Zeitung Heute : Sein zweites Gesicht

Heute gar nicht arrogant: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verkündet einen Rekordgewinn

Rolf Obertreis[Frankfurt a. M.]

Als Josef Ackermann am Donnerstagmorgen mit seinen Vorstandskollegen den Hermann-Josef-Abs-Saal in der Frankfurter Junghofstraße betritt, bewegt sich nichts in seinem Gesicht. Es ist so regungslos wie die Gesichtszüge des ehemaligen Vorstandssprechers, der Ikone Hermann Josef Abs, nach dem der Saal benannt wurde und der – in Stein gehauen – am Eingang steht.

Ackermann wirkt angespannt. Mit Freude scheint er dem Auftritt vor rund 200 Journalisten nicht entgegenzusehen. Obwohl die Geschäftszahlen der Bank so gut sind wie seit fünf Jahren nicht mehr. Wieder einmal hat die Deutsche Bank die deutsche Konkurrenz weit abgehängt und ein Rekordjahr bilanziert. Dem Marktführer geht es gut, sehr gut. Der Gewinn ist unter dem Strich auf 3,8 Milliarden Euro gestiegen, die Geschäfte wachsen – vor allem im Investmentbanking. Fast 1,3 Milliarden Euro wird die Bank an ihre Aktionäre ausschütten. Und die Boni für die Vorstände, Investmentbanker und Top-Angestellten werden üppiger ausfallen als in den Jahren zuvor.

„Passion to perform“ steht in großen Buchstaben auf der Wand hinter dem Podium. Leistung aus Leidenschaft. Damit wirbt die mit Abstand größte deutsche Bank seit einigen Jahren. Unter dem weißen Schriftzug auf blauem Grund wird Ackermann von einem Dutzend Fernsehkameras und noch mehr Fotografen empfangen. Der 57-Jährige lächelt nervös. Seine vollen, von einigen grauen Strähnen durchzogenen Haare sind locker nach hinten gekämmt. Die dunkelblaue Krawatte auf dem roséfarbenen Hemd sitzt wie immer korrekt. Wie seine Vorstandskollegen trägt Ackermann die Banker-Kluft – einen dunklen Anzug.

Erst als er Platz nimmt und sein britischer Pressechef Simon Picombe in gebrochenem Deutsch die Pressekonferenz eröffnet, löst sich die Spannung. Ackermann kommt zur Sache. Mit schweizerisch gefärbter Stimme trägt er einen Wust von Zahlen vor, an denen sich ablesen lässt: Bei der Deutschen Bank sprudeln die Milliarden. Stolz weist er auf die Auszeichnungen hin, darunter der Oscar der Finanzbranche, mit denen die Deutsche Bank dekoriert wurde. 2005 hat sie sogar die mächtigen Konkurrenten aus den USA, England und der Schweiz ausgestochen. „Wir wollten so gut wie die Besten sein“, wird er später sagen. 2005 hat er es geschafft. 40 Minuten spricht der mächtigste Banker der Republik. Ruhig. Gelassen. Der wie kaum ein anderer Banker öffentlich Gescholtene wirkt nicht überheblich oder arrogant. Keine Siegerpose. Ackermann bleibt sachlich.

Mit besonderer Betonung widmet er sich dem Geschäft in Deutschland. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass in diesem Jahr 500 Mitarbeiter neu eingestellt werden sollen. Netto versteht sich. „Wir bauen Stellen auf, nicht ab“, sagt er und nippt an seinem Wasserglas, schaut in die Runde. Den Anwesenden ist noch gut in Erinnerung, wie Ackermann an gleicher Stelle vor einem Jahr einen Sturm der Empörung auslöste, als er einen Gewinnsprung in einem Atemzug mit der Entlassung von 6400 Beschäftigten erwähnte. Heute passiert nichts.

Ackermann präsentiert die Bank als Wohltäterin. Er hebt hervor, dass sie im vergangenen Jahr 90 Millionen Euro für die Opfer von Naturkatastrophen, für soziale und kulturelle Einrichtungen ausgegeben hat. „Wir verlieren die Bedürfnisse der Gesellschaft nicht aus den Augen.“ Und wie eine milde Gabe wirkt irgendwie auch die Ankündigung, dass die Deutsche Bank jenen Anlegern, die durch die Schließung des Immobilienfonds möglicherweise geschädigt wurden, volle Entschädigung verspricht.

Ackermanns Gesichtszüge und Gesten geraten in Bewegung, als es um die Stimmung im Lande geht – und um den angekratzten Ruf der Deutschen Bank. Die Regierung habe einen guten Start erwischt, die Reformen müssten jetzt fortgesetzt werden. Mehr Freiheit, mehr Mut wünscht sich Ackermann. Deutschland habe alle Chancen. „Daraus kann etwas Starkes werden.“

In den Medien sieht sich der Vorstandsvorsitzende oft falsch dargestellt. Dass er und seine mitunter missglückten Auftritte der Grund dafür sind – darüber spricht er nicht. Fehler einzugestehen – das ist den Bankern schon immer schwer gefallen.

Stattdessen motiviert sich Ackermann lieber selbst. „500 Briefe haben mich nach dem Mannesmann-Urteil von Karlsruhe erreicht. Ich solle weitermachen. Die Unterstützung ist gewaltig“, ruft er fast in den Abs-Saal hinein. Und im Ausland sei das ohnehin der Fall. An Rückzug denkt Ackermann nicht. Und wenn es doch notwendig sein sollte, weil er in Sachen Mannesmann doch noch verurteilt wird, will er nicht zu den Abkassierern gehören. „Wenn ich dann gehen muss, bekomme ich keinen Cent“, sagt Ackermann. „Das habe ich dem Aufsichtsrat geschrieben.“ Später sagt er es noch einmal deutlicher: Im Falle einer Verurteilung werde er zurücktreten, und wenn er zurücktrete, dann werde er auf eine Abfindung verzichten.

Ackermanns Vertrag wurde am Mittwoch erst bis 2010 verlängert – der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie legte kurz danach um einen Euro zu, insgesamt sind es also eine halbe Milliarde Euro, die Ackermann den Finanzmärkten wert ist.

Ackermann also redet vom Abschied, und er lächelt dabei sein durchaus sympathisches, fast spitzbübisches Lächeln. Ob die traditionell bei 62 Jahren liegende Altersgrenze für die Top-Manager der Deutschen Bank hoch gesetzt werde, will ein Journalist wissen. Ackermann winkt ab. „Ich habe großen Wert darauf gelegt, nicht länger als bis 62 arbeiten zu müssen“, sagt er. In wenigen Tagen wird er 58. „Es gibt schließlich auch noch ein Leben nach der Deutschen Bank.“ Sagt er, steht auf, und verlässt nach knapp zwei Stunden mit seinen Kollegen den Saal. Draußen wieder vorbei an der Büste von Hermann-Josef Abs, der Büste des vielleicht mächtigsten Bankers, den es in Deutschland je gab. Der wegen solcher Worte wohl den Kopf geschüttelt hätte.

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