• Sein Spitzname ist Mr. Peace. Der Mann aus Algerien hat im Libanon und in Afghanistan wahre Wunder gewirkt. Jetztwill der Sondergesandte der UN im Irak sein Meisterstück vollbringen. Wer ist Lakhdar Brahimi? ZUR PERSON

Zeitung Heute : Sein Spitzname ist Mr. Peace. Der Mann aus Algerien hat im Libanon und in Afghanistan wahre Wunder gewirkt. Jetztwill der Sondergesandte der UN im Irak sein Meisterstück vollbringen. Wer ist Lakhdar Brahimi? ZUR PERSON

Caroline Fetscher

WAS MACHT LAKHDAR BRAHIMI AUS?

Selten sah die Welt einen so glücklichen Diplomaten. Der Schock des 11. September war keine drei Monate her, als der UN-Mann Lakhdar Brahimi zum Abschluss der Bonner Afghanistan-Konferenz verkündete, es gebe eine neue Regierung. Strahlend blickte Brahimi vom Podium am Petersberg ins Publikum. Er hatte es geschafft. Zwischen zerstrittenen Fraktionen war Frieden hergestellt, im Land der besiegten Taliban sollten die Trümmer aufgeräumt und Terroristen keinen Platz mehr haben. Brahimi war damals schon in einem Alter, in dem andere in Rente gehen. In seinen zerfurchten Zügen lag Müdigkeit, hinter dem Strahlen seiner Blicke hing ein Schleier tiefer Erschöpfung. Nach diesen zehn Tagen und Nächten nahezu ohne Schlaf, hieß es, sei er später zusammengebrochen. Man fürchtete um ihn. Zu Unrecht. Denn diesen Diplomaten hat noch keine Krise geschafft. Im Gegenteil. Er ist es, der die Krisen zu meistern weiß, wie kein Zweiter. Als Sondergesandter des UN-Generalsekretärs, schon zu Zeiten von Boutros Boutros Ghali, hat Brahimi in Haiti, Jemen, Liberia und Zaire Frieden gestiftet, Zigtausende von Flugstunden trugen den Shuttlediplomaten, der bei der UN den Spitznamen „Mr. Peace“ erhielt, von einer Krise zur nächsten. Sein erster Einsatz als „troubleshooter“ galt 1993 Zaire, der heutigen Republik Kongo. Wo auch immer man ihn hinschickte – die Leute hörten auf sein Wort. „Ich sage ihnen: Hört auf zu schießen und fangt an zu reden“, verriet er einst einem französischen Journalisten seine kaum überraschende Zauberformel.

Bill Clintons Anerkennung gewann Brahimi, als er Mitte der 90er Jahre in Haiti die streitenden Parteien einte, die Bewunderung von George W. Bush für den „Job in Afghanistan“. Jetzt hat Brahimi die Aufgabe, für den von Bürgerkrieg bedrohten Irak eine Übergangsregierung zu finden, wenn die amerikanische Besatzungsverwaltung ab 30. Juni „aufhören wird zu existieren“, wie US-Außenminister Colin Powell erklärte. Schiiten, Sunniten wie Kurden sollen in dem Gremium repräsentiert sein, Männer wie Frauen. Eine Balance der Interessen muss entstehen, eine Textur, die den Irak zusammenhält und eine politische Dynamik, die in demokratische Wahlen mündet. Gelingt Brahimi all das, dann krönt diese Leistung sein Werk.

Begonnen hat der Lebensweg Lakhdar Brahimis am Neujahrstag 1934 in Aziza im Süden Algeriens. Später folgte das Studium in Algier und in der Hauptstadt des Mutterlandes der damaligen Kolonie Algerien, in Paris. Brahimi wählte Jura und Politikwissenschaften und begann dann in Algerien eine Karriere als Diplomat. Al-Akdhar Al-Ibrahimi, wie er, etwa beim Sender Al Dschasira, auf arabisch, genannt wird, wurde im Jahre nach der Unabhängigkeit 1963 der erste Botschafter Algeriens in Kairo, amtierte später als Spitzendiplomat im Sudan und in London. Er arbeitete als Berater des Staatspräsidenten Chadli Bendjedid ehe er von 1991 bis 1993 zum Außenminister unter Premier Sid Ahmed Ghozali avancierte.

WAS TREIBT IHN AN?

Als prägendste Phase gelten Brahimis Jahre im Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens und als stellvertretender Vorsitzender der Arabischen Liga von 1984 bis 1991. Aus dem Juristen wurde ein Streiter für die Belange der Dritten Welt. Schon 1956 gehörte er zu den Mitbegründern der Union Islamischer Studenten Algeriens, die beim Generalstreik der Front Nationale de Liberation (FLN) mitmachte. Seine Haltung gegenüber Großmächten ist unverändert kritisch, bis heute.

2002, dem Jahr in dem Brahimi von der Harvard Law School einen Preis für seine herausragende Rolle als Vermittler in Konflikten erhalten hatte, sprach er im November vor der Dag Hammarskjöld-Gesellschaft in Schweden zum Thema Rechtsstaatlichkeit. Deutlich war seine Kritik an Amerika, als Land, das den Internationalen Strafgerichtshof ablehnt. Jene Vereinigten Staaten, sagte er, „die sich selbst als die Champions der Demokratie sehen, und aktiv – ja aggressiv – ihre Ideale verfolgen“, wollten ausgerechnet da nicht dabei sein, wo es zentral um die Achtung vor dem Völkerrecht geht. So ruhig und geduldig er wirken mag – Brahimi ist stets auch ein Aktivist, einer mit einer politischen Agenda.

Als Vertreter der FLN ging er mit Anfang zwanzig für einige Jahre ins Exil nach Jakarta und wirkte einige Jahre als FLN-Funktionär in Tunis und Kairo. Hier lernte der junge Mann seine Frau kennen. Deren Vater war Titos Beauftragter in Kairo, wo der jugoslawische Diplomat für den Befreiungskampf der FLN Waffenlieferungen abwickelte. Der Ehe Brahimis mit der Kroatin entstammen drei Kinder, darunter die schöne Rym Brahimi, bis vor kurzem eine CNN-Journalistin. Rym, die vom Kosovokrieg und aus Saudi-Arabien berichtete, war auch während der Bombardierung Bagdads 2003 vor Ort. Im April hat sie ihren Job beim Sender gekündigt, um ein Märchen aus Tausend-undeine-Nacht zu leben: Rym wird Prinzessin, Brahimi Schwiegervater eines Prinzen. In Amman lernte die Reporterin Prinz Ali kennen, den Halbbruder von König Abdullah II., und am 7. September soll in Frankreich, der Wahlheimat Brahimis, Hochzeit gefeiert werden. Bis dahin muss er den Irak vom Kopf auf die Füße gestellt haben.

Ihm steht ein möglicher Albtraum bevor, kein Märchen. Er wird alles brauchen, was er in seinem Handwerk als Friedensmacher erlernt hat. Seine Lehrjahre begann er noch im Auftrag der arabischen Liga. Dort lieferte Brahimi sein Meisterstück ab, als er 1991 im Libanon das Abkommen von Taef aushandelte, das den Bürgerkrieg beendete. Mit der UN steht ihm seit Jahren ein weitaus größerer Apparat zur Verfügung, doch der Mann ist auch bekannt als einer, der die Schwachstellen der UN mit am besten kennt. In seiner als „Brahimi-Report“ bekannt gewordenen Analyse der Blauhelm-Einsätze seit 1948, geißelt er insbesondere das Versagen der UN in Ruanda 1994 und Srebrenica 1995 und verlangt eine gründliche Reform.

WER SIND DIE FEINDE UND FREUNDE?

Unlängst ist ein unsanfter Ton in Brahimis Duktus gelangt – zum Entsetzen nicht nur von Amerikanern und Israelis. In einem Radiointerview mit einem französischen Sender erläuterte Brahimi seine Ansichten zum Leiden der Palästinenser und der Regierung Scharon: „Die israelische Politik der Dominanz ist das große Gift der Region“, urteilte er. Verwerflich sei „ebenso die ungerechte Unterstützung der USA für diese Politik“. Auf die Nachfrage eines schockierten Journalisten, wie dies auszulegen sei, entgegnete Brahimi: „Das ist nicht meine Meinung. Das ist eine Tatsache.“ Zu Feinden hat sich Brahimi fürs Erste nicht nur die Israelis gemacht, auch amerikanische Medien reagierten bestürzt. Der Kolumnist William Safire von der „New York Times“ bezeichnete Brahimis Stil als „anti-westliche, arabische Demagogie“, manche Politiker halten Brahimi inzwischen für eine Fehlbesetzung. Das kalifornische Simon Wiesenthal Center forderte am 28. April Brahimis Abzug aus der Irak-Mission, „sollte es sich erweisen, dass die Vorwürfe des Antisemitismus wahr sind“.

Feinde hat Brahimi aber auch an einer anderen Front: Weder die radikalen Schiiten, die in ihm den sunnitischen Moslem sehen, noch Al Qaida wünschen sich, dass Brahimi im Irak reüssiert. Auch der von den USA bis vor kurzem favorisierte irakische Politiker Ahmed Chalabi findet Fehler an Brahimi. Er verfolge eine „arabisch-nationalistische Agenda“ und sei nicht der Mann, den der Irak brauche.

KANN ER DEN IRAK RETTEN?

Mit Brahimi als Geburtshelfer soll aus dem physisch und moralisch zerrütteten Land eine Demokratie werden – oder mindestens eine Vorform der Demokratie. Der Irak soll einen Präsidenten haben, zwei Vizepräsidenten, einen Premierminister, und 26 Ministerien. Vor Brahimi türmt sich ein Berg von Aufgaben, so muss auch das Pendant zur Entnazifizierung, die „Entbaathisierung“ in Gang kommen. Konsequent gehandhabt wären dann Hunderttausende ehemaliger Anhänger der Baath-Partei Saddam Husseins nicht mehr einsetzbar. Ohne unbeliebte Kompromisse wird der Prozess nicht geschehen, wie Chalabi es laut sagt. Chalabi wünscht auch eine weitere Untersuchung des UN-Skandals im Oil-for- Food-Programm, wo fünf Milliarden Dollar in der Organisation selbst veruntreut worden sein sollen. Doch eine Bloßstellung der UN kann sich auch der Topkritiker Brahimi jetzt nicht leisten.

Aus Verhandlungen, etwa mit Warlords in Afghanistan, weiß Brahimi, wie man Kompromisse macht. Nie sind sie ganz unbefleckt. Doch wie irrational die Emotionen in einem Land nach dreißig Jahren Diktatur, nach Kriegen, Chaos und Instabilität werden können, kann kaum jemand voraussehen. Die fragmentierte Gesellschaft muss sich zumindest auf einen Nenner einigen: Dass sie die Autorität der Übergangsregierung akzeptiert, bis die Bevölkerung durch Wahlen selbst das Sagen haben wird. Bis dahin wird Brahimi häufig mit seiner Gebetskette spielen und sich Klagen anhören müssen. Der Krisenmanager wird den Schutz nicht nur von Allah brauchen. Viel Schutz, effektiven. Und mehr, als er ihn in jedem anderen Krisengebiet je zuvor nötig hatte.

GEBOREN

Lakhdar Brahimi wurde am 1. Januar 1934

im Süden Algeriens

geboren und entstammt einer Honoratiorenfamilie.

AUSBILDUNG

Er studierte in Algerien und Frankreich Jura und Politikwissenschaften. Er spricht fließend Arabisch, Französisch und Englisch.

WERDEGANG

Bereits in jungen

Jahren engagierte sich

Brahimi für die Front de Liberation Nationale (FLN), die für die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich kämpfte. Nach einer steilen diplomatischen Karriere gelang ihm

zwischen 1989 und 1991 sein erster Coup: die Unterzeichnung eines Friedensvertrags für den Libanon.

FAMILIE

Brahimi ist verheiratet und Vater von drei

Kindern. Tsp

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