Zeitung Heute : Sein Werkzeug ist die Stille

Die erste Begegnung mit ihm? Wenige können sich daran erinnern, Franz Müntefering war eben immer da. Eine Art Schattenmann der Partei. Ab Sonntag wird er neuer SPD-Vorsitzender sein. Angst davor hat er nicht: „Wer gewinnen will, muss gewinnen wollen. Ich will“, sagt er.

Jana Simon

Franz Müntefering nähert sich lautlos. Plötzlich ist er da und wirft den Delegierten auf dem Rostocker Kreisparteitag ein kurzes „Morgen“ zu. Den Blick auf den Boden gerichtet, eilt er nach vorn zum Podium, die Delegierten heben für einen Augenblick die Köpfe. Müntefering wird kaum bemerkt und ist doch der Star, er kann unscheinbar auffällig sein. Bescheidenheit bei maximaler Präsenz. So hat er sich vom Unterbezirksvorsitzenden zum höchsten Amt der Sozialdemokratie, dem Parteivorsitz, emporgearbeitet, still jede Stufe der Hierarchie einzeln genommen. Jeder Schritt ein Sieg.

Franz Müntefering erklimmt des Podium, hinter ihm leuchtet in weißer Schrift: „Wir gestalten das moderne Mecklenburg-Vorpommern“. Vor ihm sitzen Menschen um die 50, die Männer tragen Anzüge in gedeckten Farben. Die Ostsee-Sparkasse hat einen Saal zur Verfügung gestellt, gelbe Gardinen, graue Auslegeware, Grünpflanzen in jeder Ecke.

Vor Münteferings Ankunft haben die Delegierten im Vorraum an den Stehtischchen gelehnt und geschwiegen. Uwe Michaelis, Ortsvereinsvorsitzender Rostock-Nord, hatte gesagt, dass es momentan ganz schön schwer sei, SPD-Mitglied zu sein. Die Freunde am Stammtisch würden pöbeln, und sogar die eigene Frau mache Ärger. Er müsse sich nur noch rechtfertigen. Michaelis hofft jetzt auf Müntefering. „Dass was passiert, dass es wieder besser wird mit der SPD.“ So genau weiß er es auch nicht. Abwechselnd ist Franz Müntefering, 64 Jahre alt, der Retter oder die Seele der Partei. Er soll alles verändern, dabei aber dafür sorgen, dass alles bleibt, wie es ist.

Es ist nicht leicht, über Franz Müntefering zu schreiben, weil man trotz vieler Texte und Interviews eigentlich wenig über ihn weiß. Langjährige Weggefährten wie Gerhard Schröder oder Hans-Jochen Vogel können sich nicht an ihre erste Begegnung mit ihm erinnern. Der Franz war eben da. Müntefering scheint immer irgendwie dabei gewesen zu sein, aber im Hintergrund. Eine Art Schattenmann der SPD. Er wurde erst mit 50 von der Presse entdeckt, und er hegt eine Vorliebe für kurze Hauptsätze, die er aneinander reiht, und dann folgt Schweigen. Andere bemühen sich, keine Gesprächspausen entstehen zu lassen, bei ihm hat man den Eindruck, die Stille könnte endlos währen. Irgendwann ahnt man, die Stille ist sein Werkzeug, so bringt er sein Gegenüber zum Sprechen, zwingt es zum Handeln.

In Rostock tritt Franz Müntefering ans Rednerpult und begrüßt den Saal: „Liebe Genossen“, sagt er. Ein Journalist um die 20 beginnt zu kichern. Genossen. Hihi. Müntefering spricht über die Wichtigkeit von Vereinen, über den Irak-Krieg, über die bittere Erkenntnis, dass Wachstum kein Naturgesetz sei, über Erbschaftssteuer, Bürgerversicherung, er hebt die Rechte, keiner solle in Deutschland nach der Schule ohne Ausbildungsplatz bleiben. Klatschen. Und er verspricht, in diesem Jahr werden nicht so viele neue Gesetze kommen wie im vergangenen. Lautes Klatschen. Aber die Agenda 2010 stehe. Hm.

Blick ins Nirgendwo

Müntefering redet meist frei, Stichpunkte stehen auf einem kleinen Zettel, einige Textbausteine verwendet er immer wieder. Während er vorträgt, verharrt Müntefering in fast völliger Bewegungslosigkeit, nur ab und zu hebt er einen Arm. Er schaut auch nicht immer ins Publikum, oft richtet sich sein Blick konzentriert über die Köpfe hinweg ins Nirgendwo, die Gesichtszüge wie gefroren. Im nächsten Augenblick lächelt er plötzlich, ganz kurz. Es ist kein Profilächeln, eher klein, zurückhaltend, für sich. Das sind die Momente, in denen man ahnt, da ist noch etwas jenseits des disziplinierten Politarbeiters.

In seiner Rede ist er am Punkt Seelenmassage für SPD-Mitglieder angelangt: „Ich weiß, es ist nicht ganz leicht im Moment…Wir haben zu viele, die immer alles nur besser wissen, statt mitzumachen… Aber wir machen gute Politik.“ Die Schultern der Delegierten entspannen sich, einige schlagen beschwingt die Beine übereinander. Franz Müntefering gibt den Menschen um sich herum ein gutes Gefühl, er nennt es „gleiche Augenhöhe“. Als der Rostocker Oberbürgermeister verspätet den Saal betritt, sagt Müntefering „Grüß dich“ und legt ihm seine Hand auf den Arm. Der Bürgermeister lächelt entrückt.

Gerd Josef Plass öffnet die Tür zu seinem Haus, ein weißer Flachbau in Sundern, Sauerland. Er führt ins Wohnzimmer, schwarze Ledercouchgruppe, Klavier, weißer Teppich, an einer Stange hängen Politiker-Marionetten, Plass’ Frau hat sie gebastelt. Die Figur von Franz Müntefering blickt von der Poleposition ins Wohnzimmer; es folgen Schröder und Brandt. Plass lässt sich in den Sessel fallen. Er ist eine Art Müntefering-Sprecher in Sachen Vergangenheit, 63 Jahre alt, schlank und groß. Auf Fotos überragt er Müntefering um einen Kopf. Seit der Schule kennt er ihn, später gehen sie in dieselbe Partei. Beide stammen aus „Malocherfamilien“. Der Unterschied zwischen ihnen ist: Plass studierte, wurde Studiendirektor am Gymnasium und blieb in Sundern, Müntefering verließ nach der 8. Klasse die Schule und viele Jahre später auch die Stadt. Plass neigt den Kopf, den Blick nach innen gerichtet. Es sieht aus, als wundere er sich noch heute darüber, dass sein alter Freund den Absprung gewagt hat.

Freund ist so ein Wort, dass in Franz Münteferings Umfeld selten fällt. Es gibt Bekannte, Bewunderer, ja, Weggefährten, Parteigenossen. Aber Freunde? Auch Plass scheint bei dieser Frage ratlos. Doch ja, es sei schon eine Freundschaft. „Aber so eine tiefe Vertrautheit, das gibt’s mit ihm nicht.“ Er macht eine kurze Pause, überlegt. „Er macht sich nicht gemein“, sagt er dann. Da bleibt immer etwas Unausgesprochenes, etwas, dass er nicht mit anderen teilt. „Er weiß wesentlich mehr über meine Kinder, als ich über seine“, sagt Plass.

Er wird am Sonntag zum Parteitag nach Berlin fahren, und bis heute telefonieren sie ab und zu, Plass überbringt Neuigkeiten aus der alten Heimat und fungiert als „Briefträger“. „Du kennst doch den Franz“, setzen die Menschen in Sundern an, und dann folgt eine Bitte oder ein Auftrag, oft sind sie ziemlich absurd, ob der Franz nicht etwas machen könne, beim Hauskauf helfen oder einen Ehestreit schlichten. „Der hat jetzt was zu sagen“, sagen die Sunderaner.

Als Plass in den 60er Jahren vom Studium nach Sundern zurückkehrte, musste er feststellen, dass Franz Müntefering in der Zwischenzeit weit mehr gelesen hatte als er. „Der konnte Gottfried Benn zitieren, das war sensationell“, sagt er. Er hat den leisen Aufstieg des Franz M. verfolgt, wie er sich in den Stadtrat wählen ließ, „wie er unmerklich Seilschaften aufbaute“. Sogar Vater der Sunderaner Fußgängerzone sei Müntefering. Mit dem Slogan „Wir treffen uns im Zentrum“ hatte er erst die Menschen angelockt und schließlich überzeugt. Und als er 1975 in den Bundestag nachrückte, dachten Plass und wahrscheinlich ganz Sundern: „Das ist jetzt der Zenit.“

Plass’ Hand fährt durch die Luft, er deutet auf den Garten vor seinem Fenster. „Und das in diesem Umfeld“, sagt er. Er meint damit seine Stadt: 30000 Einwohner, mittelständische Betriebe, 73 Millionäre, katholisch bis ins Mark. CDU-Wählen gehört zum guten Ton, einen SPD-Bürgermeister gab es noch nie. Hier trat Franz Müntefering 1966 in die SPD ein, drei Jahre später Plass. Nachbarn wandten sich ab; es gab Stress in der Familie. Die SPD, das lag außerhalb des Vorstellbaren, das waren Zugezogene, Vertriebene, Protestanten – fast schon Gottlose. Gerd Josef Plass hielt die Zurückweisung kaum aus. „Da musst du durch“, sagte Müntefering nur.

Franz Müntefering nennt den Geist dieser Zeit „Mief“. Dies und ein diffuses Benachteiligungsgefühl brachten ihn wohl zur SPD. Noch heute ist eine seiner Hauptforderungen: gleiche Bildungschancen für alle. Zu Beginn hat er sogar einmal mit der FDP geliebäugelt, aber nur sehr kurz. Als junges SPD-Mitglied kämpfte er gegen die „Aktion saubere Leinwand“, in Sundern durften keine „unkeuschen Filme“ gezeigt werden. Müntefering siegte und der Kinobetreiber wurde sein erster Fan: Er hatte plötzlich viel mehr Zuschauer. Trotzdem, an bestimmte Regeln der Kleinstadt musste auch er sich halten, Müntefering heiratete mit 21. Er war auch nie ein 68er, er trug zwar die Haare lang, „aber in Kommunen kann man sich den Franz nicht vorstellen“, sagt Plass. Müntefering selbst meint, er sei schon zu erwachsen gewesen: Anstellung, Heirat, zwei Kinder.

Gerd Josef Plass drückt sich aus dem Sessel, er muss kurz ans Telefon, er gibt jetzt täglich Interviews, versucht für die Journalisten alte Arbeitskollegen aus der Firma Pingel zu finden, in der Müntefering 20 Jahre als Industriekaufmann gearbeitet hat. Kaum jemand mag etwas Schlechtes über Müntefering sagen. Nur diese Scheidung, Ende der 80er. Die Scheidung verzeihen ihm die Sunderaner nicht. Man lässt sich nun mal nicht scheiden, und die Neue ist obendrein nicht von hier. Die Kleinstadt urteilt gnadenlos, bis heute.

Plass zeigt auf die schwarze Couch an der Wand: „Dort sitzt er immer und raucht Zigarillo.“ Dass Müntefering mit dem Rauchen angefangen hat, also das hätte Plass nicht von ihm erwartet. „Aber er inhaliert ja nicht“, sagt er, und es klingt ein wenig nach Clinton und den Joints. Plass nimmt Fotos von einem Stapel auf dem Tisch, auf ihnen trägt Müntefering Trainingsjacke, eine Strähne hängt ihm immer im Gesicht. „Seine Anzüge haben sich mehr gewandelt als sein Inneres“, sagt Plass. Das einzige Mal, dass Müntefering eine Meinung wirklich geändert habe, das war 2002. Plass bewundert das: „Er hätte der Darling der Genossen werden können, dem hat er widerstanden.“ Er hat sich für Reformen, auch für Sozialkürzungen entschieden. Plass lehnt sich zurück, seine langen Arme schwingen unruhig hin und her. Ihm würden die Knie schlottern, wenn er sich in die Tradition von Lasalle und Brandt stellen sollte. „Die Großkopferten“, wie er sie nennt. Er lächelt, nun gehört sein alter Freund dazu, eingereiht in die historische Linie.

Auf der Sundern-Hitliste steht Franz Müntefering immerhin schon auf Platz zwei. Nummer eins ist das Tennisteam, das deutscher Meister ist. Wer weiß, wie lange noch.

Franz Müntefering sitzt in seinem Büro im Berliner Jakob-Kaiser-Haus. Es ist der erste schöne Tag seit langem. Von seinem Fenster kann er auf den Reichstag und die Spree blicken. Er trinkt Tee, wirkt entspannt. Nein, sagt er, er habe keine Angst, dass er die ganzen Erwartungen nicht erfüllen könne. Das sei eine Mentalitätsfrage. „Wer gewinnen will, muss gewinnen wollen. Ich will“, sagt er. Noch vor vier Monaten hätte Müntefering nie an den Parteivorsitz gedacht: „Ich habe nie bezweifelt, dass ich das kann.“

Die SPD befindet sich in ihrer schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, die Stimmung ist trotz Personalwechsel noch nicht besser geworden. Die Konstellation der Doppelspitze sei riskant, sagt er. „Muss nicht klappen, kann aber, wird klappen“, fügt er hinzu. Er kennt die Partei wie kaum ein anderer, er hat Hunderte, nein, Tausende Genossen bei seinem Aufstieg kennen gelernt, er weiß, wer wer ist, kann sich Gesichter merken. Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, den Müntefering einmal sein Vorbild genannt hat, erinnert sich an ihre gemeinsame Zeit im Bundestag. Die Wichtigkeit einer Person innerhalb der Fraktion könne man daran messen, ob sich bei einer Rede der Geräuschpegel hebt oder senkt. „Bei Müntefering tendierte er gegen null.“

Franz Müntefering ist zu all den kleinen Ortsverbänden gereist, hat in ungemütlichen Sälen gesessen, Bier mitgetrunken und zugehört. Seine Mitarbeiter sagen, er habe sich nie beschwert, auch nicht, wenn das Essen mal ungenießbar war. Er wird nie laut, nie ausfallend. Nach außen scheint er immer in derselben Gemütsverfassung. Die, die ihn kennen, zählen Sekundärtugenden auf, wenn sie ihn beschreiben: fleißig, arbeitsam, diszipliniert, zuverlässig. Aber manchmal gehe eine gewisse Kälte von ihm aus. Ein Vertrauter sagt: „Neben Müntefering kann man sterben, ohne dass er es merkt.“ Ein harter Satz, der ihn gesagt hat, will nicht namentlich zitiert werden.

Franz Müntefering sieht aus dem Fenster. Er schaut oft zur Seite und nicht in das Gesicht seines Gegenübers, nicht aus Unsicherheit. Es wirkt, als brauche er Freiraum, um sich ganz auf sich zu konzentrieren. „Mein Innerstes kehre ich nicht hinaus“, sagt er – und: „Ich war ein Einzelkind, vielleicht hat mich das geprägt.“

Fragile Doppelspitze

Seine Mutter wollte nach dem Krieg nach Amerika auswandern, sein Vater nicht, er kam gerade aus dem Krieg. Also blieben sie. Sie bauten ein Haus, das war auch ein Grund, warum Müntefering nicht weiter zur Schule gehen konnte. Das Geld wurde woanders gebraucht. Für den Vater, den Fabrikarbeiter, war es schon ein Fortschritt, dass sein Sohn „aufs Büro ging“, Industriekaufmann lernte. Franz Müntefering sagt, er habe seinen Vater nie mit einem Buch gesehen.

Er selbst begann zu lesen: Sartre, Camus, Dostojewski. Schuld und Sühne. Seine Mutter beobachtete diese Entwicklung skeptisch – sie fürchtete, die Lektüre bringe die Seele ihres Sohnes in Unruhe. Müntefering grinst. Sie hatte wohl Recht. Er spricht von einer gewissen Melancholie in dieser Zeit und darüber, dass es nur einen Freund gab, mit dem er die neuen Erkenntnisse teilen konnte. Der verunglückte 1973. „Das hat mich sehr bewegt.“ Schweigen. Vielleicht erklärt das seine Abwehr gegen Nähe. „Ich habe Freundschaften vor vielen Jahren wenig gepflegt, darauf bin ich nicht stolz“, sagt er. Manchmal denkt er jetzt mit seiner Frau darüber nach, wer eigentlich bleibt nach dem Leben in der Politik.

Mit Gerhard Schröder verbindet ihn „mehr als eine Parteifreundschaft“, was immer das auch heißen mag. Der forsche Schröder und der leise Müntefering, sie sind sich näher gekommen in den vergangenen Jahren, sagen beide. „Wie es genau wird, wird die Strecke zeigen.“ Ein klassischer Müntefering-Hauptsatz. Jedes kleine Missverständnis, eine eitle Geste, eine ungenaue Formulierung kann die fragile Doppelspitze entzweien, die SPD die Macht kosten, ihre beiden Karrieren beenden. Müntefering sagt, er vertraue Schröder. Und Schröder glaubt, dass Müntefering nicht seinen Job will. Im Augenblick ist das wohl auch so.

Müntefering geht zum Schreibtisch, holt ein Brillenputztuch aus der Schublade, setzt sich wieder, Blick nach rechts. Es wird keine leichte Aufgabe, ein Machtexperiment. Er muss mit dem Kanzler auskommen, die Partei zur Ruhe bringen, beide miteinander aussöhnen, auf Reformen drängen und dabei die sozialdemokratischen Traditionen wahren. Müntefering soll der Retter, der Freund, der Visionär, der Mediator sein. Wie er das genau schaffen will, weiß er auch nicht. „Ich mache keinen Plan im Sandkasten, ich handle“, sagt er. In diesen Momenten erzählt er dann immer von seiner persönlichen Wende, als er 2002 bemerkte: Kein Wachstum mehr, leere Kasse – es muss sich etwas grundsätzlich ändern. Er unterstützt die Reformen, Agenda 2010, auch die darin enthaltenen Sozialkürzungen. Er denkt, sie sind der einzige Weg aus der Krise. Er, der immer Politik „für die kleinen Leute“ gemacht hat, den sie „Betonsozi“ nannten, der noch kurz zuvor gefordert hatte, die Bürger sollten auf Konsum verzichten und ihr Geld lieber dem Staat geben. Wenn einer wie er sich wandelt, dann muss es ernst sein.

Das Unikat

Franz Müntefering trinkt Tee, lächelt, eine Frau habe neulich zu ihm gesagt, er sei ja viel freundlicher, als sie gedacht habe, und kleiner. Das Fernsehen täuscht. Vor Kameras erscheint Müntefering zu erstarren, die Falten tief und streng, der Rücken gerade gedrückt. Als hätte jemand zu ihm gesagt: „Nur nicht bewegen.“ Daher rührt die Annahme, er sei unoriginell, steif, ein grauer Apparatschik. In der Wirklichkeit gewinnt er. „Unikat ist man schon“, sagt Müntefering und lächelt wieder. Plötzlich hat man eine Ahnung, dieser Mann weiß eine ganze Menge über sich. Wahrscheinlich ist sein Aufstieg eine Folge aggressiven Understatements.

Auf dem Kreisparteitag in Rostock streift sich Franz Müntefering ein Blouson mit der Aufschrift des Olymp-Clubs über. Nur so als Geste der Unterstützung. Nach ihm spricht der Oberbürgermeister: „Deine Worte machen Mut, Franz, denn sie führen in die Zukunft.“ In der Toilette schminken sich zwei blonde Damen für den Kulturbeitrag. „Vielleicht kommen wir so mal ins Kanzleramt“, sagen sie. Im Saal sucht der Versammlungsleiter verzweifelt nach der Vorsitzenden der Antragskommission. Müntefering scherzt mit seinem Nebenmann auf dem Podium. Wie lange will er sich das noch antun? Bestimmt geht er gleich. Und Müntefering bleibt und bleibt und bleibt.

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