Zeitung Heute : Seine erste Ruhe

Ein Land für sein Volk, das war Jassir Arafats Lebensziel. Doch er ist gescheitert, und zuletzt waren sogar die eigenen Leute gegen ihn

Annabel Wahba

Einmal, da sah es so aus, als habe Jassir Arafat den Krieger in sich besiegt. Als sei er auf dem besten Weg, ein Staatsmann zu werden. Das war im September 1993, nach dem Abschluss der Oslo-Friedensverhandlungen. Arafat saß in einem Jumbojet, den ihm der marokkanische König geliehen hatte. Er flog nach Washington. Dort sollte das Friedensabkommen mit Israel feierlich unterzeichnet werden.

Jassir Arafat zog an Bord des Flugzeugs seine grob gewebte, dunkelgrüne Guerillauniform aus, legte seinen Gürtel mit dem Pistolenhalfter ab. Dann schlüpfte er in einen khakifarbenen Anzug. Jeder sollte sehen: Die Jahre des Kampfes sind vorbei.

Ein Staatsmann ist Jassir Arafat jedoch nie geworden. Gewalt blieb für ihn stets ein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Als Arafat 1974 vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen tritt, hat er einen Olivenzweig dabei, an seinem Gürtel hängt noch das Pistolenhalfter, allerdings leer. Die beiden Requisiten seines Kampfes sollten ihn während seiner ganzen Laufbahn begleiten. Als er 2000 mit der zweiten Intifada wieder auf die Waffe setzt, begeht er seinen wohl größten Fehler: Er stoppt den Terror nicht sofort. Anfangs hätte er das vermutlich gekonnt. So hat Arafat auf tragische Weise die Chance verpasst, sich den Traum seines Lebens zu erfüllen: die Gründung des palästinensischen Staates.

Nun ist er tot, gestorben am Donnerstagmorgen in einem Krankenhaus bei Paris. Immer wieder soll der 75-Jährige das Bewusstsein verloren haben, bis er vergangene Woche ins Koma fiel. Dann begann der Nachrichtenkrieg: Er ist tot, hieß es; und dann: Er ist nicht tot. So ging das tagelang. Am Montag warf Arafats Frau Suha den palästinensischen Würdenträgern in Ramallah sogar vor, sie wollten „Arafat lebendig begraben“. Suha, die ehemalige Wirtschaftsberaterin Arafats, ist bei den meisten Palästinensern nicht sehr beliebt, weil sie schon seit Jahren in Paris ein extravagantes Leben führt.

So, wie sich die Getreuen Arafats in den Stunden seines Todes stritten, lässt das nichts Gutes für die Zukunft Palästinas erahnen. Woran Arafat litt, war bis zum Schluss nicht klar: Mal war die Rede von Verdauungsproblemen, mal von Magenkrebs.

Noch einmal blickten alle auf den Palästinenserchef. Zuletzt hatte er immer mehr an Popularität verloren, ein kurzes Aufflackern seiner alten Beliebtheit erlebte er 2002, als israelische Panzer seinen Amtssitz in Ramallah umstellt hatten. Friedensaktivisten aus aller Welt waren angereist und wichen nicht von seiner Seite, als Schutzschilde für den bedrohten Revolutionär, weil man befürchtete, die Israelis trachteten ihm wieder nach dem Leben. Jassir Arafat gab wütende Interviews im Kerzenschein, mit zitternder Lippe, eine unwirkliche Szenerie war das.

Aber Arafat, der sich nur noch dieses eine Mal aufbäumen konnte, galt auch unter seinen Leuten längst als starrsinniger Alter, der von seiner Macht nichts abgeben wollte, der herrschte, indem er seine Untergebenen gegeneinander ausspielte und Gewalt über Recht und Ordnung stellte. Im Sommer haben 200 Leute in Gaza demonstriert gegen ihn, der einst ihr Übervater war. Er mag das als Rebellion seiner Kinder empfunden haben.

Präsident nannte man ihn oft, dabei war er rein rechtlich der Vorsitzende derAutonomiebehörde. Aber wie spricht man so einen an? Dieses Problem lösten Schimon Peres und Jitzhak Rabin bei ihren Verhandlungen, indem sie ihm den arabischen Titel „Rais“ gaben, was Präsident und Vorsitzender zugleich bedeutet. Man wollte Arafat nicht schon mit der Anrede degradieren. Schimon Peres, ehemaliger israelischer Außenminister, nannte das einmal „die Blumen“, die er Arafat überreicht habe. Peres, der gerne in Metaphern schwelgt, sagte über die Friedensverhandlungen: „Es ist ein wenig wie mit der Liebe. Du musst die Augen schließen, du kannst es nicht bei vollem Tageslicht tun und du musst sehr freigiebig sein.“ Vor dem Friedensabkommen lag eine lange Nacht, in der Peres acht Stunden mit Arafat telefonierte. „Ich konnte jeden Seufzer im palästinensischen Lager hören“, erinnerte sich Peres. „Das war sehr bewegend.“ Als Freund hat er den Palästinenserchef allerdings nie bezeichnet, wohl aber als „Partner“.

Arafat liebte es, Geheimnisse um seine Person zu spinnen. Das beginnt bei seinem Geburtsort: Ein Kämpfer für die palästinensische Sache sollte aus Jerusalem stammen, und so gab Arafat es immer als Stätte seiner Geburt an. Einige Biografen halten aber Kairo oder Gaza für wahrscheinlicher. Er ist der Sohn eines Textilhändlers, nach dem frühen Tod seiner Mutter zog er als Vierjähriger nach Jerusalem. Er wuchs auf im Haus der Familie seiner Mutter am Fuß des Tempelbergs, der den Muslimen heilig ist. Einer seiner wichtigsten Lehrmeister war Hadsch Amin al Husseini, Großmufti von Jerusalem und geistiger Vater der palästinensischen Nationalbewegung. Während des ersten arabisch-israelischen Krieges 1948 schmuggelte er Waffen für die arabischen Truppen. Später studierte er in Kairo Ingenieurwissenschaften. Im Untergrundkampf gegen Engländer und Franzosen um den Suezkanal wurde er zum Sprengstoffexperten. 1959 gründete er die Fatah-Bewegung, die zur stärksten Fraktion in der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) aufstieg.

Arafat sagte von sich selbst immer, er sei „verheiratet mit der palästinensischen Revolution“. Wie ein Nomade im Tarnanzug zog er von Land zu Land, weil kein arabischer Staat ihn und seine Revolutionäre beherbergen wollte. Aber er war es auch, der die Palästinenser zu einem Volk machte. Als Arafat zwei Jahre nach dem Sechstagekrieg von 1967 die Führung der PLO übernahm, definierten sich die Palästinenser noch nicht als solche, sondern als Araber in oder aus Palästina. Erst Arafat schweißte sie alle – in den besetzten Gebieten und im Exil – zusammen. Sogar seinen Kopfschmuck, seine Kefija faltete er stets zu einer Spitze, das sollte die gezackte Landkarte Palästinas symbolisieren.

Wie lebt einer, der sich mit Haut und Haaren einer Sache verschrieben hat?

Bis ihn die Israelis 2002 quasi unter Hausarrest stellten, war sein Zuhause das Flugzeug. Arafat unternahm bis zu zehn Reisen im Monat. Vor den Oslo-Verhandlungen, als er noch in seiner Funktion als PLO-Führer durch die Welt flog, soll er seinen Mitarbeitern nie gesagt haben, wohin es geht, bevor das Flugzeug in der Luft war. Zur eigenen Sicherheit.

Die Frau, die er einst liebte, wurde 1973 ermordet. Die PLO-Aktivistin Nada Jaschruti starb nachts vor ihrer Wohnung in Beirut. Wer hinter dem Mord steckte, ein Geheimdienst oder die christlich-libanesische Armee, konnte nie geklärt werden. Arafat sagte in einem Interview, er habe sie heiraten wollen, sie habe ja gesagt – und dann starb sie. Sehr spät erst hat Jassir Arafat dann doch geheiratet, mit 61 Jahren, als keiner mehr glaubte, dass er sich je binden werde.

Viele, die Arafat kennen lernten, beschrieben ihn als sehr charismatisch. Aber das ewige Lächeln auf seinen Lippen und in seinen Augen gab Arafat auch etwas Verschlagenes. Seine Gegner hat er stets raffiniert ausmanövriert, er verstand aber auch, es sich nie ganz mit ihnen zu verderben und, bevor es zu spät war, auf die richtige Seite zu wechseln.

Um wirklich interpretieren zu können, was in ihm vorgeht, wurden Geheimdienste bemüht. Amos Gilad, einst die Nummer zwei des israelischen Militärgeheimdienstes, sagt, Arafat habe nie wirklich Frieden mit Israel gewollt. Er habe immer auf den Sieg über den jüdischen Staat gehofft. Andere, wie der israelische Politiker Jossi Beilin, der Arafat von den Oslo-Verhandlungen kennt, sagt, ein Friede mit Arafat wäre schon möglich gewesen, aber dazu hätte man den Palästinensern den Tempelberg geben müssen. Die letzten Friedensverhandlungen von Camp David und Taba im Jahr 2000 scheiterten schließlich daran. Weil er auf einen Vorschlag der Clinton-Regierung – bis zu 97 Prozent des Westjordanlandes, Hauptstadt in Ostjerusalem, Verwaltung, aber keine Souveränität über den Tempelberg – nicht einging, warf man Arafat Sturheit vor. Dass er sich stets eine Hintertür offen hielt, wurde ihm zum Verhängnis.

Er hat es mit seinen rücksichtslosen Methoden geschafft, alle arabischen Herrscher mindestens einmal gegen sich aufzubringen. Als er versuchte, den jordanischen König Hussein – seinen Gastgeber – zu stürzen, warf der die palästinensische Guerilla aus dem Land. Arafat zog weiter nach Libanon, zettelte einen Bürgerkrieg an und musste wegen des israelischen Einmarschs 1982 das Land verlassen. Es heißt, bei seiner Abreise mit dem Boot habe ein israelischer Scharfschütze ihn im Visier gehabt. Es wäre leicht gewesen, ihn zu töten. Doch der damalige israelische Premier gab keinen Schießbefehl. Arafat hat zahlreiche Anschläge überlebt, im April 1992 hielt man ihn sogar schon für tot, nachdem seine Turbopropmaschine in der libyschen Wüste abgestürzt war. Er selbst hat das mythisch überhöht, als habe er geglaubt, vom Schicksal auserkoren zu sein für die Unsterblichkeit. „Sie haben es oft versucht, mich auszuschalten und zu liquidieren. Aber“, sagte er in einem Gespräch mit seinen Biografen Janet und John Wallach, „der Vogel Phönix lebt noch immer!“

Nach der Flucht aus Beirut ging Arafat nach Tunis. Bis heute nennen Palästinenser, die in den besetzten Gebieten geblieben sind, die Führungsclique um Arafat abschätzig „die Tunesier“. Während die Chefs der PLO in Tunis saßen, starteten die Palästinenser in Gaza und dem Westjordanland 1987 die Intifada, um sich aus eigener Kraft gegen die israelische Besetzung zu wehren. Obwohl Arafat weit weg war, schaffte er es wieder, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen.

Die Oslo-Verhandlungen waren für ihn auch deshalb so wichtig, weil er wieder Fuß fassen wollte in der Westbank und in Gaza, denn finanziell ging es der PLO nach der Unterstützung Saddam Husseins im Golfkrieg sehr schlecht. Die Golfstaaten mieden die PLO und deren einst fettes Bankkonto leerte sich. Gleichzeitig verlor Arafats Fatah in den Flüchtlingslagern viele Anhänger an die Hamas, die dort soziale Fürsorge betrieb.

1994 kehrte Jassir Arafat nach 27 Jahren Exil wieder in seine palästinensische Heimat zurück. Damals wurde er begeistert empfangen. Es schien so, als sei ein palästinensischer Staat zum Greifen nahe. Aber mit dem Mord am israelischen Premier Rabin durch einen jüdischen Extremisten begann das Ende von Oslo.

Lea Rabin, die mittlerweile verstorbenen Witwe Jitzhak Rabins, hatte auch nach dem Tod ihres Mannes noch Kontakt zu Arafat gehalten. Bei einem Gespräch in Tel Aviv im Dezember 1999 – also vor der zweiten Intifada – bezeichnete sie ihn als Freund. „Ich weiß, dass er meinen Mann sehr vermisst. Er hat geweint in der Nacht, als mein Mann erschossen wurde, und er hat für Jitzhak eine warme Ecke in seinem Herzen reserviert.“ Später mag Lea Rabin ihre Sichtweise relativiert haben. Aber Arafat muss gespürt haben, dass mit Rabin ein zuverlässiger Partner verschwunden war.

Mit der zweiten Intifada, ausgelöst durch einen Besuch Ariel Scharons auf dem Tempelberg, setzte Arafat wieder auf Gewalt. Da war sie wieder, die Pistole, die plötzlich wichtiger geworden war als der Ölzweig. Arafat hat den Terror wohl anfangs in Kauf genommen, weil er glaubte, Israel damit unter Druck setzen zu können.Eine fatale Fehleinschätzung. Noch heute bezahlen Palästinenser und Israelis dafür mit ihrem Leben.

Die meisten Palästinenser wünschten sich lange vor seinem Tod eine neue Führung. Alle waren die Korruption leid, die Tatsache, dass Gelder verschwanden, dass hunderttausende Palästinenser unter erbärmlichen Zuständen in Flüchtlingslagern in der Westbank und Gaza lebten, während Arafats Getreue jahrelang in Luxusvillen residierten.

Bill Clinton gegenüber machte Jassir Arafat einmal einen Scherz: „Wollen Sie zu meiner Beerdigung kommen?“ Es war der letzte Verhandlungstag in Camp David, und die Frage war Arafats Reaktion auf den Kompromissvorschlag, Israel und die Palästinenser könnten sich doch die Kontrolle über den Tempelberg teilen.

Von hier aus soll Mohammed einst in den Himmel aufgefahren sein. Unten, am Fuß des Tempelbergs, steht die Klagemauer der Juden, die Reste der Westmauer des jüdischen Tempelbezirks. Der Tempelberg war die rote Linie Arafats, über die er nicht schreiten wollte, nicht schreiten konnte. Der Gipfel von Camp David endete ergebnislos. Clinton wird sich nun vielleicht doch auf den Weg machen zu Jassir Arafats Beerdigung.

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