• Seit Jahrhunderten wird die Geschichte vom Kind in der Krippe gelesen und gespielt. Aufgeschrieben hat sie einst der Evangelist Lukas. Mit der Wahrheit nahm er es wohl nicht so genau: Wie war das mit der Geburt Jesu?

Seit Jahrhunderten wird die Geschichte vom Kind in der Krippe gelesen und gespielt. Aufgeschrieben hat sie einst der Evangelist Lukas. Mit der Wahrheit nahm er es wohl nicht so genau : Wie war das mit der Geburt Jesu?

Maria, Joseph und das Kind in der Krippe. Schnitzarbeit aus dem erzgebirgischen Stützengrün. Foto: Uwe Meinhold/ddp
Maria, Joseph und das Kind in der Krippe. Schnitzarbeit aus dem erzgebirgischen Stützengrün. Foto: Uwe Meinhold/ddpFoto: ddp

Die Erzählungen von Jesus haben die Welt verändert. Sie haben Menschen dazu gebracht, bedingungslos zu lieben – und in Kreuzzüge zu ziehen. Martin Luther haben sie Trost gespendet in seiner Höllenangst, Dietrich Bonhoeffer fand darin Kraft für seinen Widerstand gegen die Nazis. Jesus sprach von seinem Vater im Himmel, erweckte Tote zum Leben und predigte Feindesliebe, mal in unverständlichen Rätseln, mal in Bildern und Gleichnissen, die heute genauso eingängig sind wie vor 2000 Jahren. Sein Leben, Wirken und Sterben ist überliefert in den vier Evangelien nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. Sie stehen im zweiten Teil der Bibel, im Neuen Testament. Am bekanntesten ist wohl die Weihnachtsgeschichte, die von Jesu Geburt im Stall in Bethlehem berichtet. In jedem Gottesdienst an Heiligabend wird diese Geschichte gelesen, Millionen Kinder spielen sie nach.

Was ist dran an

der Weihnachtsgeschichte?

Die meisten Theologen, die sich heute mit der Erforschung des Neuen Testaments beschäftigen, gehen davon aus, dass Lukas die Geschichte von der Geburt im Stall erfunden hat, um Jesu Leben in eine bestimmte Richtung zu deuten. Die anderen drei Evangelisten kommen der Wirklichkeit aber nicht näher, nur weil sie die Geburtsgeschichte weglassen. Auch ihnen ging es nicht darum, ein Abbild der Wirklichkeit vor 2000 Jahren zu liefern. Sie waren keine Historiker, sondern fromme Männer, die mit ihren Geschichten Anhänger für die neue Religion, das Christentum, gewinnen wollten.

Jesus selbst hat nichts Schriftliches hinterlassen. Historiker sind sich einig, dass er aus Nazareth stammte und vermutlich um 4 v. Chr. als ältester Sohn einer jüdischer Handwerkerfamilie geboren wurde. Der römische Mönch, der später die christliche Zeitrechnung begründete, hat sich verrechnet. Jesus wurde religiös erzogen und lebte 30 Jahre unauffällig im Dorf seiner Familie. Historisch belegt ist auch, dass er Anhänger von Johannes dem Täufer wurde. Er löste sich aber bald wieder von ihm und verbreitete als Wanderprediger seine eigene Lehre von einem liebenden Gott, der sich den Menschen zuwendet und Fehler verzeiht. Jesus fiel auch deshalb schnell auf, weil er sich bewusst mit gesellschaftlichen Außenseitern umgab. Die Römer nahmen ihn fest und kreuzigten ihn. Das war damals die übliche Strafe für Querulanten und vermeintlich Aufständische.

Wer waren die vier Evangelisten?

Die Forscher wissen wenig über sie. Es ist nicht mal klar, ob sie tatsächlich Markus, Matthäus, Lukas und Johannes hießen. Fest steht: Keiner von ihnen kannte Jesus persönlich. Sie griffen auf das zurück, was man sich in den frühchristlichen Gemeinden in Palästina, Syrien, Griechenland und Kleinasien über den „Nazarener“ erzählte und aufgeschrieben hatte und mischten es mit Mythen aus anderen Religionen und Kulturen der Zeit.

Als Erster brachte Markus das Leben Jesu in die Form einer zusammenhängenden Erzählung, wohl um das Jahr 70. Da war Jesus schon 40 Jahre tot. Lange Zeit dachte man, dieser Markus sei ein Begleiter des Apostels Paulus gewesen. Heute vermutet man, dass dem Schreiber die Nähe zu Paulus angedichtet wurde, um seinem Text Autorität zu verleihen. Matthäus schrieb seine Version zehn bis zwanzig Jahre nach Markus auf, wahrscheinlich in Syrien. Matthäus war wohl nicht der Jesus-Jünger selben Namens, sondern ein unbekannter Verfasser. Aus seinem Text wird deutlich, dass er mit dem Judentum vertraut war, weshalb man vermutet, dass er ein jüdischer Schriftgelehrter war, bevor er zum Christentum übergetreten ist. Das Lukasevangelium ist erzählerisch ausgefeilter als die anderen Evangelien. Offenbar gehörte Lukas zur gebildeten Schicht. Forscher vermuten, dass er Grieche war, vielleicht ein Arzt. Da die Römer bei ihm ziemlich gut wegkommen, geht man davon aus, dass er seinen Text zwischen 80 und 90 verfasst hat – zu einer Zeit, als die Römer von den Christenverfolgungen abließen. Johannes schrieb noch mal zwanzig Jahre später, früher dachte man, dieser Evangelist sei der Lieblingsjünger Johannes gewesen. Heute weiß man: Auch diese Zuordnung stimmt nicht. Wer dieser Johannes wirklich war, bleibt im Dunkeln. Offenbar kannte er sich gut mit der griechischen Philosophie aus, vielleicht war er wie Lukas Grieche.

Mit welcher Absicht haben

die Evangelisten geschrieben?

Markus will zeigen: Mit Jesus ist etwas nie Dagewesenes in die Welt gekommen. Er lässt Jesus ein Wunder nach dem anderen wirken, jeder Schritt ist symbolisch aufgeladen, und erst recht sein Tod: Da wird dieser Wundertäter zuerst gekreuzigt wie ein Verbrecher, dann erscheint er den Jüngern. Die Botschaft ist deutlich: Das kann kein gewöhnlicher Mensch sein, der muss mit dem Göttlichen verwandt sein.

Matthäus schreibt 50, 60 Jahre nach Jesu Tod. Der Hinweis auf Wunder reicht nicht mehr, um die Erinnerung wachzuhalten. Deshalb stellt Matthäus Gleichnisse und Reden ins Zentrum seines Textes und entwirft mit der Bergpredigt ein neue, ungewöhnliche Ethik, die von Feindesliebe statt archaischer Rache spricht und einem Gott, der auf der Seite der Schwachen steht. Matthäus will aber auch zeigen, dass sich in Jesus erfüllt, was in der jüdischen Thora vorausgesagt wird und dass damit eine neue Zeit angebrochen ist. Mittlerweile haben die Römer den jüdischen Tempel in Jerusalem zerstört, die Juden haben ihr religiöses Zentrum verloren. Die Christen werden jetzt nicht mehr als unbedeutende Sekte wahrgenommen, sondern als Konkurrenz. Gerüchte machen die Runde: Jesus ist der uneheliche Sohn eines römischen Besatzers. Matthäus setzt dagegen: Jesus ist der Sohn einer Jungfrau und der vorausgesagte Messias. Vor allem Matthäus ist es, der den Juden die Schuld an Jesu Tod zuweist. Er liefert den Christen späterer Jahrhunderte den Vorwand für die Judenverfolgung. Historisch wahrscheinlicher ist, dass die Römer Jesus verurteilten, ohne jüdische Instanzen gefragt zu haben.

Lukas erzählt eine rührselige Geschichte mit dem Kind in der Krippe. Ihm geht es um die soziale Botschaft: Jesus kämpft für die Armen, für die gesellschaftlich Geächteten. So ist es kein Zufall, dass die Engel die Botschaft von Jesu Geburt Hirten verkünden und nicht Königen. Die Etablierten kommen bei Lukas schlecht weg, sein Herz schlägt für die Zöllner, Prostituierten und Ehebrecher. Für ihn ist Jesus nicht Gottes Sohn, sondern ein großartiger, gerechter Mensch.

Johannes schreibt 100 Jahre nach Jesu Wirken und macht einen mythischen Vorgang daraus. Seine Sprache ist verklausuliert und rätselhaft, er lässt offenbar bewusst Widersprüche nebeneinander stehen – als Zeichen für das Wirken des großen, unverständlichen Gottes. Johannes verfasst seinen Text nicht, um Menschen zu bekehren, sondern für die Meditation der bereits Bekehrten.

Im 19. und 20. Jahrhundert sind immer wieder Schriftstücke aufgetaucht, die ebenfalls von Jesu Leben und Wirken berichten. 1945 fanden ägyptische Bauern in vergrabenen Tonkrügen das sogenannte Thomasevangelium. Erst kürzlich wurde das Judasevangelium gefunden.

Warum wurden andere Überlieferungen nicht in die Bibel aufgenommen?

Es gibt viele Schriften, die keinen Eingang in die Bibel gefunden haben, obwohl auch sie von Jesus erzählen, die sogenannten apokryphen („von zweifelhaftem Ursprung“) Schriften. Die meisten sind nur in Bruchstücken überliefert. Das Thomasevangelium umfasst 114 Aussprüche von Jesus, Nikodemus beschreibt die Höllenfahrt Christi, im Judasevangelium wird der Verräter zum Lieblingsjünger. Andere Evangelien schildern Jesu Kindheit oder das Leben Mariens. Viele dieser Texte wurden im ersten und zweiten Jahrhundert verfasst und sollten den Gläubigen Halt geben. Aber auch damals gab es schon Machtkämpfe über die Auslegung, und wie heute sprach man sich gegenseitig das Christsein ab. Es wurde zum Beispiel darüber gestritten, ob man nur Juden in die Gemeinden aufnehmen sollte oder auch Heiden. Und wenn Heiden, sollten die dann beschnitten werden wie die jüdischen Männer? Als es mehr Heidenchristen als Judenchristen gab, verloren die Judenchristen an Bedeutung – und mit ihnen ihre Schriften.

Über die Auswahl der Bibeltexte hat nie ein Konzil entschieden, auch keine Versammlung von Kirchenvätern. Dass ausgerechnet vier Evangelien aufgenommen wurden, erklären Theologen mit kosmologischen und biblischen Analogien: Es gibt vier Himmelsrichtungen, und die Geschichte Gottes mit den Menschen kennt vier Bundesschlüsse: mit Adam, Noah, Moses und Jesus. Dass man sich Ende des 2. Jahrhunderts für die Versionen von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes entschied, liegt wohl daran, dass diese Texte in den Gemeinden das höchste Ansehen genossen.

Manche Evangelien wirken aber auch bis heute nach, obwohl sie nicht Teil der Bibel sind. Ochs und Esel an der Krippe zum Beispiel hat sich nicht Lukas ausgedacht, sondern ein anderer unbekannter Verfasser. Auch viele Bräuche der Marienverehrung in der katholischen Kirche haben ihren Ursprung in apokryphen Evangelien, etwa das Fest der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“.

Warum hat man die vier Evangelien

nebeneinander stehen lassen

mit ihren widersprüchlichen Deutungen?

Weil man möglichst viele Menschen mit den Botschaften ansprechen wollte. Die vier Evangelien wenden sich an Juden und Heiden, sind in der jüdischen Tradition verwurzelt und in der griechisch-römischen Philosophie. Gerade diese Vielschichtigkeit der Bibel hat zu ihrer Popularität beigetragen. Hätte man sich für eine einzige Auslegung entschieden und alle Widersprüche beseitigt, wären die Christen vermutlich eine kleine Sekte in Galiläa geblieben. Für den Anschluss an die große Welt nahm die junge Kirche sogar in Kauf, sich von der historischen Person Jesus zu entfernen. Denn Jesus sprach Aramäisch, was aber kaum verbreitet war. Für das Neue Testament verwendete man die damalige Weltsprache Griechisch. Wäre die Bibel so eindeutig, wie es Benedikt XVI. gern suggeriert, wäre das Christentum von Anfang an starr gewesen, hätte es wohl keine 2000 Jahre überlebt.

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