Zeitung Heute : Sein Weg in ihre Herzen

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Von Hans Monath

und Markus Feldenkirchen

Gerhard Schröder gehört nicht zu den Menschen, denen es unangenehm wäre, im Mittelpunkt zu stehen und gefeiert zu werden. Aber diese demonstrative Jubelstunde nach seiner Rede auf dem Wahlparteitag wird auch ihm langsam unangenehm. „Jetzt könnten se aber Schluss machen“, sagt er nach links gewendet zu Franz Müntefering. Doch hinter ihm versuchen Otto Schily und Kurt Bodewig gerade eine La-Ola-Welle unter den Vorstandsgenossen auf der Bühne ins Rollen zu bringen. Schily und Bodewig gelten sonst eher nicht als Spaßmacher. Aber die SPD-Führung ist wild zur Fröhlichkeit entschlossen, die Basis auch. Die 524 Delegierten haben sich vorgenommen, die Partei aus der Lethargie zu klatschen.

Satte neun Minuten jubeln sie ihrem Kanzlerparteichef zu. Der atmet durch, reckt die Hände gleich 22 Mal zum doppelten Victory-Zeichen in die Luft. Selten, so scheint es, waren Parteichef und Partei so eng beisammen. Schröder trägt heute kein Jackett.

Es soll einmal einen sozialdemokratischen Spitzenpolitiker gegeben haben, den man den Genossen der Bosse nannte. Dieses Image ist Schröder nach dieser sozialdemokratischen Sonntagsrede vorerst los. Er hatte all das in seine 15 Manuskriptseiten gepackt, was der Parteiseele gut tut.

Es war einmal ein Medienkanzler. Fast hatte man den Eindruck, dieser Parteitag solle eine rein interne Veranstaltung sein, konzipiert, um die eigenen Leute in Stimmung zu bringen, keine Wahlrede. Besonders deutlich wird das, als Schröder plötzlich stockt und sich an die Fotografen und Kameraleuten wendet, die vor ihm einen dichten Ring bilden. „Ich rede nicht für Euch, sondern für die Delegierten. Also setzt Euch hin, damit die was sehen können!“, blafft er die verdutzte Meute an und wartet bösen Blickes, bis diese in die Knie geht.

Es war auch mal ein Kanzler, der zum Entsetzen der Basis mit der FDP flirtete. Manchmal traue er seinen Augen nicht, wenn er so lese, welchen Weg die FDP eingeschlagen habe, sagt Schröder. Ihr Programm sei ein „radikaler Angriff auf den sozialen Frieden“ im Land. Dies sei keine Verheißung, sondern eine Schreckensvision. Manchmal habe er den Eindruck, das Menschenbild der FDP sei das des geklonten Marktteilnehmers.

Die FDP soll sich entscheiden

Der Vergleich holpert zwar, aber die Genossen johlen bei diesen Passagen besonders laut auf. „Ihr müsst Euch entscheiden“, sagt Schröder an die FDP-Adresse. Zwischen der guten Tradition der liberalen Partei, zwischen wahren Freidemokraten wie Scheel und Genscher oder dem Kurs des „Fallschirmakrobaten“ Möllemann. Ohne diese Entscheidung sei die FDP nicht regierungsfähig. „Für niemanden in Deutschland.“

Es war einmal ein Kanzler, der die Entscheidung des 22. Septembers auf die einfache Formel brachte: „Der oder ich.“ Doch diesmal kommt der eigentliche Herausforderer des Kanzlers, Edmund Stoiber, in dessen Rede gar nicht vor. Das Signal heißt: Schröder nimmt sich weniger wichtig als die Partei und ihre Ziele.

Meist spricht der Parteivorsitzende deshalb nur von „den Anderen“, wenn er die politischen Gegner von der Union meint. Ein „Dokument der Täuschung“ nennt er deren Programm, es sei nicht solide: „Es ist nicht ehrlich, und deshalb ist es auch nicht menschlich.“ Die von der Union versprochene Senkung der Staatsquote würde „die totale Entstaatlichkeit der Politik“ einleiten. Auch verfolge die Union ein „verstaubtes und reaktionäres Familienbild“, wolle „zurück in den reaktionären Ständestaat".

Das Ziel: sozialer Ausgleich

Es war einmal ein Parteichef, der in seiner Partei bisweilen fast als fremd galt, jedenfalls wenig Emotionen weckte. Doch diesmal zielt direkt ins Herz der rund 500 Delegierten, wenn er die gesamte Bilanz der eigenen Regierung und den Anspruch auf die Fortsetzung der Regierungsarbeit aus dem Ziel der Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleichs begründet. Die Sozialdemokraten wollten „eine Gesellschaft, in der Solidarität, in der das Füreinander-da-Sein mehr zählt als die Ellenbogen“, sagt Schröder und zitiert Vorgänger und Übervater Willy Brandt.

Der zweite Anspruch der SPD, das Land zu erneuern, erscheint da fast als nachrangig im Vergleich zum Ziel des sozialen Ausgleichs. Nur der soziale Zusammenhalt gebe die Legitimation, die notwendigen Reformen auch durchzusetzen, meint der Parteichef. Natürlich fällt die Bilanz von vier Regierungsjahren auch in der Ökonomie positiv aus: Der Wirtschaftsstandort Deutschland sei „stabil und attraktiv wie nie zuvor". Auch sei es eine Leistung der Regierung, dass die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zu 1998 um eine halbe Million gesunken seien. „Das reicht nicht, aber wir sollen doch diesen Erfolg nicht kleinreden“, fordert der Kanzler.

Es war auch einmal ein Kanzler, der einzelne SPD-Minister seines Kabinetts öffentlich lobte und damit Unfrieden bei den Nicht-Gelobten schuf. Aufmerksam registrieren die Delegierten, dass Schröder dem Kabinett diesmal „ohne Ausnahme“ für die geleistete Arbeit dankt, später aber Fischer als einzigem Minister Anerkennung zollt. Den Partner in der Koalition, die Bündnisgrünen, aber erwähnt er kein einziges Mal. Nur Generalsekretär Franz Müntefering sagt später, das Ziel sei klar: „Rot-Grün geht weiter.“

Die Differenz zwischen Kanzler und Partei, die der SPD so lange zu schaffen machte, hat ausgerechnet der geächtete Ex-Parteichef Oskar Lafontaine den Genossen in seinem neuem Buch „Die Wut wächst“ vorgehalten – und das erregt die Partei. Schröder nennt nicht einmal Lafontaines n, aber er zeigt, dass er weiß, was die SPD beschäftigt. Es komme nicht darauf an, wer zuerst losläuft, sagt er gegen Ende über den Vorsprung des bürgerlichen Lagers in den Umfragen, sondern wer als Erster ins Ziel komme. Der letzte Satz steht nicht mehr im Manuskript: „Nun geht zu den Menschen und sagt ihnen frei heraus: Der Mut wächst."

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