Zeitung Heute : Seit 160 Jahren eine Institution mit bewegter Geschichte

Karen Schröder

Da kann das Kulturstadtprogramm noch so interessant sein, irgendwann kommt der ultimative Zeitpunkt für eine Kaffeepause. An einschlägigen Etablissements mangelt es Weimar wahrlich nicht. Doch wer mit dem Kaffee auch noch ein Stück Stadtgeschichte zu sich nehmen möchte, der geht ins Residenz-Café, eine Legende und bei den Weimarern nur "Resi" genannt.

Für die Einheimischen ist es trotz der entstandenen Konkurrenz der Treffpunkt in der Stadt. Hier sitzen die Musiker des Nationaltheaters in der Mittagspause zusammen. Hierher kommt die Bibliothekarin der Anna-Amalia-Bibliothek regelmäßig, um Freundinnen zu treffen. Etwas abseits vom Trubel um den Frauenplan, findet man das Café am Grünen Markt 4. Will man sich nach einem Gang durch den nahegelegenen Ilmpark nicht gleich wieder in ein Museum stürzen, kann man hier erst einmal einkehren. Abends allerdings sollte man auf laute Musik und viel junges Volk eingestellt sein.

Seinen Namen verdankt das Café der benachbarten Residenz der Herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach. Aus der bei den Gästen so beliebten Veranda, fällt der Blick auf das alte Schloss und seine Torfeste.

Seit 160 Jahren ist das Kaffeehaus in Weimar eine Institution. August Emil Theodor Issleib gilt als Gründer des Residenz-Cafés. Als Hofkonditor belieferte er mit seinen süßen Kostbarkeiten die herzogliche Familie. Im Laufe der Geschichte wechselte das Haus häufig seine Betreiber. In den ersten 40 Jahren unseres Jahrhunderts schrieb vor allem ein Mann Kaffeehaus-Geschichte: Konditormeister Alfred Schmidt.

Die zwei Gesichter Weimars in unserem Jahrhundert sind allerdings auch dessen zwei Gesichter. Der Ruf seines Cafés drang weit über die Stadtgrenzen hinaus. Berühmt war vor allem sein Baumkuchen, der auch über Versandhandel zu beziehen war. Die 94-jährige Weimarer Schriftstellerin Jutta Hecker erinnert sich: "Die Schmidts begrüßten einen mit Handschlag. Sie bedienten ja immer selbst. Das waren hochangesehene Bürger." Große Anstrengungen verwandte Schmidt auch darauf, sein Café äußerlich auf der Höhe der Zeit zu halten. Er baute in den zwanziger Jahren den Wintergarten an und nahm die obere Etage hinzu.

1932, anlässlich des 100. Todestages von Goethe, wurde das Café dann noch einmal um einen Gastraum reicher. Der Dichter hatte am Burgplatz einstmals seine erste eigene Weimarer Wohnung bezogen. Mit dem "Goethezimmer" entstand ein beliebter Ort für Vereinssitzungen, Hochzeiten und Geburtstagsfeiern. Zu allen Zeiten ging im Residenz-Café die Prominenz ein und aus. Als die Vertreter der Deutschen Nationalversammlung im nahegelegenen Schloss ihre Arbeitsräume hatten, kamen die Protagonisten der jungen Weimarer Republik, Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann auf eine Tasse Kaffee.

Künstler aller Sparten trafen sich hier. Der russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg berichtet in den 20er Jahren nach einem "Resi"-Besuch von "Bauhäuslern in ihren konstruktivistischen Blusen". Von Marlene Dietrich, die in Weimar einige Zeit Musik studiert hat, ist eine Anekdote überliefert. Sie saß mit ihren Freundinnen während der Inflationszeit bei einem Eis. Doch das Geld war so rapide im Wert gefallen, dass sie schon ihre goldene Uhr verpfänden wollte, um die Zeche zu bezahlen. Doch in letzter Minute half eine Bekannte mit einem Dollar aus.

Dass Weimar eine Hochburg des Nationalsozialismus war, ist bekannt. Schon 1926 wurde der NSDAP das Nationaltheater für ihren 2. Reichsparteitag zur Verfügung gestellt. Die Weimarer Bürgerschaft begleitete die "Bewegung" von Anfang an mit großer Sympathie. Bereits vor der Machtergreifung der Nazis wurden Hitler und Göring, die im Hotel "Elephant" abstiegen, von Konditormeister Schmidt mehrfach als Gäste begrüßt. Sein Backwerk mag mit dazu beigetragen haben, dass Kuchenfreund Adolf Hitler aus vollster Brust ausrufen konnte: "Ich liebe Weimar". Doch damit nicht genug. Als überzeugtes NSDAP-Mitglied gewährte Schmidt 1932 SS-Sturmfüher Hans Maikowski in seinem Haus Unterkunft. In der NS-Zeit erinnerte eine Gedenktafel an jenen, der in den Kämpfen am 30. Januar 1933 in Berlin ums Leben kam. Ein großes Führerbild verunzierte den sonst so stilvoll biedermeierlich eingerichteten Gastraum. Mit der deutschen Kapitulation endete auch die Ära Schmidt.

Nach kurzer Übergangsphase hielt wie überall in der DDR die sozialistische Handelsorganisation HO Einzug. Aus dem altehrwürdigen "Residenzcafé" wurde die HOG "Haus Resi". Im Zuge der sozialistischen Erneuerung 1970/71 bestimmten rotes Kunstleder und Holztäfelung das äußere Erscheinungsbild des Cafés. In Weimar hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die alten Landschaftsgemälde und die Marmortische nach Schweden oder Holland verkauft worden seien. Doch Genaues weiß man bis heute nicht. Der Geselligkeit taten die baulichen Veränderungen keinen Abbruch. Man möchte meinen, im Gegenteil. Berühmt war das Resi zu DDR-Zeiten besonders für seine ausgelassene Stimmung, die großen Zechgelage und die Feiern in der Faschingszeit.

Nach der Wende hatte eine Würzburger Betreibergesellschaft das Resi nach langen Verhandlungen übernommen. Das Café-Restaurant wurde aufwendig saniert und 1992 im geschmackvollen Kaffeehausstil wiedereröffnet, allerdings auf nur einer Etage. In der zweiten Etage befindet sich heute ein asiatisches Restaurant. Startschwierigkeiten hat es für das Resi nicht gegeben. Es war, als wäre es nie geschlossen gewesen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar