Zeitung Heute : Senat plant Schwerpunktschulen für Französisch

Der Tagesspiegel

Von Susanne Vieth-Entus

Berlins Eltern müssen künftig bereits vor der Einschulung ihrer Kinder entscheiden, welche erste Fremdsprache ihr Kind lernen soll. Das Französische soll nämlich vorrangig an Schwerpunktschulen konzentriert werden. Dies ist eine Konsequenz aus der Vorverlegung des Fremdsprachenerwerbs von Klasse 5 auf Klasse 3. Mit der Benennung von Schwerpunktschulen soll vermieden werden, dass sich die wenigen Französisch-Interessierten auf zu viele Schulen verteilen, sodass die Lerngruppen zu klein würden. Die Bildung von Schwerpunktschulen ist unter Pädagogen derart umstritten, dass die Senatsschulverwaltung das betreffende Rundschreiben seit Wochen zurückhält.

Viele Grundschulleiter befürchten, dass die soziale Entmischung ihrer Schulen forciert wird, wenn die traditionell aus bildungsnahen Elternhäusern kommenden „Französischkinder“ bereits ab Klasse 1 den „normalen“ Grundschulen verloren gehen. Schon jetzt betrachten es die Grundschulen mit Sorge, dass sie leistungsfähige Kinder nach Klasse 4 an die grundständigen Gymnasien verlieren. Mit den Schwerpunktschulen würden sie einen weiteren Teil der Leistungsträger verlieren. Denn die Erfahrung zeigt, dass es vor allem potenzielle Gymnasialkinder sind, die sich für das als schwierig geltende Französisch entscheiden.

„Im Prinzip kommt diese Entwicklung der Einführung von Vorklassen fürs Gymnnasium gleich“, schlussfolgert GEW-Chef Ulrich Thöne. Zur Begründung verweist er darauf, dass Französisch als erste Fremdsprache an keiner Hauptschule und nur an sehr wenigen Realschulen unterrichtet wird. Thöne kritisiert außerdem, dass Eltern infolge der Einführung von Schwerpunktschulen ab Schuljahr 2003/04 schon vor Eintritt in die erste Klasse die erste Fremdsprache wählen müssen. Falls sie die falsche Wahl treffen, müssen sie ihr Kind nach der zweiten Klasse umschulen.

Die Sprecherin von Bildungssenator Klaus Böger (SPD), Rita Hermanns, lehnte gestern eine Stellungnahme zu den Neuregelungen ab. Zur Begründung sagte sie, dass das Rundschreiben noch nicht fertig abgestimmt sei. Es sei „stillos“, dass die GEW zu einem bloßen Entwurf eine Stellungnahme schreibe.

Intern gilt es allerdings als ausgemacht, dass die Schwerpunktschulen kommen. Deshalb wurde der Landesschulbeirat bereits um eine Stellungnahme gebeten. Außerdem haben etliche Schulräte längst ihre Schulleiter benachrichtigt. Infolge dieser Benachrichtigung braut sich seit Wochen in einigen Schulen eine ablehnende Stimmung zusammen. Dies ist auch der Grund dafür, dass Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) das Rundschreiben noch nicht unterzeichnete.

Härtel muss es vielen Recht machen. Einerseits ist da die genannte Angst vor der sozialen Entmischung. Andererseits gibt es die „Französisch-Lobby“: Die Französischlehrer, frankophile Eltern und – allen voran – die französische Botschaft würden Sturm laufen, wenn man den fremdsprachlichen Frühbeginn aufs Englische beschränken würde. Das wissen Böger und Härtel bereits aus leidvoller Erfahrung. Deshalb haben sie sich jetzt entschlossen, Französisch weiterhin zuzulassen, während Latein, Spanisch und Russisch nicht als erste Fremdsprache gewählt werden können.

Auch so wird es für das Französische nicht leicht sein, zu überleben. Bisher war es möglich, Französisch ab Klasse 3 im Rahmen des eher spielerisch angelegten „fremdsprachlichen Frühbeginns“ zu wählen und dann gegebenenfalls in der fünften Klasse etwa auf Englisch umzuschwenken. Dies entfällt, indem künftig bereits ab Klasse 3 offiziell mit der ersten Fremdsprache begonnen wird, die dann beibehalten werden muss. Als Folge könnte es passieren, dass noch weniger Kinder als bisher Französisch wählen. Im laufenden Schuljahr waren es immerhin noch 2600 von 47 000 Drittklässlern.

Um die Sprache künftig im Berliner Schulwesen fest zu verankern, sei es wohl nötig, die Interessierten an Schwerpunktschulen zusammenzufassen, vermutet Dieter Kühn, Schulleiter der Johannes-Tews-Grundschule in Zehlendorf. Aber auch er sieht die Gefahr sozialer Entmischung, wenn die Französisch-Kinder von Klasse 1 an aus den übrigen Schulen herausgezogen werden. Noch mehr Angst haben allerdings die Pädagogen in den sozialen Brennpunktschulen. „Da türkische Kinder erfahrungsgemäß nicht Französisch wählen, werden wir die wenigen deutschen Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern an die Schwerpunktschulen verlieren“, fürchtet ein Neuköllner Schulleiter.

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