Zeitung Heute : Selbst die Bundesregierung ist Kunde

Kurt Sagatz

Das einstige Alternativ-Betriebssystem setzt sich auch bei kritischen Firmenanwendungen durchKurt Sagatz

Wegen seiner Vergangenheit hat das einstige Alternativ-Betriebssystem Linux mit manchen Vorurteilen zu kämpfen. Eines lautet nach wie vor, der dezentral von unzähligen Enthusiasten entwickelte Unix-Abkömmling sei durch seine Nähe zur Hackerszene nicht sicher genug für den Einsatz in der Wirtschaftswelt und vor allem im Bereich der so genannten "Mission Critical"-Anwendungen. Ganz im Gegenteil, erwidert Raphael Leiteritz, 25 Jahre alt und Vorstand der Berliner Linux-Firma innominate AG. Seine Begründung: Im Gegensatz zu Produkten wie Microsoft NT könne bei Linux jede Zeile des Quellcodes eingesehen werden. Niemand könne somit unbemerkt irgendwelche Hintertüren einbauen. Selbst bei Firewall-Lösungen, mit denen Firmen versuchen, ihr internes Netz gegen Angriffe aus dem World Wide Web abzuschirmen, würden darum Linux-Lösungen inzwischen akzeptiert und gelten als Alternative zu den Microsoft-Produkten oder zu Sun Solaris.

Dass Linux in der harten Geschäftswelt inzwischen salonfähig ist, zeigt nicht zuletzt die Kundenliste des Berliner Jungunternehmens: Neben Bosch und der Berliner Volksbank zählt das Deutsche Institut für Normung DIN zu den Abnehmern von innominate. Auch für die Bundesdruckerei wurde die Firma tätig und zwar im sensiblen Bereich des Austausches von personenbezogenen Daten. Auch die Bundesregierung ist Kunde der Berliner Linux-Firma. Rückendeckung erhält das Alternativ-System zu Windows NT unter anderem vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Die Behörde empfehle ausdrücklich den Einsatz von so genannter Open-Source-Software, freut sich Leiteritz. Wer will, kann bei den so entwickelten Programmen jede Zeile nachlesen - ein nicht zu unterschätzender Vorteil bei der Bekämpfung von Viren oder Trojanischen Pferden, die zur Störung oder zum Ausspionieren fremder Systeme eingesetzt werden.

Wie erfolgreich Linux inzwischen ist, hat nicht zuletzt der bombastische Börsenstart der US-Linux-Firma Red Hat gezeigt. Aber auch die Entwicklung von innominate kann sich sehen lassen. Aus dem 2-Mann-Unternehmen mit 15-Quadratmetern Arbeitsfläche ist innerhalb von drei Jahren die zweitgrößte Linux-Firma nach dem Linux-Distributor SuSE geworden. Inzwischen residieren die Berliner - ausgestattet mit Wagniskapital der VC-Firma bmp - auf 600 Quadratmetern und beschäftigen rund 50 Mitarbeiter. Zu den Standorten Berlin und Stuttgart folgen im Frühjahr München und Hamburg und bis 2001 will das Unternehmen an acht Orten in Deutschland vertreten sein und später auch im deutschsprachigen Ausland. Eine Unternehmensgeschichte, wie sie sonst nur aus dem Wunderland der Dot-Com-Internetwirtschaft bekannt ist.

Gleichwohl sieht selbst Linux-Fan Leiteritz Grenzen für den Einsatz des Unix-Abkömmlings, und zwar am Arbeitsplatz des Anwenders. Während im Server-Bereich Linux eine gute Alternative zu anderen Systemen sei, sei der Einsatz auf dem Desktop nach wie vor problematisch, meint der innominate-Chef. Seine Begründung: Selbst ausgeklügelte Office-Lösungen wie die kostenlosen Programme von Star Division, die inzwischen zum Sun-Imperium gehören, böten noch nicht das Leistungsspektrum der unter Windows gebräuchlichen Office-Lösungen vor allem von Microsoft. "Für typische Büroarbeitsplätze ist StarOffice nur zu 70 Prozent ok", so Leiteritz. Allerdings sei bereits abzusehen, dass sich Linux auch in diesem Bereich auf dem Vormarsch befinde. Vor allem die Corel-Strategie, die auf eine eigens angepasste Version von Linux als Plattform für Anwendungen wie Wordperfect und Corel Draw setzt, gebe Anlass für Optimismus. Hier wird sich in den nächsten sechs bis zwölf Monaten einiges tun, ist sich Leiteritz sicher.

Sicher ist sich der 25-jährige Unternehmensgründer aber auch, dass der endgültige Durchbruch von Linux nur erreicht werden kann, wenn das Wissen um die Tricks und Kniffe des Systems bei den zuständigen Systemverwaltern verankert ist und auch in den Management-Etagen der Unternehmen die nicht zuletzt finanziellen Vorteile des Linux-Einsatzes hinreichend bekannt sind. Eine Tochter des Unternehmens, die innominate training GmbH, will dazu im April eine "Qualifizierungsoffensive" mit Linux-Schulungen von Systemadministratoren sowie Workshops für Entscheider und Consultants starten. Begonnen wird in Hamburg, nach und nach sollen auch an den anderen innominate Standorte entsprechende Seminare angeboten werden. Der Start in Berlin ist für Mai anberaumt.Mehr zum Thema im Internet unter:

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