Zeitung Heute : Selbst beteiligt

In die privaten Krankenkassen treten weniger Neukunden ein – aus Angst vor der Gesundheitsreform

Heike Jahberg

Weil die Rolle der privaten Krankenkassen bei der Gesundheits- reform unklar ist, zögern viele Neukunden mit einem Vertragsabschluss. Was ist gesetzlich Versicherten zu empfehlen, die einen Wechsel zur privaten Krankenversicherung planen?


Aus Angst vor erheblichen Beitragssteigerungen im Zuge der Gesundheitsreform machen viele Besserverdiener zurzeit einen Bogen um die private Krankenversicherung (PKV). „Die aktuellen Diskussionen sind nicht gerade förderlich für den Außendienst“, sagte DKV-Sprecher Joachim Ochs dem Tagesspiegel. „Unsere Sorgen werden immer größer“, heißt es auch bei der Debeka.

Dass sich mögliche Neukunden einen Beitritt in die PKV genau überlegen, ist verständlich. Und auch die bereits privat Versicherten sind verunsichert. Erst kürzlich hatte ein internes Arbeitspapier aus dem Bundesgesundheitsministerium den drei Millionen privat Versicherten Prämienerhöhungen von bis zu 37 Prozent prophezeit.

Beitragserhöhungen könnten eine Folge der Gesundheitsreform sein, die am 1. Januar nächsten Jahres in Kraft treten soll. Dann sollen auch die privat Versicherten die Möglichkeit haben, innerhalb der PKV zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Bisher ist das vor allem für ältere Kunden praktisch ausgeschlossen, weil die Versicherten ihre milliardenschweren Alterungsrückstellungen bei einem Wechsel nicht mitnehmen können. Beim neuen Versicherer müsste der Kunde dann enorm hohe Versicherungsbeiträge zahlen.

Obwohl das Papier vom Ministerium umgehend als überholt zurückgezogen wurde, ist der Imageschaden da. Privat Versicherte rufen aufgeregt bei den Kunden-Centern der Versicherer an. „Sie sorgen sich vor allem um ihre in der Vergangenheit aufgebauten Alterungsrückstellungen“, heißt es bei der Allianz/Private Krankenversicherung. Mögliche Neukunden machen einen Rückzieher. Langfristig vereinbarte Termine mit Versicherungsvertretern, bei denen es um einen Einstieg in die PKV gehen sollte, seien von den Verbrauchern abgesagt worden, berichtet DKV-Sprecher Ochs. Ohnehin ist der Kreis der Interessenten begrenzt: Per Gesetz können nur Beamte und Selbstständige mit kleineren Einkommen neu in die private Krankenversicherung eintreten. Angestellte müssen mindestens 47 250 Euro im Jahr verdienen, um sich privat zu versichern.

Verbraucherschützer halten die Vorsicht für angebracht. „Die Situation ist derzeit sehr, sehr unübersichtlich“, sagt Ulrike Steckkönig von der Stiftung Warentest. Was auf die Privatversicherten zukomme, lasse sich noch nicht absehen. Daher sei es sinnvoll, die nächsten Wochen abzuwarten, bis sich herauskristallisiert, was auf die PKV im einzelnen zukommt. Bereits Ende September soll die Gesundheitsreform im Kabinett beschlossen werden, spätestens bis zum Jahresende muss der Bundesrat zugestimmt haben.

Wer jetzt noch schnell in die PKV eintritt, kann später eine böse Überraschung erleben, warnt Gesundheitsexpertin Steckkönig. Zwar sollen die Versicherten ihren Anbieter künftig innerhalb der PKV-Branche wechseln können, eine Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung soll aber weiterhin ausgeschlossen bleiben. Sollten die Tarife der PKV explodieren, wären die Versicherten in dem System gefangen.

Die privaten Kassen glauben nach wie vor nicht daran, dass ein Wechsel unter Mitnahme der Alterungsrückstellungen für bereits jetzt privat Versicherte möglich ist. Das Ministerium widerspricht: Man habe bereits eine Lösung gefunden, sagte ein Sprecher. Die sei auch rechtlich tragfähig. Einzelheiten bleiben aber vorerst unter Verschluss. Den Vorwurf, man wolle die PKV politisch ausbluten, weist das Ministerium zurück. Im Gegenteil: Es gebe einen politischen Konsens, dass die PKV als Vollversicherung erhalten bleibt. Allerdings zu neuen Konditionen: „Wir führen erstmals einen echten Wettbewerb in der PKV ein“, heißt es.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!