Zeitung Heute : Selbst versorgen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

Paul ist allein zu Hause. Was nicht so ungewöhnlich ist für einen städtischen Pubertisten, schließlich müssen die Eltern so ein Pubertistendasein ja auch erst mal finanzieren. Der isst ja was weg, so ein Pubertist. Cornflakes zum Frühstück, mit Milch, viel Milch. Brote mit Aufschnitt, Paul bevorzugt Putenbrust. Eine halbe Grapefruit mit Zucker überstreut. Noch eine halbe Grapefruit. Mittags Hühnerbeine, Schenkel, mit deren Kraft die Hühner zu Lebzeiten auch die Tour de France hätten bewältigen können. Von den Strömen für den Flüssigkeitshaushalt des Pubertisten war hier schon die Rede: Ein Liter Apfelsaft, der wird kurz angesetzt und ist kurz darauf weg. Eistee dito. Und am Abend runden ein, zwei Pizzen den Tag ab – das Bäuerchen beschließt ihn. All das - mit Ausnahme des Bäuerchens – kostet.

Aber egal, das ist nicht die Geschichte, die Geschichte ist die, dass Paul allein zu Hause ist. Neulich ein ganzes langes Wochenende lang. Der Vater hatte vorsorglich eingekauft: Cornflakes, Milch, viel Milch, Brot, Putenbrust, Grapefruits, das übliche halt. Die Mutter hatte Hühnerbeine vorgebraten, der Bub soll ja bei Kräften bleiben bei der Tour de le week-end. Auch hatte sie – etwas zähneknirschend allerdings – zugestimmt, dass Paul sich die eine oder andere Fertigpizza im Kühlschrank bereitlegt. Und hatte abschließend einige Erinnerungshilfen für Pauls Freizeitgestaltung abgegeben: Katzen füttern, Katzenklo säubern, und bitte auch die Reste vom Katzenfutter rechtzeitig entsorgen, spülen, lüften, das übliche halt. Der Vater hatte noch kurz überlegt, auch ein paar Tipps abzugeben, hatte aber davon Abstand genommen – Paul wird schon wissen, was zu tun sei, wenn Sandra zu Besuch kommt. „Paul, und bitte iss was“, sagte die Mutter zum Abschied. „Jetzt ist es aber gut, Paul ist doch kein Kind mehr“, sagte der Vater. „Genau“, sagte Paul.

Es wurde ein erholsames Wochenende. Die Eltern bastelten an ihrer Ruine mit Acker, die mal ein Haus mit Garten werden soll, Paul, so berichtete er bei einem Kontrollanruf, verbesserte seine Spieltechnik am Computer, „und sonst läuft alles bestens, wird alles erledigt, ich bin doch kein Kind mehr, mhmngmanney!“

Dann war das Wochenende zu Ende. Paul hatte angekündigt, nicht da zu sein, weil er mit Mitpubertist Konrad ins Kino wolle. Soll er, der Große, hatte der Vater gedacht, voller Stolz, weil Paul schon so viel Verantwortungsgefühl und Selbstständigkeit an den Tag legt. Im Flur roch es ein klein wenig streng nach vergorenen, nicht entsorgten Katzenfutterresten und einem überquellendem Katzenklo. Im Zimmer der Mutter, wo der Fernseher steht, lagen ein paar Kleidungsstücke umher, auch eine leere Packung Eistee und eine leere Packung Apfelsaft. In Pauls Zimmer war ein Berg entstanden aus etwa sechs Kilo Mandarinenschalen. Allein, die Küche, die war wie gehabt: Cornflakes, Milch, Brot, Putenbrust, Grapefruits, Hühnerbeine, Pizzen – alles wie gehabt, unbenutzt. Seitdem grübelt der Vater, ob zwischen dem Hunger von Pubertisten und dem Bedienen von Pubertisten ein Zusammenhang besteht.

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