Zeitung Heute : Selbst kleinste Mengen Dioxin schaden

Der Tagesspiegel

Betrifft: „Was Wissen schafft: Schönefeld liegt nicht bei Seveso“ vom 3. April 2002

Der Beitrag ist zu begrüßen und trägt gewiss zur Versachlichtung einer augenblicklich sehr polarisierten Diskussion bei, die sich mit der Belastung der Umwelt und speziell des Wassers und des Bodens um den Flughafen Schönefeld befasst. Der Artikel stellt richtig, welche Dimensionen jeweils in welchen bisherigen Störfällen vorlagen und dass geeignete Maßnahmen in jedem bekannt werdenden Fall sofort erfolgen müssen.

Der kleine Schönheitsfehler, ist allerdings, dass keins der verschiedenen Kongenere im Boden nachweisbar sein sollte, da auch höher chlorierte Dioxine keinesfalls harmlos sind und vor allem, dass schon wegen ihrer neurotoxischen Wirkungen keine einzige dieser Substanzen in den menschlichen Organismus gelangen darf.

Tatsache ist, dass sich in allen Untersuchungen von Betroffenen bisher an Blutfett gebundene Pico- und Nanogramm-Mengen finden ließen, so dass es eine Speicherung auch bei bisher unentdeckten und nicht entsorgten Belastungen zu geben scheint. Aber auch das bedeutet nicht, dass weitere, vermeidbare Belastungen unbedenklich sind. In einer systematischen Untersuchung von vermutlich durch Verzehr selbst angebauten Gemüses verstärkt belasteten Personen in der Umgebung einer Dioxinquelle fanden sich Blutfettwerte mit erhöhter Belastung durch die neurotoxisch wirkende Kongenere, die auch mit statistisch gesicherten neuropsychologischen Leistungsminderungen einhergingen. Auffallend war, dass sogar bei noch innerhalb der Referenzwerte liegenden Blutfettwerte die Leistungsfähigkeit in Testuntersuchungen eingeschränkt war, was sich im täglichen Leben gravierend auswirken kann, auch wenn es sich nicht um eine Krebserkrankung handelt. Angst vor zusätzlichen Dosen und verborgenen Quellen ist deshalb nicht nur gerechtfertigt, sondern wegen der für die Betroffenen unerklärlichen Veränderungen ihres Befindens und der vorher unbeeinträchtigten Leistungen sogar eine denkbare Folge der Dioxin-Wirkung.

Bereits nachhaltig geschädigte Personen zeigen dagegen Apathie und ziehen sich vom sozialen Leben zurück, d. h. entziehen sich auch der Untersuchung und Diagnose. Bevor diese Zusammenhänge nicht ausgeschlossen werden können, sollte mach sich nicht zu schnell damit beruhigen, dass die aktuell vorliegenden Dosen weder die Höhe von Luftbelastungen wie bei Industrieunfällen noch die von Vietnamesen erreichen.

Prof. Dr. med. Rainer Frentzel-Beyme,

(BIPS) Bremen

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