Zeitung Heute : Seine Stärke ist ihre Schwäche

Frank Jansen

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat den jordanischen Top-Terroristen Abu Mussab al Sarkawi mit Adolf Hitler verglichen. Wie groß ist die Gefahr, die tatsächlich von Sarkawi ausgehen könnte?

Härter kann man einen Feind nicht stigmatisieren. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat vor Soldaten im Bundesstaat North Carolina den Terroristenführer Abu Mussab al Sarkawi mit dem größten Verbrecher der Geschichte verglichen – Adolf Hitler. „Wie Hitler in seinem Bunker“ scheine Sarkawi bereit zu sein, „alles und jeden um ihn herum zu zerstören“, so Rumsfeld.

Mit dem bizarren Vergleich dürfte der Minister dem aus Jordanien stammenden Terroristen einen Gefallen getan haben. Wenn in einem Satz Sarkawi neben Hitler auftaucht, erscheint der Statthalter von Al Qaida im Irak größer als er ist. Die Amerikaner und Al Qaida lieferten sich eine „Propagandaschlacht“, sagt ein deutscher Sicherheitsexperte. Und deutet an: Den größeren Nutzen haben Al Qaida und Sarkawi. Für dessen Ergreifung die USA 25 Millionen Dollar bieten – so viel wie für Osama bin Laden.

Von den jüngsten Gerüchten um eine Verwundung Sarkawis könnte auch er selbst profitieren. Womöglich wolle Al Qaida mit dem Internet-Aufruf zum Gebet für den angeblich verletzten Sarkawi neue Anhänger werben, heißt es in Sicherheitskreisen. Denn Sarkawi werde als ein Mann dargestellt, „der wie alle anderen kämpft und leidet“. Üblich sei sonst, dass Al Qaida über Verletzungen nicht spricht, so ein Experte. Und er bezweifelt, dass die Meldung überhaupt stimmt, Sarkawi sei verwundet. Zur Erinnerung: Einst sagten Geheimdienstler, Sarkawi habe bei der Flucht aus Afghanistan Ende 2001 eine schwere Verletzung erlitten, dann sei ihm in Bagdad ein Bein abgenommen worden. Heute gilt die Geschichte als Märchen.

Sarkawis reale „Größe“ im Irak beschreiben Sicherheitsexperten so: Er führe als Chef von „Al Qaida al Dschihad fi Bilad al Rafidaini“ (Die Basis des heiligen Krieges im Zweistromland) etwa 200 bis 300 Kämpfer, darunter Kurden, sunnitische Iraker und Saudis. Zum Vergleich: Die Terror-Szene im Irak wird auf zehntausende Nationalisten, Islamisten und unpolitische Kriminelle geschätzt. In diesem Spektrum fällt Sarkawi allerdings als eine der brutalsten Figuren auf. Im Mai 2004 soll er eigenhändig die US- Geisel Nicholas Berg enthauptet haben.

Geortet wurde Sarkawi im sunnitischen Herzland des Irak sowie in den Kurdengebieten des Nordens. Als bevorzugte Terrormethode gelten Anschläge mit Autobomben – vor allem gegen US-Soldaten und Angehörige der irakischen Sicherheitskräfte, die mit einer endlosen Serie schwerer Attentate zermürbt werden sollen.

Der erste schwere Anschlag, der Sarkawi zugeschrieben wird, war im August 2003 die Explosion eines sprengstoffgefüllten Fahrzeugs vor der jordanischen Botschaft in Bagdad. 17 Menschen kamen ums Leben. Dass der Terrorchef fast zwei Jahre später immer noch nicht gefangen oder getötet ist, nennen Sicherheitsexperten unumwunden „das Versagen von Geheimdiensten, Militär und Polizeikräften“. Sarkawi halte weiter kleinere Gruppentreffen ab, er verfüge über genügend Geld und könne auf ein weitgespanntes Unterstützernetz zurückgreifen, das bis nach Europa reicht. Eine mutmaßliche Figur aus diesem Netz, der Iraker Lokman Mohammed, steht von Dienstag an vor dem Münchner Oberlandesgericht. Mohammed soll im Auftrag der mit Sarkawi verbündeten Terrorgruppe Ansar al Islam kampfeswillige Islamisten in den Irak geschleust haben.

Für Al Qaida ist Sarkawi der wichtigste „Aktivposten“. Der Jordanier kann momentan als Einziger im Namen der Organisation eine Terroroffensive führen. Sie wird via Internet und mit bluttriefenden Videos propagandistisch verstärkt. Dass Sarkawi aufgibt und, folgt man Rumsfelds Analogie, sich wie Hitler umbringt, glaubt kein Experte. Sarkawi kalkuliere, so ein Fachmann, Gefangenschaft oder frühen Tod ein. Bis dahin bombe er weiter.

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