Zeitung Heute : Seltsam sein

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Plötzlich umringten sie mich: zwölf junge Damen mit engen Tops, knappen Hosen und sonnengebräunter Haut. In den Händen hielten sie blaue Plastikpuschel, mit denen sie um meinen Kopf herumwedelten. Es war der letzte heiße Sommertag in Berlin. Und ich war in etwas Seltsames hineingeraten, das ich nicht durchschaute.

Ich war am Ostbahnhof, um einem Freund, der an diesem Vormittag eine Zugreise durch das sonnendurchflutete Land antrat, etwas Wichtiges mitzugeben. Doch in der Halle, in der ich ihn treffen wollte, drängten sich Hunderte Menschen mit Luftballons, auf einer Bühne sangen Sänger alte Schlager. Plakate hingen von der Decke: „Heute ist Bahn-Tag.“ Ich beobachtete das Spektakel, als ein Moderator die Cheerleader von Alba Berlin ankündigte. Da tanzten sie also mit ihren blauen Puscheln und plötzlich, als die Musik zu Ende war, entdeckte ich eine Frau, die ich zu kennen glaubte. Ich ging nach vorn, um sie zu begrüßen, da hielt mir der Moderator ein Mikrofon entgegen und fragte: „Wie heißen Sie, junger Mann?“ – Ich stockte. „Robert, warum?“ Der Moderator lächelte: „Du hast ein Fotoshooting mit diesen Mädels gewonnen. Hier und jetzt.“ Das weibliche Publikum vor der Bühne applaudierte, die Männer schauten mich böse an. „Und, Robert, bist du jetzt glücklich?“, fragte der Moderator. Ich sagte nichts, hockte mich aber artig vor die Cheerleader, die mit ihren Puscheln um meinen Kopf herumwedelten. „So, bitte lächeln!“

Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber irgendwie gerate ich immer öfter in seltsame Situationen. Vielleicht liegt das an dem Buch, das ich gerade lese. Eigentlich ist es kein Buch, sondern eine schwarze Broschüre, die mir kürzlich ein Freund in die Hand drückte. „Lies das mal“, sagte er, doch das stellte sich als nicht so einfach heraus. Denn auf jeder Seite stehen Fragen, die, liest man sie genau, das Weiterlesen erschweren. Sie sind so seltsam. Beispiele: Erledigt sich alles von selbst? Warum geschieht nie nichts? Spinnt eine Spinne mit Gefühl?

Vielleicht sollte ich mal die Perspektive wechseln, dachte ich mir, als ich keine Antworten fand. Und so beschloss ich, für einige Stunden meinen Alltag auszutauschen und für einen Abend als Aushilfskellner zu arbeiten. „Hier lernst du die Welt kennen“, sagte die nette Bedienung, bevor sie mir erklärte, wie man Bier und belegte Stullen an die Tische bringt. Ich warf mir einen schwarzen Kittel um, nahm einen Block und einen Stift und ging zum ersten Tisch, zu meinen ersten Kunden. „Was darf ich Ihnen bringen?“, fragte ich mit nervöser Stimme ein junges Paar, das in der Ecke der Kneipe auf einem Sofa saß und sich konzentriert unterhielt. „Nichts“, antwortete die Frau und warf mir einen bösen Blick zu. „Wir wollen unsere Ruhe haben.“ Hatte ich etwas falsch gemacht?

Ich ging zur Theke, legte den Block zur Seite und griff zum kleinen schwarzen Buch. Ich schloss die Augen, schlug irgendeine Seite auf und las die Frage, die da stand: Durchschaut man mich? Die nette Bedienung sah mich an und antwortete: Nein.

Peter Fischli, David Weiss: Findet mich das Glück? Verlag der Buchhandlung Walther König, 9,95 Euro.

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