Selfstorage : Im Zwischenspeicher

Immer mehr Leute haben zu viel von allem. Davon profitiert eine junge Branche: die Selfstorage-Häuser. Ein Rundgang zwischen Sitzsack und Apfelwein.

Lydia Grummt stapelt in ihrem Selfstorage-Raum Apfelwein aus Hessen.
Lydia Grummt stapelt in ihrem Selfstorage-Raum Apfelwein aus Hessen.Foto: Mike Wolff

Wenn Anke Becker nach Hause will, verlässt sie ihre Wohnung und fährt ein paar Stationen mit der S-Bahn. Von der Warschauer Straße läuft sie zu einem Gebäude, das wie ein riesiger Schiffscontainer aussieht, sie tippt ihren achtstelligen Zugangscode in eine Metalltastatur, fährt mit einem Lift in die erste Etage und geht einen Gang mit orangefarbenen Türen entlang. An der letzten Tür bleibt sie stehen. Wenn Anke Becker sie öffnet, fallen ihr Bretter entgegen, die vor kurzem noch ihr Bett waren. Sie ist daheim.

Anke Beckers Leben stapelt sich auf sechs Quadratmetern in der Box Nummer 1605, Selfstorage-Anlage Stralauer Allee, Friedrichshain. Alles, was Anke Becker besitzt, steckt da drin: das Bücherregal, die durchsichtige Tasche mit der Kleidung, obenauf ihr „Super-Woman“-Shirt, die Holzgiraffe aus dem Afrikaurlaub, der senffarbene Sitzsack aus Leder, 30 Umzugskartons, gerollte Teppiche, und irgendwo, unter all dem Zeug, ein schwarzes Abendkleid. „Jedes Mal, wenn ich die Box aufmache, will ich hierbleiben“, sagt sie.

Zurzeit wohnen Anke Becker und ihr Mann Graham zur Zwischenmiete. Sie schlafen in einem fremden Bett, frühstücken an einem fremden Tisch und sind umgeben von Souvenirs aus Ländern, die sie nie besucht haben. Kurz vor ihrem Umzug von London nach Berlin platzte der Mietvertrag für die neue Wohnung. Die beiden fanden eine Ersatzunterkunft, nur für ihre Umzugskartons war dort kein Platz. Irgendwo mussten die hin, bloß nicht in einen feuchten Keller, lieber hinter eine orangefarbene Tür.

Hinter diesen Türen hier stecken Schicksale. Glückliche, wie ein neuer Job für Anke Becker. Traurige, wie Trennungen, Wasserschäden oder Wohnungsbrände. Dass so viele Menschen einen Stauraum brauchen, sagt der Vorsitzende des Verbands deutscher Selfstorage-Unternehmen Wolfgang Köhnk, liege am Platzmangel in der Großstadt. Keller werden zu Souterrains und Dachböden zu Lofts ausgebaut. Gleichzeitig steigen die Mieten.

Deshalb geht es der hiesigen Branche gut. Im europäischen Vergleich wächst der deutsche Markt am schnellsten. Republikweit gibt es 241 000 Quadratmeter anmietbare Staufläche, verteilt auf 59 Objekte, das haben die Immobilienmarktforscher von „Bulwien Gesa“ ausgerechnet. Wobei sich die Hallen in Metropolen wie Hamburg oder Berlin ballen.

Als Anke Becker einen Platz für ihre Kisten suchte, war die Selfstorage-Halle ihre erste Wahl. In Streatham, einem Arbeiterviertel in Süd-London, wo sie die vergangenen Jahre gelebt hatte, steht alle paar Meilen ein solcher Container. 200 Stück gibt es schon im Großraum London, in Berlin sind es erst 20. Wegen der zentralen Lage entschieden sich Anke Becker und ihr Mann für die Anlage in Friedrichshain. Für das Paar öffnete die Geschäftsführerin bereits einen Tag vor der offiziellen Eröffnung eine Box: Nummer 1605 für 133 Euro im Monat.

Vor ein paar Tagen war Anke Becker wieder dort, sie musste an ihre Notfallkiste, die sie mit Bedacht ganz zum Schluss in die Box geräumt hatte. Der Earl Grey aus England war alle, außerdem brauchte sie ihren Fön. Als sie nach der Arbeit durch die Gänge tappte, draußen war es schon dunkel, war sie froh, dass die Anlage wie in London videoüberwacht war.

Dass die Selftstorage-Hallen in Deutschland gefragt sind, habe auch ein historische Dimension, sagt der Architektursoziologe Harald Bodenschatz. „Zeitgenossen besitzen mehr als die Generationen zuvor“, sagt er. Selten gab es so viele Friedensjahrzehnte hintereinander. Selten konnten Menschen so viele Sachgüter anhäufen. Dies, sagt Bodenschatz, habe zu einer großen Erbewelle geführt. Die Deutschen besitzen heute so viel, dass ihnen die 40 Quadratmeter Wohnfläche nicht mehr reichen, die sie durchschnittlich zur Verfügung haben.

Die, die zu viel besitzen, sind die Lieblingskunden der Selfstorage-Betreiber. Denn sie mieten ihre Boxen dauerhaft – als Erweiterung ihrer Wohnungen. Sammler sind darunter, die ein paar tausend Schallplatten sicher und trocken unterstellen wollen. Oder Menschen, die einfach zu viel von allem haben: Bestecksets, Schirme, Staubsauger, farblose Schuhcreme, Digitalkameras, Ladegeräte. Es sind Menschen, die schon alles versucht haben, um ihren Besitz zu bändigen. Sie haben Stapel gebaut, Kartons gepackt und Beutel gefüllt – und diese durch die Wohnung geschoben. Immer mit der stillen Hoffnung, in einer Ecke täte sich ein schwarzes Loch auf, um das ganze Zeug zu verschlucken.

Ursprünglich richtete sich das Angebot der Selfstorage-Firmen an jene, die berufsbedingt oft ihren Wohnsitz wechselten. Die Geschäftsidee, erklärt der Verbandsvorsitzende Wolfgang Köhnk, entstand in den 70er Jahren in US-amerikanischen Garnisonsstädten. Von dort aus brachen die Soldaten zu ihren Auslandseinsätzen auf. Für die Zeit, die sie in Übersee waren, brauchten sie einen Platz für die Dinge, die ihr Zuhause ausmachten. Heute, so scheint es, leben viele ein Soldatenleben. Der moderne Mensch ist mobil, sein Leben voller Brüche: Auslandssemester, Praktikum, Trennung, beruflicher Neustart.

Für Lydia Grummt ist der Abstellraum ein zweiter Arbeitsplatz. Auf dem Weg zu ihrer Box öffnet sie mit spitzen Fingern eine frisch gestrichene Tür, dabei erzählt sie, dass die Spezialitäten, die sie hier lagert, aus einem Familienbetrieb im Taunus stammten. Lydia Grummt ist 28, hat einen blonden Pferdeschwanz und eine kurze Weste mit einem Innenfutter aus Fell. Mit ihr könnte man sich bis zum Umfallen betrinken, so viel Apfelwein steht in ihrer Box. Es sind Proben, mit denen sie Berliner Spätkaufläden und Bars abläuft. Drei Mal pro Woche holt sie Kisten aus dem Lager: süßer und herber Apfelwein, Cider und Apfelbrause.

Was sich sonst in den Boxen stapelt, wissen die Betreiber selten. Laut Vertrag geht es sie auch nichts an. Verboten sind nur Dinge, von denen normale Menschen ohnehin Abstand nehmen, etwa Sprengstoff. Ansonsten herrscht Diskretion, es gibt weder Kontrollen noch Stichproben. Der Vermieter schaut auch nicht in die Umzugskartons, die seine Mieter in die Wohnungen schleppen. Nur ein einziges Mal habe Wolfgang Köhnk das Vorhängeschloss eines Kunden aufsägen müssen. Als die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor ihm stand. Die Box, erklärten die Beamten, sei rechtlich ein Bestandteil der Wohnung.

Anke Becker freut sich auf den Moment, in dem der Inhalt ihrer Box ein richtiges Zuhause ausfüllt. Wenn aus den losen Brettern wieder ihr Bett wird und die Holzgiraffe einen Platz im Regal bekommt. Dann wird Anke Becker den Ärger darüber vergessen, dass sie kürzlich eine Einladung zum Dinner absagen musste. Der offizielle Dresscode lautete „black tie“. Kein Fall für die Notfallkiste. Um an ihr schwarzes Kleid zu kommen, die passende Strumpfhose und den richtigen Mantel, hätte sie die ganze Box auf den Kopf stellen müssen.

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