Zeitung Heute : Sein letzter Streich

Riskante Vorwärtsverteidigung – das war schon immer Schröders Politikstil. Aber jetzt, gibt es da noch etwas zu verteidigen?

Tissy Bruns

Gerüchte? „Die gab es in Berlin schon häufiger“, unterbricht Gerhard Schröder, ganz der freundliche Rabauke, den er gerne gibt. Es ist Dienstag, und das Gerücht dieses Tages wird sich im Lauf der Woche als laues Lüftchen erweisen. Der Bundeskanzler befindet sich auf Dienstreise. In Bitterfeld weht ein frischer Wind, der die Surfer über das Wasser des gefluteten Tagebaus treibt. Der Ort hält sich nicht an die Erwartungen, die jeder flüchtige Besucher mitbringt. Der Kanzler auch nicht. Wer hier etwa einen Mann auf seinem bitteren Weg antreffen will, findet einen Schröder, der mit der üblichen Routine sein Programm abspult, der über Europa, die luxemburgische Präsidentschaft, die neuen Länder spricht. Und den Medien rät, nicht jeder „hergelaufenen Meldung hinterherzurennen“.

Zwei Tage später ist von diesem Schröder nichts zu spüren. Handfeste Tatsachen haben erzwungen, was er unbedingt vermeiden wollte: eine Erklärung zur Vertrauensfrage. Im Kanzleramt steht einer, der zur Institution geronnen ist. Er zeigt keines seiner beiden öffentlichen Gesichter: nicht das zugewandte, das ihn populär gemacht hat, nicht das grimmig versperrte, hinter dem er sich verschanzt, wenn er es wieder einmal allen zeigen muss. Nun spricht der Bundeskanzler, als solcher Verfassungsorgan und erste zuständige Instanz für die geordnete Abwicklung des politischen Weges von Gerhard Schröder, Volksschüler, Rechtsanwalt, Berufspolitiker, 61 Jahre, einfaches Mitglied der SPD, deren Vorsitzender er zeitweilig war.

Auf dieses Amt hat er vor 17 Monaten verzichtet, aus freien Stücken, ein Überraschungsakt. Vor drei Wochen hätte niemand geglaubt, dass er noch überboten werden könnte. Sein Ehrgeiz, hat Schröder einmal über sich gesagt, sei auch das Ergebnis von vorausgegangenen Kränkungen. Dieser Art von Ehrgeiz ähnelt die innere Freiheit, mit der er immer wieder verblüffende Streiche führen konnte. Denn es war stets die Freiheit des Bedrängten, der die riskante Vorwärtsverteidigung dem zähen Stellungskrieg vorzieht. Der Coup zeichnet die politische Stilistik dieses Bundeskanzlers aus; er hat ihn angewandt mit der Greencard, aus der ein Zuwanderungsgesetz wurde, oder als der Skandal bei der Bundesanstalt für Arbeit aufflog, den er in die Hartz-Gesetze überführt hat.

Die Eigenschaft, unter Hochdruck zu Bestform aufzulaufen, hat ihm widerwillige Achtung eingetragen bei denen, die ihm fern stehen. Und bei seinen Anhängern zu dem bequemen Glauben geführt: „Dem Gerd fällt schon noch was ein.“ Schröder, dem Grundsätze abgesprochen werden, keinesfalls aber Machtwillen, hat 2002 auf den Deichen gezeigt, was er kann: Ein beinahe besiegter Wahlkämpfer drehte den Spieß um. Die „zweite Halbzeit“, die er von den Wählern erbeten hatte, verdankt er nicht Zufall, Flut und Krieg, sondern der Tatkraft und der Fähigkeit, den glücklichen Zufall beim Schopfe zu packen.

Was geschieht, wenn so einer zu dem Ergebnis kommt, dass da nichts mehr ist, was beim Schopfe gepackt werden könnte? Der entschieden größte Coup des Gerhard Schröder. Im Willy-Brandt-Haus brandet am Abend der nordrhein-westfälischen Landtagswahl kräftiger Beifall auf, als der geschlagene SPD-Vorsitzende sich durch die Menge ans Rednerpult bewegt: Sozialdemokraten gehen solidarisch unter. Als Franz Müntefering nach zehn Sätzen verkündet, Schröder und er seien übereingekommen, Neuwahlen im Herbst anzustreben, reagiert das Foyer mit vereinzeltem Händeklatschen, gepresstem Ächzen, schließlich einem großen Durchatmen. In den Gesichtern steht: Donnerwetter!

Ein glänzender Schachzug – doch mit dem Nachteil, dass er die Erfahrungen der vorhergegangenen nicht einkalkuliert hat. Denn es hat sich festgesetzt, dass solche Coups nur ein Ziel haben: die Macht zu erobern oder zu erhalten. Die Fähigkeit zum Verzicht ist in der Wahrnehmung des Machtmenschen Schröder nicht vorgesehen. Die freiwillige vorzeitige Preisgabe des Amtes passt so wenig zur Person, dass selbst in der CDU, der Schröder die Regierungsmacht auf dem Silbertablett überreicht, in den ersten Tagen danach kopfschüttelnd gesagt wird: „Wer weiß, was dem Schröder noch alles einfällt.“

In der SPD weicht die Überraschung nur zögernd der Erkenntnis, dass am Abend des 22. Mai die rot-grüne Koalition beendet worden ist. Es bricht ein ungeheures Unwetter aus, das nicht zufällig in Beschimpfungen des Bundespräsidenten gipfelt. Es ist die Abwehrschlacht der gekränkten sozialdemokratischen Seele gegen eine Wahrheit, die Schröder nicht öffentlich ausgesprochen, dem Bundespräsidenten aber erzählt haben soll: Das „Erpressungspotenzial“ in den eigenen Reihen habe dazu geführt, dass der Kanzler keine verlässliche Mehrheit mehr hinter sich habe.

Es ist diese Wahrheit und Schröders Weigerung, sie öffentlich auszusprechen, die seinen Machtverzicht glaubhaft machen. Denn Schröders Ehrgeiz kommt nicht nur aus vergangenen Kränkungen. „Wir waren die Asozialen“, sagt er über seine Herkunft. Im Wahljahr 2002 merkt er mit Genugtuung bei einem Besuch in seinem Heimatdorf, wo man ihn einst abschätzig behandelt hat, wie jetzt jeder Tuchfühlung mit dem Kanzler sucht. Schröder, zeitweilig als „Genosse der Bosse“ tituliert, hat die Enttäuschung hingenommen, dass er aus der Wirtschaft nie unterstützt worden ist. Und auch die zweite, dass er, der Medienkanzler, Gegenwind gerade von den Medien bekommen hat, die als ihm nahe stehend gelten. Längst genießt er auch die fröhliche Verachtung, die nur ein erfolgreicher Aufsteiger sich Menschen gegenüber erlauben kann, die es viel leichter hatten als er selbst. In Wirtschaftsverbänden sind sie zahlreich vertreten. „Leute, Leute, Leute“, sagt ein zurückgelehnter Schröder der Journalistenrunde, die ihm 2002 das Geständnis abjagen will, dass er im ersten Fernsehduell gegen Stoiber gar nicht gut ausgesehen hat. Und alle hören, was er nicht ausspricht, aber meint: „Das macht mir doch von euch keiner nach.“

Schröders Ehrgeiz ist auch der eines Aufsteigers, der nur sich selbst und seinen Leistungen verdankt, was er kann, was er hat, was er ist. Er kann laut „Ich“ sagen und hat wenig Neigung zu der Demut, die eine Partei wie die SPD verlangt. Er ist der erste Kanzler, der seinen Aufstieg überwiegend neben oder gegen seine Partei betrieben hat. Schröder, von Herkunft und Denkweise Sozialdemokrat durch und durch, findet schon als Juso-Chef, als seine Gefährten sich theorieverliebt in Programmschlachten ergehen, dass es vor allem auf die „Zustimmung der Massen“ ankomme. Nur einmal hat er sich der Parteiraison gefügt, als er1986 aus Rücksicht auf den Kanzlerkandidaten Johannes Rau darauf verzichtet hat, mit der Orientierung auf Rot-Grün in den niedersächsischen Wahlkampf zu ziehen. Diese Wahl verliert er; fortan bestreitet er den innerparteilichen Weg mit Hilfe der Medien und der Wähler. Die gegen Oskar Lafontaine hart erkämpfte Kanzlerkandidatur verdankt er den Niedersachsen, die er – damals längst Ministerpräsident – dazu aufgerufen hat, aus der Landtagswahl 1998 ein Plebiszit über den künftigen Kanzlerkandidaten der SPD zu machen. Die Medien hat er seit dem ersten Regierungsjahr überwiegend gegen sich. Die Wähler hat er, ein biografischer Triumph, 2002 trotzdem gewonnen.

Nicht mit der Blockade im Bundesrat hat Schröder seinen Neuwahlplan begründet. Er will von den Wählen aus dem Amt getragen werden. Nicht von der SPD, die Willy Brandt oft genug gequält und Helmut Schmidt gestürzt hat. Der schöne Schein demokratischer Demut vor dem Souverän deckt sich mit dem Ehrgeiz, am Ende sogar den Machtverlust in der eigenen Hand zu halten. In diesen Tagen sieht es aus, als sei Schröder damit gescheitert. Trost finden seine Vertrauten in der schlichten Frage: Was aber, wenn er weitergemacht hätte? Abstimmungsniederlagen, Zermürbung, vorzeitiger Machtverlust. Kurzum: noch schlimmer.

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