Seit an Seit : Frauen gehören auch zu Deutschland

Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Es gibt in diesen Tagen eine Menge Menschen, die sich betrogen fühlen, bestohlen gar. Fußballspieler um Tore, die ihnen von Schiedsrichtern gestohlen wurden. Griechen fühlen sich um ihre Existenz betrogen, die ihnen von der deutschen Kanzlerin verweigert wird. Und der Mann, der Mittfünfziger, der Brillenträger, der fühlt sich auch betrogen. Nicht um Tore, nicht um so etwas Profanes, die müssen heute eben einfach nur fallen, die Tore, und zwar auf der richtigen Seite, und dann haben die Griechen noch mehr zu meckern. Irgendwie geht’s dem Mann auch um die Existenz, ums menschenwürdige Dasein, und zu dem gehört nun einmal der Sommer. Ein richtiger Sommer, nicht nur ein kalendarischer, ein virtueller, sondern ein digitaler, einer mit Wärme und Licht. Der Sommer sollte gestern angefangen haben, aber da war er nicht, da war er einfach weg, gestohlen von wem und was auch immer. Dabei, und das ist doch wohl unstrittig in diesem Land, das wird doch wohl Konsens sein, dem wird doch wohl niemand widersprechen, das wird doch wohl niemand relativieren: Der Sommer gehört auch zu Deutschland.

Wie im Übrigen auch die Frauen. Diese Feststellung, längst überfällig, wie der Mann, Freund auch der Frauen, findet, hat nun gerade der Fußballspieler Thomas Müller getroffen. Es schließt sich also ein Kreis.

Bisher wurde den Männern immer vorgeworfen, sie würden ohnehin nur an zwei, drei Sachen denken, an Fußball und Frauen nämlich. „Die deutschen Frauen gehören auch zu Deutschland“, hat Müller gesagt, und komme jetzt keiner daher, der ihn korrigieren will, wie im Falle eines ähnlichen Satzes in der jüngeren Vergangenheit. Allerdings hat Müller seine Feststellung nicht nur selbstlos vorgebracht, nicht zur Unterstützung der Quoten-Kämpferinnen, er will schon etwas dafür haben, nämlich Unterstützung. Weil ja nicht angehen könne, dass er und seine Kollegen heute nur von der Hälfte Deutschlands unterstützt werden. „Es ist wichtig, dass uns ganz Deutschland unterstützt“, hat Müller gesagt, und zu ganz Deutschland gehören nun mal Frauen. Ob das von Müller angestrebte Gegengeschäft nun ausreicht, dass sich die Frauen um einen emanzipatorischen Akt betrogen fühlen müssen, sollen die Frauen selbst entscheiden. Da hält sich der Mann, der Mittfünfziger, raus. Wichtig ist aber, dass, wenn der Sommer schon wegbleibt, nicht auch noch die Frauen wegbleiben, wenn es, Seit an Seit, um Fußball geht.Helmut Schümann

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