Zeitung Heute : Sein oder Nichtsein

Bayern München – das war der FC Hoeneß, seit 30 Jahren. Und jetzt der Absturz. Geht eine Ära zu Ende?

Helmut Schümann

Die Ernüchterung brauchte keine 24 Stunden. Dann stand Ottmar Hitzfeld, der am Donnerstag noch bei seiner strahlenden Heimkehr nach München tatendurstig den erneuten Titelgewinn anvisiert hatte, erschüttert im Nürnberger Stadion. Der FC Bayern hatte 0:3 verloren, und Hitzfelds Gesicht, ohnehin von langen Trainerjahren verwittert und zerknittert, bot noch ein paar mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Vom Titelgewinn mochte er nicht mehr reden, allenfalls davon, dass der FC Bayern vielleicht, wenn das Glück hold ist, wenn alles gutgeht, wenn sich alle anstrengen, wenn die Konkurrenz nicht so arg streng ist, ja, wenn der Himmel hilft und der Fußballgott dazu, mit Ach und Krach Platz drei der Bundesliga erreicht. Platz drei, der Gnadenakt der Bundesliga, mehr nicht. Und das dem FC Bayern München, der die Meisterschaft und den Pokalgewinn quasi per Satzung verankert sieht.

Bahnt sich da die Umwälzung jahrzehntealter und bewährter Werte an? Irgendwie war es schon bezeichnend, dass niemand auf Münchner Seite von der besonderen Schmerzhaftigkeit einer Niederlage ausgerechnet beim fränkischen Nachbarn sprach. Nahezu ein Jahrhundert lang bediente dieses Duell besondere Emotionen, weil es dabei nie nur um einen Sieg in einem Fußballspiel ging, sondern stets auch um die folkloristische Hoheit. Aber Folklore im Fußball des neuen Jahrtausends? Kein Platz mehr. Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern, stand mühsam von seinem Platz auf, schaute entgeistert ins Rund, klappte seine Brille zu und verschwand. Ein bisschen war es, als klappe er nicht nur seine Sehhilfe zu, sondern ein Kapitel.

Krisen hat sich der FC Bayern alljährlich mit der gleichen Sicherheit genommen, wie Herbststürme kommen. Aber das waren immer nur leichte Turbulenzen, ein bisschen hochgepusht von der Münchner Boulevardpresse, lächerlich wie Oliver Kahns Eskapaden, nichtig wie Franz Beckenbauers bösmeinende Elaborate in den diversen Publikationen, lustig wie Giovanni Trapattonis Brandrede oder kindisch wie die Aufplustereien all der Matthäusse und Effenbergs, die den FC Bayern durchliefen. Am Ende stand so fest wie die Alpen: Es gibt nur einen FC Bayern, und das ist der, dem hierzulande keiner das Wasser reichen kann. Doch nun mehren sich, wie im richtigen Leben, die Zeichen eines Klimawandels.

Dass der FC Bayern sportlich und bilanztechnisch im internationalen Vergleich nicht mehr mithalten kann, daran hat man sich schon gewöhnen müssen. Immer wieder hatte es neue Versuche gegeben, bei den Großen mitzuspielen, und wenn die Großen Nein gesagt hatten, blieb zum Trost immer noch die nationale Vorherrschaft. Und wenn mal einer aufmüpfig wurde, wie weiland Borussia Dortmund, ja mei, dann war das unseriös, hatte kein Fundament und platzte wie die New Economy. Aber nun haben sie in vielen Jahren geduldiger Kleinarbeit oben im Norden an der Weser bei Werder Bremen eine grundsolide Feste gebaut, die so leicht nicht mehr zu erschüttern ist. Und tief im Westen, wo einst polnische Leiharbeiter erst die Kohle förderten und dann den Fußball auf Schalke zum Kreiseln brachten, fließt russisches Gasgeld von „Gazprom“. Wozu Geld aus der russischen Energiegewinnung fähig ist, hat Roman Abramowitsch in London bewiesen und den FC Chelsea zur sportlichen wie finanziellen Bank gemacht. Hat der FC Bayern München, der Visionär in allen fußballerischen Fragen, der Pionier auf dem weiten Vermarktungsfeld, die Entwicklung verschlafen?

„Unser Ottmar“, hatte Hoeneß gesagt, als der alte, neue Trainer am Donnerstag in München begrüßt und der Presse vorgestellt worden war. „Unser Ottmar.“ Und er strahlte dabei, wie nur er strahlen kann, ziemlich glücklich, ziemlich erleichtert und reichlich verschmitzt, gerade so, wie ein Kind sich freut, wenn unterm Weihnachtsbaum alles in Ordnung ist. „Unser Ottmar.“ Das klingt ja auch ein wenig, als sei der gute Onkel mal wieder da, nur zu Besuch, aber er bleibt ein wenig länger und hat auch etwas mitgebracht.

Drei Wochen zuvor noch hatte derselbe Uli Hoeneß auch schon im Pressekabuff des FC Bayern München gestanden und verzweifelt um Worte gerungen, weil er Sebastian Deisler verabschieden musste, den kranken Nachwuchs, dem die Hoffnung abhanden gekommen war, die Krankheit noch einmal besiegen zu können. Viel mehr als „Albtraum“ kam Hoeneß dabei nicht über die Lippen. Und für ein Lächeln war auch kein Anlass, mehr für den Ausdruck tiefer Anteilnahme, tiefer Trauer und großer Enttäuschung, genau so, als verlasse der Lieblingssohn Haus und Nest.

Aber, bei aller Trauer, so hat er es doch insgesamt gerne, der Uli Hoeneß: Der FC Bayern München ist zwar ein Konzern innerhalb der Fußballbranche, aber er ist auch immer noch eine große Familie. Menschlich geht es da zu, ein bisschen bajuwarisch barock, warm, da wird kein Spieler ausgesondert, keiner zum alten Eisen geschoben, nein, da bekommt der verdiente Sportler Mehmet Scholl eine Pensionssicherung, da werden für den verdienten Sportler Gerd Müller Arbeitsplätze geschaffen, und, so sprach Hoeneß nach der Entlassung von Felix Magath, „wer die hervorragende Arbeit von Felix Magath nicht lobt und anerkennt, bekommt es mit mir zu tun“. Mag es stürmen und schneien, die Familie hält zusammen.

Mag sein. Aber wird es so bleiben, kann es so bleiben? Nun, nachdem mal wieder ein Trainer gescheitert ist an den großen Ansprüchen, die der bayerischen Familie einen Platz neben den großen weltumspannenden Clans verordnen? Und das waren doch der Plan und das Ziel: auf Augenhöhe zu stehen mit den nach England emigrierten Ölbaronen aus Russland und den Gelddruckern aus Italien und Spanien. Mit der einen, aber offensichtlichen Einschränkung: Auf dem Weg zum Ziel darf die Familienehre nicht leiden.

Die Familie. Es sind Patriarchen, die an ihrer Spitze stehen: Da ist der leicht flirrende, mitunter lustig abgedrehte Firlefranz Beckenbauer, Präsident, Guru, Übervater, Gottvater, irgendwas Transzendentales von da oben halt. Dessen Wort ist mal Geschwätz, mal Gesetz, der ist mal hier, mal dort, nicht immer ernst zu nehmen, aber wenn er anfängt zu grummeln, weil es gegen seine Bayern geht oder dort etwas schiefläuft, dann zuckt halb Deutschland, und die Bayern ducken sich. Als Beckenbauer nach dem verlorenen Spiel in Dortmund wütend grantelte, der Schweinsteiger, „dös is doch kei Spielmacher net“, da war schon klar, dass nicht nur die Tage von Felix Magath gezählt sein würden, sondern, bei aller Wertschätzung, bereits die Stunden.

Dann ist da der harte Kalle, der schon mal streng werdende Vorstandsvorsitzende Rummenigge, der missliebigen Journalisten Hausverbot erteilt und auch ansonsten für die grobkörnige Arbeit zuständig ist. Killer-Kalle wird er intern genannt, aber ganz so wild ist es dann auch nicht, noch wurde niemand mit Betonschuhen aus der Isar gefischt. Dem Magath hat auch er hinterhergerufen, dass „seine Arbeit und Erfolge nur in rosigen und höchsten Tönen“ zu bewerten seien.

Und dann ist da natürlich der Patron der Patriarchen. Papa Uli, der konservative Hoeneß. Der hat als Zweitvorname den Berufstitel Manager – Manager im Fußball, gute Güte, das ist eine Bezeichnung aus der Gründerzeit, als die Fußbälle noch mit der Luftpumpe aufgeblasen wurden. Und das ist schon fast seine Charakterisierung. Notfalls sucht so einer, wie geschehen, auch noch den Samen für die Rasensaat persönlich aus. Im Grunde genommen war der FC Bayern seit fast 30 Jahren der FC Hoeneß, mal der FC HoeneßBeckenbauer, dann der FC HoeneßBeckenbauerRummenigge, schließlich der FC HoeneßRummeniggeBeckenbauer, aber Hoeneß stand immer an der ideologischen Spitze. Erst war er in den 70er Jahren zuständig für die Arroganz der Bayern, die in langen Lederhosen durchs Land zogen. In den 80ern personifizierte er die Cleverness der Bayern, die den Markt sondierten, als die anderen noch glaubten, auf dem Markt gebe es nur Obst und Gemüse. Und in den 90ern propagierte er die Solidität. Da war einer seiner Lieblingssprüche, dass die anderen Klubs bei anstehenden Transfers „nach links in die Kreditabteilung gehen müssen, wir aber gehen geradeaus zum Festgeldkonto“. Das war das Credo des Managers, „ich kann nur das Geld ausgeben, das ich habe“, damit ist er aufgewachsen als Sohn eines kleinen Metzgers in Ulm, damit hat er nach seiner Fußballerkarriere neben seinem Job beim FC Bayern eine überaus erfolgreiche Wurstfabrik in Nürnberg aufgebaut, und damit hat er schließlich den FC Bayern zu Ruhm und Reichtum gebracht. Allein, ob dieses Credo noch zeitgemäß ist, wenn anderswo das Geld aus der Pipeline fließt?

Und heute? Wofür steht Uli Hoeneß? Anfang des Jahres gab er der „Bild“ einen überraschenden Einblick in sein Innenleben. Der Teil in ihm, der für die Verbalinjurien verantwortlich war, für die Spitzen gegen Konkurrenten, für die Verunsicherungen, kurzum: die Abteilung Attacke, die sei nun geschlossen. Das hörte sich altersmilde an und ein bisschen müde, was mit 53 Jahren wohl noch etwas früh ist, nach 30 Jahren Fußballstress aber verständlich erscheint. Und sind nicht auch die Herausforderungen zu immens, wenn da ein schwäbischer Sparer gegen das mächtigste Geld der Welt antritt? Diese Herausforderungen zu bewältigen, erfordert vom FC Bayern einen ideologischen Quantensprung: Kreditaufnahmen, schwindelerregende Spielergehälter, Risiken – ohne dies geht es nicht mehr, nicht in der Champions League und zunehmend auch in der Bundesliga nicht.

Kommen die internen Probleme hinzu. Da mag man schon müde werden, ständig intervenieren zu müssen bei dickköpfigen Trainern. Das war bei Otto Rehhagel so, bei Erich Ribbeck ganz besonders, auch in der Endphase des ersten Engagements von Ottmar Hitzfeld. Und jetzt diese Sturheit, wie sie Magath demonstrierte, als er den Nationalspieler Podolski zum Lernen in die Ecke stellte. Oder wie er festhielt an einem System, das zwei Jahre erfolgreich war und in diesen beiden Jahren die Doppelung des Pokalgewinns und der Meisterschaft brachte. Warum etwas ändern? Nur, weil der wichtigste Spieler dieses Systems, Michael Ballack, entfleucht ist zu den russischen Ölmillionen? Das war der sportliche Fehler von Magath, die Mannschaft nicht neu gestaltet zu haben, Ottmar Hitzfeld wird schon erkannt haben, was für eine Arbeit da vor ihm liegt.

„Stagnation ist Rückschritt“, noch so ein Lieblingslehrsatz des Managers. Aber wie er so dastand am Donnerstag an der Säbener Straße an der Seite von Ottmar Hitzfeld, da war ein gewisses Déjà-vu nicht zu übersehen: Das hatten wir doch alles schon mal – nicht gerade visionär. Von Seiten des Trainers soll es das auch nicht sein, der versteht sich bloß als Retter vor dem drohenden Untergang. Er denke mitnichten daran, am Ende der Saison sein Engagement zu verlängern. Indes, Uli Hoeneß mag das nicht ausschließen. Fehlt ihm die Idee? Fehlt ihm das Zuvertrauen, die Könner der Branche nach München in die Bundesliga zu locken? Weil die internationale Aussicht versperrt ist mangels Risikobereitschaft auf dem Transfermarkt? Oder ist die Sache doch wieder nur eine seiner Finten, bei denen er Ruhe extern ausstrahlt und intern wuselt wie verrückt? Vor der Weltmeisterschaft hatte Hoeneß seinen Abschied für 2006 verkündet. Nach der WM war von 2008 die Rede. Wer ihn ersetzen soll, ist völlig unklar. Geeignet erscheint allein der Bremer Manager Klaus Allofs, an der Weser wird von ersten Sondierungsgesprächen gemunkelt, aber gemunkelt wird viel. Was also tun bis dahin. Müde sein und abwarten?

Keine Zeit für Müdigkeit: Am Mittwoch musste Magath ordentlich verabschiedet werden und Hitzfeld installiert. Und, das am Rande, zwischendurch rief auch noch Milan Sasic an, der Trainer des Zweitligisten TuS Koblenz, und fragte um die Freigabe des Nachwuchsspielers Stefan Maierhofer nach. So schnell dürfte selten eine Freigabe erteilt worden sein, dem Vernehmen nach brauchte es keine 120 Sekunden dafür. Am Donnerstag war Gipfeltreffen der G 14 am Tegernsee, der Gemeinschaft der wichtigsten europäischen Fußballklubs. Der wichtigste deutsche Klub innerhalb Europas ist der FC Bayern ja immerhin noch. Am Freitag dann musste Hoeneß für Mannschaft und Trainer da sein vor dem Spiel in Nürnberg. Danach klappte er die Brille zu.

Vielleicht gibt es ja noch einen Epilog. Es existiert nämlich noch eine Seite im schwäbischen Gemütsmenschen Uli Hoeneß: Das ist die, die so agiert, wie der Fußballer einst spielte. Weit legte sich Uli Hoeneß den Ball vor, weit in des Gegners Raum, irgendwohin in eine Utopie. Dann rannte er Ball und Utopie hinterher. Sehr spekulativ, aber sehr erfolgreich. Auf die Frage, auf welchem Bein er denn mehr stehe, auf dem Würstchen-Bein in Nürnberg oder auf dem Manager-Bein in München, sagte Uli Hoeneß einmal: „Auf dem Börsenbein.“ Der Mann spekuliert, auch das sehr erfolgreich. Privat ist er also durchaus risikobereit. Eigentlich muss er nur noch über seinen Schatten springen.

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