Zeitung Heute : Seine Ziele lagen hinter dem Horizont

Rätsellösung: Reinhard Alfred Furrer, Weltraumwissenschaftler, Astronaut und Professor der Freien Universität Berlin

Carsten Wette

„So treibe ich durch dieses Meer von geborgtem Licht.“ Es sind atemberaubende Erlebnisse und Beobachtungen, die der in unserem letzten Rätsel gesuchte Weltraumwissenschaftler während seiner siebentägigen Mission im Herbst 1985 an Bord der Raumfähre „Challenger“ in sein Diktiergerät spricht. Viele Leserinnen und Leser unserer Beilage vom 29. Mai wussten, dass es sich bei dem späteren Professor der Freien Universität Berlin um Reinhard Alfred Furrer handelt.

Furrer, geboren 1940 im österreichischen Wörgl, wächst in Kempten im Allgäu auf. Er studiert Festkörperphysik; zunächst an der Universität Kiel, später an der Freien Universität. In Berlin engagiert er sich auch als Fluchthelfer: Mit 23 Jahren gräbt er mit Gleichgesinnten – darunter der spätere Gründer des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, Rainer Hildebrandt, – einen Tunnel, durch den 57 Menschen nach West-Berlin fliehen. Furrer promoviert 1972 und arbeitet von 1974 an als Assistenzprofessor – bis ihn 1977 eine Zeitungsanzeige elektrisiert: Die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) sucht Experimentatoren für das Raumlabor „Spacelab“. Die US-Raumfahrtbehörde NASA – Partnerin bei dieser Mission – setzt bevorzugt auf „ausgeglichene“ Familienväter. Ob er als Junggeselle eine Chance hat? Furrer wagt – und gewinnt: Er zählt mit Ulf Merbold zu den fünf Ausgewählten aus insgesamt 700 Bewerbern. Zwei Jahre später habilitiert er sich an der Freien Universität mit einer Arbeit über organische Molekularkristalle, damals ein neues Feld.

1983 – Ulf Merbold startet in diesem Jahr als zweiter Deutscher nach Sigmund Jähn ins All – beginnt Reinhard Furrers Training für die Mission D1, die erste Raumfahrtmission unter deutscher Leitung. Die Vorbereitung ist für ihn die „bisher wertvollste Zeit überhaupt“. Am 30. Oktober 1985 hebt Furrer in der Raumfähre „Challenger“ ab, gemeinsam mit Ernst Messerschmid, dem Niederländer Wubbo Ockels und fünf US-Amerikanern. Binnen einer Woche umkreisen sie 112 Mal die Erde; in 324 Kilometern Höhe absolvieren sie 76 Experimente. Nach der Landung der Raumfähre auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Edwards am 6. November startet Furrer in Berlin neu durch: Weltberühmt und sehr gefragt nimmt er 1987 den Ruf der Freien Universität auf die Professur für Weltraumtechnologie an; zugleich wird er Geschäftsführer des Weltrauminstituts Berlin (WIB), einer privatwirtschaftlichen Initiative der Industrie. Furrer wird mit Ehrungen überhäuft: Er erhält das Bundesverdienstkreuz und eine hohe NASA-Auszeichnung; seine Publikationen sind populär, seine Vorträge ziehen Massen an. Für eine Veranstaltung im Auditorium seiner Alma Mater in Dahlem etwa trommelt Furrer alle Astronauten der D1-Mission zusammen. Dem damaligen Universitätsdpräsidenten Dieter Heckelmann überreicht Furrer bei dieser Gelegenheit einen Wimpel aus dem All.

Am 9. September 1995 erfüllt sich für den begeisterten Sportflieger ein weiterer Herzenswunsch: Der Pilot Gerd Kademann nimmt ihn am Rande einer Flugschau in Berlin-Johannisthal mit an Bord der legendären Messerschmitt Bf 108 „Taifun“. Doch bei einer Kunstflugfigur mit dem einmotorigen Leichtflugzeug in geringer Höhe verliert der Pilot die Kontrolle, und die Maschine stürzt ab. Beide Männer sterben; Reinhard Furrer mit 54 Jahren. Das Geleitwort einer der vielen Traueranzeigen klingt wie ein Lebensmotto: „Seine Ziele lagen stets hinter dem Horizont“.

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