Zeitung Heute : Seltsame Mädchen im engen Anzug

Alva Gehrmann
Streifenschön. Kitty Von-Sometime (links) filmt Frauen in Spandex. Foto: Juliana E. Keller
Streifenschön. Kitty Von-Sometime (links) filmt Frauen in Spandex. Foto: Juliana E. Keller

Eine bunt geschminkte Gruppe von Frauen erkundet einen riesigen Wasserfall und wandert durch moosbedeckte Lavalandschaften. Die langen Bänder an ihren karierten, hautengen Kostümen flattern heftig im Wind. Es ist eine mystische und eigenartige Welt, die im Video „Love the Earth“, „Liebe die Erde“, gezeigt wird. Gemacht hat sie Kitty Von-Sometime. Die 35-jährige Engländerin lebt schon seit 2006 in Island, hier gründete sie auch das Weird Girls Project.

„Weird“ bedeutet fremd, bizarr, komisch, sonderbar und merkwürdig. Mindestens eines davon trifft auf jede der 15 Episoden zu, die sie bisher gemacht hat. Es geht Kitty in ihrem fortlaufenden Kunstprojekt darum, dass die Frauen sich in ihrem Körper wohlfühlen und ihre bisherigen Grenzen überwinden. Deshalb kleidet sie ihre Darstellerinnen gern in enge Spandex-Kostüme.

„Ich bin selbst besessen von Spandex“, erzählt sie. Die erste Folge drehte Kitty noch bei sich zu Hause mit einer kleinen Kamera, sie lud ein paar Freundinnen ein und improvisierte. Inzwischen bereitet sie jede Episode akribisch vor – die Choreografie, die Kostüme, die Drehorte. „Das ist die deutsche Seite an mir“, scherzt Kitty, deren Großmutter Deutsche ist. Auch das Equipment und das Team wurden im Laufe der Zeit immer größer.

Mit jedem Projekt entstehen völlig neue Bilder. Neben romantischen Episoden gibt es Videos, in denen die Weird Girls riesige Hasenköpfe tragen und sich in Schneelandschaften duellieren. Die Musik ist mal elegisch, mal mit Technobeats unterlegt.

So genau das Team die jeweiligen Folgen plant, die Frauen selbst kennen nur das Datum. Alles andere erfahren sie erst am Tag selbst. Wo sie drehen, welches Kostüm sie tragen und worum es in der Episode überhaupt geht. „Das Hauptelement des Projektes ist, sich auf das Unbekannte einzulassen“, sagt Kitty. Die meisten Weird Girls sind keine Schauspielerinnen oder Models, so war es gerade für manche kurvige Frau zunächst eine Herausforderung, sich in engen Kleidern zu präsentieren. In einer Episode waren sie sogar fast nackt. „Nach anfänglicher Schüchternheit fühlten sie sich aber völlig frei. Es stärkte ihr Selbstvertrauen“, sagt Kitty. Das Projekt ist längst Kult geworden. Und so bekommt die Engländerin Einladungen zu internationalen Festivals. Auch die Warteliste der Frauen, die gerne ein Weird Girl sein wollen, wird immer länger. Manche, die schon dabei waren, rufen Kitty gelegentlich an und fragen: Kann ich bald wieder in einen Spandex-Anzug schlüpfen? Alva Gehrmann

Für das Greifswalder Festival „Nordischer Klang“ entstand eine Episode mit deutschen Darstellerinnen, die dort am 3. Mai Premiere feiert.

Infos unter www.nordischerklang.de

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