Selbstmord : Ruh’ im Wipfel

Er wollte nicht, dass man ihn findet. 29 Jahre hat er tot in einem Baum gesessen, dann entdeckten Spaziergänger seine Knochen. Über das Leben von Paul Lehner.

Deike Diening

GündlkofenOb sie noch einen Kamm hätte oder eine Zahnbürste, fragte die Polizei. Wegen der DNA. „Einen Kamm! Nach dreißig Jahren!“, stieß die Tochter des Toten ungläubig hervor und gab etwas eigenen Speichel für den Test. Doch das Ergebnis braucht sie nicht mehr. Sie hat ja die graue Strickjacke erkannt, durchwirkt mit den roten Fäden.

Seit am Montag, dem 30. März 2009, in einem Waldstück im bayerischen Gündlkofen mehrere jugendliche Spaziergänger einen seltsamen Fund gemacht haben, heißt ihr Vater überall „Der Tote vom Baum“: Da lag an einer Fichte etwas, das aussah wie Knochen mit Metallteilen. Es war eine Hüfte mit künstlichem Gelenk. Die Polizei entdeckte in elf Metern Höhe die Reste eines Menschen, sie forderte das Technische Hilfswerk zur Unterstützung an, das mit schwerem Gerät ein Bergungsgerüst baute. Die Helfer fanden oben die Überreste eines Menschen, die Kleidung zur Wetterseite hin bemoost. Er war an den Stamm gefesselt, und an einem Kabel hing eine verrostete Pistole herab. Vom Kopf keine Spur.

Da erinnerte sich die Familie von Paul Lehner an ihren Opa, vermisst gemeldet seit 29 Jahren, zwei künstliche Hüftgelenke hatte er auch.

Nichts mehr war von ihm zu finden

Wie er da hinaufgekommen war mit seinen 69 Jahren? Sie stellten sich vor, dass er wohl keine elf Meter geklettert sei, sondern mit dem Baum in die Höhe gewachsen ist. 29 Winter und 29 Sommer lang stak er an dieser Fichte, festgebunden wie Odysseus an seinen Mast, und wuchs unaufhaltsam dem Himmel entgegen im Tempo einer deutschen Fichte.

Wer ist der Tote vom Baum? Der Tote vom Baum ist der Vater von Monika Eichstett, der Opa seiner Enkel Monika, Andrea, Klaus und Corina, er ist Bäcker, Soldat, Erfinder. Paul Lehner.

Paul Lehner schrieb im Juli 1980 einen Abschiedsbrief und war aus der Welt.

Er war so vollkommen aus der Welt, dass man nichts mehr von ihm fand, nicht das Rad, mit dem er herausgeradelt war, nicht die Plastiktüten, die er auf dem Gepäckträger hatte, nicht die Pistole und seinen Körper schon gar nicht.

Dass er weg war, merkte man in Gündlkofen, Bayern, im Haus, das er mit seiner Tochter, deren Mann und seinen vier Enkeln bewohnte, am ehesten am Garten, der innerhalb kürzester Zeit verwilderte, am Gras, das ungeschnitten wuchs. „Er ist uns abgegangen“, sagt seine Tochter. Klar, weil er vorher immer da gewesen war. Aber gezweifelt hat sie nie. Nicht daran, dass er tot war, nicht daran, dass er sich mit der fehlenden Pistole erschossen hatte. „Ich habe immer gedacht, er kennt vielleicht noch einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg“, dahin sei er gegangen.

Nie hatte man etwas gehört

Der Opa war tot, offensichtlich, und doch belebte er die Fantasie der vier Enkelkinder mit der Vorstellung, dass er dort draußen irgendwo läge. Bei dem Gehölz, wo sie immer mit ihm das Kartoffelfeuer gemacht hatten, sie hatten die Idee von etwas Weichem, in das sie vielleicht treten, bei den Büschen am Bahndamm. Beim Laufen durch den Wald mit der ganzen Fußballmannschaft.

Und, hat man was gehört?, fragten die Nachbarn. Nie hatte man etwas gehört. 29 Jahre nicht. Nach einer Weile zogen die Mädchen unten in seine Wohnung ein. Und der Enkel Klaus entdeckte, dass er ein Talent hat für die genaue Arbeit eines Sattlers. Die Enkelinnen suchten sich Männer, interessierten sich für Fingernägel und Permanent Make-up. Wenn sie in den Wald gingen, sagten sie zum Spaß, kommt, wir gehen den Opa suchen. Sie machten ihren Führerschein und lernten, wie man aus der Kurve heraus beschleunigt. Kinder wurden geboren. Beziehungen scheiterten. Paul Lehner blieb verschwunden. Bis jetzt.

Man müsse sich vorstellen, dass er in ein Fichtendickicht gegangen ist, das ist enges Gehölz, da findet einen niemand, sagt Klaus Kiefl, der Enkel.

"Sucht mich nicht"

Er holt die Fotos, die er aufbewahrt hat, die drei, die es gibt vom Opa. Einmal jung und zweimal alt. Das Spektakulärste zeigt ihn umgeben von zwei Frauen, links von ihm sitzt seine Freundin Emmi. Seine Hand hält einen Zigarillo, vor ihm ragt ein Champagnerkübel ins Bild. Das ist der alte Paul Lehner, der gern reiste und auf Kaffeefahrten Einmachgeschirr und Topfsets kaufte. Mindestens drei Betten hat er besessen. Und da ist ein Bild von ihm als junger Mann in Lederhosen mit zwei Freunden und einem herausfordernden, zweideutigen Blick. „Komisch“, sagt Klaus Kiefl, „jetzt, wo sie ihn gefunden haben, ist die Geschichte plötzlich wieder interessant.“

Die Erinnerungen kommen zu ihm zurück: Ein Streit darum, wer beim Bau einer Fertigteilgarage im Garten hilft. Er sieht Gefäße voller Fruchtsaft, entsaftete Johannisbeeren, eine Maschine im Keller, für die der erfinderische Opa mal ein Patent angemeldet hat. Er erinnert sich auch an eine merkwürdige Distanz zum Opa, der oft grimmig war, „eher wie ein Almöhi“. Nicht, dass die Familie dauernd an ihn gedacht hätte. Na, wo der wohl ist, haben die Nachbarn immer mal gesagt. Als vor sechs Jahren eine Leiche aus der Isar gezogen wurde, erschraken sie kurz. Aber jetzt, jetzt kommen die Erinnerungen zurück wie in 29 Jahren nicht.

Seine Enkelin Corina erinnert sich, wie sie zu ihm wollte, am Tag, als er verschwand. Da war sie zehn Jahre alt. Sie kam vom Sportfest, um ihm die Siegerurkunde zu zeigen, denn dafür gab es zwei Mark, „sonst hat man ja nie was gesehen“, und da sieht sie auf dem Tisch einen Brief liegen mit einer nach rechts unten abfallenden Schrift. Eine gute halbe Seite handelte von seiner Krankheit, dann: „Sucht mich nicht, wo ich bin, bin ich gut aufgehoben.“ Und sie läuft nach oben, um zu erzählen, und durch die andere Tür kommt ihre Schwester Andrea, „Opa, Opa, Essen ist fertig“, und entdeckt auf dem Tisch ein zweites Mal den Brief. Auch sie liest: „Sucht mich nicht, wo ich bin, bin ich gut aufgehoben.“

Alle hatten etwas gehört

Dass etwas nicht stimmte, war ihnen klar, denn die Türen standen offen, und sonst hatte Opa immer so gut abgeschlossen, auch sein Geldbeutel war noch da, den er sonst jede Nacht zusammen mit der Pistole unter seinem Kopfkissen hatte. Die Pistole jedoch war weg.

Er sprach noch, das fand die Polizei später heraus, mit der Nachbarin Frau Hagel: „Wohin?“ – „Ein bisschen fort.“ Und mit der Postbotin: „Herr Lehner, wie geht’s?“ – „Ach, nicht so gut.“

„Das Problem war dann, dass alle etwas gehört hatten“, sagt Corina. Alle möglichen Leute hatten ihn überall gesehen, 100 Kilometer entfernt an einer Tankstelle mit seinem Fahrrad und der Plastiktüte auf dem Gepäckträger. Schüsse hatte man auch gehört. Aber das, sagt sie, hätten ja auch Startschüsse vom Sportfest sein können, auf dem sie sich gerade ihre Siegerurkunde erlief.

Dass er keinen Kilometer Luftlinie entfernt oben am Hang über Gündlkofen in einem Baum saß, hat natürlich keiner geahnt. Die Tochter, inzwischen 64, fragt sich, ob er wohl in Richtung ihres Hauses geschaut hat. Und Corina und Andrea, inzwischen 38 und 41 Jahre alt, sagen okay, fahren wir hin. Jahrelang haben ja alle immer nach unten geguckt, in die Büsche, die Böschungen, und dabei an etwas Weiches gedacht, doch er, er ist immer da oben über ihnen gewesen, seine Kleidung längst zu einem Kokon erstarrt. Er ist ja nicht gehangen und schon gar nicht gebaumelt, so hilflos wie die Erhängten mit ihren blauen Zungen, er hat da oben auf einem Ast gesessen. „Eigentlich ganz gemütlich.“

"Kalt wie ein Fisch"

Sie stellen sich vor, wie Paul Lehner hinter dem Sportplatz ein paar hundert Meter in den Wald hinaufging. Er betrat ein immergrünes Fichtendickicht, wählte einen Baum, stieg hinauf, setzte sich auf einen Ast, band seinen Oberkörper an den Stamm und befestigte auch die Pistole mit einem Kabel, um zu garantieren, dass nichts von ihm herunterfiel.

Förster sagen, er muss alle elf Meter geklettert sein. Ein Baum wächst ja nur aus der Krone heraus, er schiebt kein Holz von unten nach.

Corina sagt, ihr Opa habe sich wahrscheinlich sogar gefreut, dass er es allen noch mal gezeigt hat, und stapft auf dem weichen Nadelboden um die Fichte herum. Pflanzen auf Friedhöfen, sagt sie, sollen auch deshalb so gut wachsen, weil zu ihren Wurzeln so gute Nahrung liegt. Ist es in dieser Hinsicht nicht auffällig, dass die Fichte hier in der Gruppe merklich die dickste ist?

Nur ein Naturliebhaber wie er hat so in den Wald gehen können, nur ein Tüftler wie er hat auf die Idee kommen können, sich derart festzubinden, und die Pistole noch dazu. Und nur einer, der so kalt war wie er, hat einen solchen Plan zu Ende bringen können. Sie erkennt darin den Opa, der ihr vom Krieg erzählt hat, wie sie in Russland den Pferden die Bäuche aufgeschlitzt und sich hineingelegt hätten, um nicht zu erfrieren. „Kalt war er auch“, sagt Corina, „kalt wie ein Fisch.“ Und da ist eine gewisse Feierlichkeit in ihrer Stimme, so etwas wie Bewunderung für einen, der es vermocht hat, so seinen Willen durchzusetzen. Ein Widder halt, wie sie selbst, der erst gefunden wurde nach 29 Jahren, drei Tage vor seinem 98. Geburtstag.

Der Tod färbt auf sein Leben ab

Und so unverständlich ihnen allen anfangs sein Verschwinden war, so gut scheint sich dieser Tod jetzt zu seinem Leben zu gesellen. Es ist auch, als hätte der starke Eindruck dieses Todes herübergefärbt auf sein Leben und auch diesem Leben im Nachhinein etwas Grandioses verliehen.

Am 2. April 1912 als einer von sechs Geschwistern in Leonhardshaun geboren. Vater: Johann Lehner, Landwirt. Mutter: Helena Lehner, katholisch. Am 3. Februar 1944 Heirat mit Johanna Lehner, Verkäuferin, geschieden 1954.

Monika Eichstetter, 64, geboren in Ergoldsbach, ist die Tochter aus dieser Ehe und steht am Karfreitag 2009 im blauen Rauch, der aus der Pfannkuchen-Pfanne steigt. Und obwohl sie Pfannkuchen lange nicht hat sehen können, denn ihr Vater hat sie immer gemacht – „Jeden Freitag, immer Nudelsuppe und Pfannkuchen“ –, macht sie sie heute selbst.

Und dann erzählt sie, wie sie schon früh wusste, dass ihr Vater eigentlich keine Kinder hat haben wollen. Aber da sie, die seit ihrem neunten Lebensjahr bei ihrer Mutter aufwuchs, nun einmal da war, verbrachte sie die Ferien bei ihm, dem Bäcker in Ergolding. Der sperrte sie, wenn sie etwas anstellte, in den Gärraum, wo die Hefebrote gingen.

Über den Tisch gehen Erinnerungen hin und her

Und trotz allem wohnten sie, als er 1980 verschwand, schon sechs Jahre gemeinsam in einem Haus mit den vier Enkeln. Lehner nämlich hatte seiner Tochter schon zu Lebzeiten sein Haus überschrieben – sie konnten darin mietfrei wohnen, dafür erhielt er ein Leibgedinge, das heißt, er hatte das Recht, zu wohnen, gepflegt zu werden und bei der Familie mit zu essen bis zum Tod. Es war, sagt Monika Eichstetter aus dem Pfannkuchendunst, natürlich auch nicht einfach für einen Mann, der nicht einmal Kinder hat haben wollen, nun mit vier Enkeln in einem Haus zu leben.

Der hat sich gern gestritten, sagt seine Tochter. Er war ein schwieriger Charakter, ein verschlossener Sonderling.

Zehn Jahre mussten sie warten, bis das Haus verkauft werden konnte, so lange, wie es dauert, bis ein Verschwundener für tot erklärt werden kann. Was, wenn er eines Tages zurückgekommen wäre und nach einer warmen Mahlzeit verlangt hätte, wie es sein Recht war?

Und jetzt gibt es Pfannkuchen mit selbst gemachter Erdbeermarmelade, und über den Tisch gehen die Erinnerungen hin und her. Wie der Opa trotz seiner Kälte diese Sympathien für die hatte, die waren wie er. Die Freundlichkeit, mit der er den Langhaardackel behandelte, der hatte es mit den Hüften. Und von den Enkeln war ihm die mit dem schlimmen Rücken die liebste. Die Tochter holt das Hochzeitsfoto vom Opa aus dem Wohnzimmer: Wie ernst er in diese Ehe ging, die nur neun Jahre gehalten hat! Und mit den Köpfen über dem alten Bild geht ihnen jetzt auf, wie ähnlich der Enkel Klaus seinem Opa ist, in seinem Ausdruck, dem Haaransatz, dem Gesicht und vor allem der Art. Der sei wie der Opa, wenn er nicht kriegt, was wer will. Ein Steinbock der Klaus, ein Widder der Opa, zu den Widdern noch Stiere in der Familie, und dass es schwierig sei in einer Familie so voller Hörner.

Sein einziger Luxus war seine warme Wohnung

Aber als Opa, da war er gut, sagt Corina. Er hatte einen Hasen im Garten und hat mit den Enkeln Kartoffelfeuer gemacht und Suppen voller selbst gesammelter Pilze. Sie wünschte sich sehr, ihr Kind hätte einen Opa, der sich in der Natur auskennt wie er. Wenn dieser Opa nämlich aus einer Weide eine Pfeife schnitzte, dann hat sie wirklich gepfiffen.

Vielleicht hatte er Schmerzen, über die er nicht geredet hat, so jedenfalls sah seine krakelige, abfallende Schrift auf dem Abschiedsbrief aus. Dass ein tödlicher Tumor in seinem Bauch gesessen ist, hat ihnen der Arzt erst nach seinem Verschwinden erzählt.

Seinen Kaffeefilter hat er sonntags ausgewechselt – hat sie das schon erzählt?, fragt die Tochter. Wie er sich sonntags einen frischen Kaffeefilter aufgegossen und dann die ganze Woche den Filter benutzt hat. Eine Woche lang wurde der Kaffee täglich dünner. Und wie er sich morgens Wasser hat einlaufen lassen, ruft Corina, in ein verstöpseltes Waschbecken, und dann den ganzen Tag darin immer wieder seine Hände gewaschen hat. So kniepig war er.

Sein einziger Luxus war seine warme Wohnung, sagt die Tochter. Gott, war es immer warm bei dem da unten, vollkommen überheizt, das lag daran, dass er Bäcker gewesen war.

Aber schade sei es doch gewesen, dass man die 100 000 Mark auf seinem Konto zehn Jahre nicht hat anrühren können. Auf einem gescheiten Konto hätte es Zinsen gebracht.

Und dann holen sie das Familienstammbuch heraus und wollen ganz genau wissen, wie jetzt eigentlich die Familie zusammenhängt, und da ruft Corina, der hat ja Paulus geheißen, gar nicht Paul, und die Mutter will es sehen, und es stimmt, da steht es in altdeutscher Schrift. Niemand hat gewusst, dass er ein Paulus war. Und vielleicht ist der Opa jetzt lebendiger, als er es je war.

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