Zeitung Heute : Sein Motto: Erst kalkulieren, dann reden

Russlands Präsident Putin hat den Ruf eines kühlen Pragmatikers

Elke Windisch[Moskau]

Er sitzt ganz ruhig da, hört konzentriert zu und unterbricht seine Gesprächspartner selten. Nur ein paar gelegentliche hastige Bewegungen der Hände – böse Zungen würden „hilflos“ sagen – und das Sich-Zurechtsetzen im Sessel, bei dem der Oberkörper ein-, zweimal nach vorne schnellt, verraten, welcher Aufruhr in der Seele des Kremlherrschers toben muss. Das Geiseldrama in Moskau ist die bisher größte Herausforderung in der zweieinhalbjährigen Amtszeit Wladimir Putins, der sich im März 2004 der Wiederwahl stellen muss. Bei der feierlichen Amtseinführung im Mai 2000 hatte er sein Amt so charakterisiert: In Russland sei stets der Präsident persönlich für alles verantwortlich.

Eben diesen Satz hielten ihm dann Kritiker vor, als drei Monate später die „Kursk“ mit 118 Mann an Bord in der Barentssee versank. Putin brach seinen Urlaub erst drei Tage später ab und erklärte dies damit, seine Anwesenheit vor Ort hätte die Rettungsarbeiten eher behindert. Damit hat er durchaus Recht, denn Russland ist nach wie vor ein Obrigkeitsstaat, wo niedere Chargen lieber gar nichts statt das Verkehrte tun. Ob die Zurückhaltung politisch klug war, steht auf einem anderen Blatt. Was westliche Pragmatiker als durchaus wohltuend empfinden, kontrollierte Emotionen in Krisensituationen, kommt bei der russischen Volksseele nicht unbedingt gut an. Poltergeist Boris Jelzin, Putins Vorgänger, entsprach der schon eher. Seine Entscheidungen, auch in Krisensituationen, kamen oft aus dem Bauch. Putin hat eine andere Devise, die er schon während seiner KGB-Zeit verinnerlichte: Erst kalkulieren, dann reden.

Trotzdem unterliefen Putin rhetorische Peinlichkeiten, die ihn bis heute verfolgen. So sagte er, damals noch als Premier, zu Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges 1999: „Wir werden die Terroristen massakrieren. Notfalls auf dem Lokus.“ Jetzt sind die Terroristen dabei, den Spieß umzudrehen und Putin politisch zu demontieren.

Doch Putin ist vom Naturell her ein Kämpfer, der auch Niederlagen und Fehler – selbst verschuldete wie Einfälle seiner Berater – gnadenlos analysiert und aus ihnen lernt. Nicht nur wegen seines Programms, auch der Form nach ist Putin der erste wirklich moderne Politiker, der Russland führt. Dabei vereint sein Amt eine vormoderne Machtfülle, von der die Kollegen Chirac und Bush nur träumen können. Putin wird dieser Machtfülle indes auch durch seine Abwartehaltung gerecht. Offensichtlich hofft der russische Präsident, die Geiselnehmer erst zu zermürben, um bei einem möglichen Sturm durch die Elite-Einheit „Alfa“ so viel Menschleben wie möglich zu retten.

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