit klar zu benennen. Nutzt er das neue Engagement in Afghanistan, um Einfluss auf die langfristige Strategie seines Bundesgenossen George Bush zu nehmen? Wieviel kritischen Spielraum nimmt er sich im Umgang mit den USA heraus? Und vor allem: Wo verlaufen die britischen Grenz- und Exitlinien? Blair schweigt oder versteckt sich hinter allgemeinen Phrasen. So aber wächst der Verdacht, dass dieser Pudel vielleicht doch keinen Kern hat.

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