Zeitung Heute : Sendboten des Unmenschlichen

Ein jordanischer Fernsehsender hat Geständnisse der Verdächtigen gezeigt. Ablauf und Planung des Anschlags scheinen damit geklärt zu sein. Aber warum passen dann die Details nicht wirklich zusammen?

Andrea Nüsse[Amman]

Das Hauptquartier des jordanischen Geheimdienstes liegt hinter einem Hügel außerhalb von Amman. Ein lang gestreckter Bau aus dem typischen hellen Stein, aus dem die Häuser in Amman gebaut sind. Zufahrtsstraßen sind stets weiträumig abgesperrt. Das idyllische Bild steht in starkem Kontrast zu den angeblichen Geständnissen der mutmaßlichen Terroristen, die am Montag um 21 Uhr im jordanischen Fernsehen gesendet wurden: Demnach soll die Gruppe, die seit Anfang April in Jordanien gejagt wird, den größten Terroranschlag seit dem 11. September vorbereitet haben. Zum Beweis zeigte das Fernsehen in seiner 20-minütigen Sondersendung ein Lager mit hunderten blauen Plastikkanistern, an einem weißen Kanister war die Aufschrift „Sodium acide“ zu lesen.

Etwa drei Minuten lang wurde ein Video mit dem Geständnis des Hauptverdächtigen Asmi al Dschajusi gezeigt. Darin erklärt der unrasierte Mann im blauen Hemd sehr ruhig Werdegang und Terrorpläne. Demnach sollten sechs Fahrzeuge mit Sprengstoff in die Nähe des Geheimdienstquartiers bewegt werden. Von einem PKW aus sollten mit Granaten (RPG) die Sicherheitsbarrieren zerstört werden, damit die Lastwagen bis vor den Haupteingang vorfahren können. Als weitere Ziele nannte ein Kommentator den Sitz des Premierministers und die US-Botschaft, beide Gebäude liegen mitten in Amman. Ein anderer Verdächtiger erklärte, man habe ihm gesagt, dies solle der erste chemische Anschlag von Al Qaida werden. Der mutmaßliche Mittäter Ahmad Samir sagte, er habe zwei Monate in einem Labor auf einem Fabrikgelände bei Ramtha nahe der jordanisch-syrischen Grenze Sprengstoff hergestellt.

Es ist äußerst ungewöhnlich, dass die jordanischen Behörden Geständnisse von Verdächtigen im Fernsehen zeigt, bevor sie vor Gericht stehen. Möglicherweise wollen sie damit die Zweifel der Bevölkerung an einem angeblich vereitelten Terroranschlag ausräumen, den König Abdallah am 13. April bekannt gegeben hatte. Er hatte damals erklärt, dank „göttlicher Hilfe“ sei ein Anschlag von bisher in Jordanien „unbekannten Dimensionen“ verhindert worden. Weitere Einzelheiten wurden nicht bekannt, Regierungsvertreter schätzten die Zahl möglicher Opfer damals auf bis zu 20000 Menschen.

Viele Jordanier hatten Abdallah nicht geglaubt und darin ein Manöver gesehen, von den Preis- und Steuererhöhungen abzulenken, die Anfang April in Kraft getreten waren. Nach den Details, die am Montagabend verbreitet wurden, sieht es anders aus. Von der Fernsehsendung erhofft sich die Regierung wohl, die Bevölkerung davon abzuhalten, Extremisten zu unterstützen.

Dennoch bleiben viele Fragen offen. Wie konnten Lastwagen mit Sprengstoff die gut kontrollierte syrisch-jordanische Grenze passieren? Warum wurden sie nicht gleich abgefangen, wenn man von ihrer Existenz wusste? Wieso gibt al Dschajusi an, man habe Autos und Chemikalien in Jordanien besorgt? Wieso soll der isoliert liegende und gut bewachte Sitz des Geheimdienstes Ziel des Anschlags gewesen sein? Jedes sich nähernde Fahrzeug ist von weitem zu beobachten und das Gebäude ist damit alles andere als ein „weiches Ziel“. Wie kommen die Behörden auf die Zahl von bis zu 80000 Toten, wenn das Ziel so isoliert auf freiem Feld liegt ?

Sicher ist, dass der jordanische Geheimdienst und die Sicherheitskräfte effizient funktionieren. So erklären die Behörden, dass es bisher kaum Terroranschläge in Jordanien gegeben hat – sie wurden einfach alle verhindert.

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