Zeitung Heute : Selbst ist der Gegner

Die Eisbären sind wieder einmal Favorit – halten sie das aus?

Mathias Klappenbach

Berlin. Eigentlich ist es kein gutes Omen. Erst zweimal seit Einführung der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) im Jahr 1994 hat der Tabellenerste der Hauptrunde anschließend auch den Titel gewonnen. Die Berliner Eisbären konnten 1998 und im vergangenen Jahr der Favoritenrolle des Erstplatzierten nicht gerecht werden. 2003 scheiterten sie im Halbfinale am späteren Titelträger Krefeld. Weil sie nach einem überragenden Jahr zu überheblich waren. „Damals haben wir die Liga vom ersten Tag an dominiert und selbst an schlechten Tagen unsere Spiele gewonnen“, sagt Eisbären-Manager Peter John Lee. „Diesmal ist die Saison anders verlaufen. Das Leistungsniveau ist viel dichter, wir mussten viel mehr kämpfen als im letzten Jahr.“

Überheblichkeit konnte wegen der vielen Probleme in Berlin gar nicht erst aufkommen. Neben einer großen Anzahl von Verletzungen bei wichtigen Spielern wie Sven Felski oder David Roberts mussten die Eisbären auch den ungerechtfertigten Vergewaltigungsvorwurf gegen die knapp drei Wochen in schwedischer Untersuchungshaft sitzenden Brad Bergen und Yvon Corriveau verarbeiten. Dennoch zeigten die Eisbären konstante Leistungen ohne längere Schwächephasen. Ein Grund dafür war der breiter besetzte Kader. Die vielen jungen Spieler wie Florian Busch, Alexander Barta oder André Rankel sprangen während der Verletzungsmisere Ende des vergangenen Jahres ein und trugen mit ihren guten Leistungen dazu bei, dass die Eisbären wieder mit der besten Ausgangsposition in die Play-offs gehen. Das Team ist in dieser Phase zusammengerückt. Die erfolgreiche Krisenbewältigung könnte in den harten Play-offs noch zu einem großen Vorteil werden.

Die meisten Trainer tippen auch in diesem Jahr wieder auf den ersten Meistertitel der Berliner in der DEL. Nur der Coach des Viertelfinal-Gegners Düsseldorfer EG, Michael Komma, rechnet eher mit den Kölner Haien. Doch die Favoritenrolle ist in diesem Jahr nicht so klar vergeben wie zuletzt. „Es gibt keine andere Liga, in der alle acht Teams annähernd die gleichen Chancen haben, Meister zu werden“, sagt der Trainer der Hamburg Freezers, Dave King. Bei der Frage nach ihrem Meistertipp wiesen auch die anderen Coachs auf diesen Umstand hin.

„Die anderen Mannschaften sind im Laufe der Saison auch gewachsen. Aber durch die schlechte Erfahrung aus dem vergangenen Jahr wissen unsere Spieler, dass sie in jedem Spiel hart arbeiten müssen“, sagt Manager Lee. Neben den überstandenen Krisen aus dieser Saison soll auch die Erfahrung aus dem Vorjahr auf dem Weg zum Titel hilfreich sein. „Wir haben aus dem letzten Jahr gelernt, vor allem mental“, sagt Eisbären-Stürmer Sven Felski. „Natürlich ist der Druck auch in diesem Jahr da, aber wir werden mit ihm fertig werden.“

Der Druck von außen, die Erwartungshaltung bei Medien und Fans, ist in diesem Jahr nicht ganz so groß wie 2003, als die Eisbären schon vor den Play-offs als Meister gefeiert wurden. Ein weiterer Vorteil, weil die Mannschaft dann nach einem verlorenen Spiel nicht so schnell verkrampft wie im vergangenen Jahr gegen Krefeld. Intern heißt das Ziel trotzdem Meisterschaft. „Im Grunde genommen können wir uns nur selbst schlagen“, gibt Sven Felski zu. Auch Sturmkollege Florian Keller baut den Druck gleich lieber selbst auf: „Alles andere als die Finalteilnahme wäre eine Enttäuschung.“

Die Mannschaft will den Titel. Wie im vergangenen Jahr, aber auf eine andere Art und Weise. Diesmal wollen sich alle im Verein auf das Wesentliche konzentrieren. „Wir sind erfahren genug. Wir wissen jetzt, worauf es im entscheidenden Moment ankommt“, sagt Kapitän Ricard Persson. Hört sich so an, als ob der Erste der Hauptrunde diesmal auch Meister werden kann.

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