Zeitung Heute : Senioren: Experten im Un-Ruhestand

Günter Hoffmann

Die pensionierte Internistin Karola Groch aus Berlin kannte so etwas nur aus dem Fernsehen: kein elektrischer Strom, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, Müllberge. Bei ihrer Ankunft vor zwei Jahren im 1200 Einwohner zählenden Dorf Thatta Ghulamka Dhiroka in Pakistan fragte sie sich: "Warum tue ich mir das eigentlich an?" Wegen der vielen Tuberkulosefälle, der Mangelerkrankungen, der chronischen Infektionen und der hohen Säuglingssterblichkeit. Die 61-Jährige sollte eine örtliche Nichtregierungsorganisation beim Aufbau einer Gesundheitsstation unterstützen. Sie machte es gern, denn sie wollte "die Zeit meiner Rente sinnvoll nutzen."

Das ist auch das Motiv für die meisten der 5200 Senioren, die im Auftrag des "Senior Experten Service (SES)" ihr in langen Berufsjahren erworbenes Wissen weitergeben. Weltweit und ohne Bezahlung. Sie beraten bei technischen Problemen, unterstützen die medizinische Versorgung, installieren Produktionsanlagen oder qualifizieren das örtliche Personal. Ihr Motto: Hilfe zur Selbsthilfe. Der SES, eine gemeinnützige Organisation der deutschen Wirtschaft, wurde 1983 gegründet. Rund 10 000 Einsätze in 139 Staaten haben die Senior Experten seitdem geleistet. "In unseren Einsatzländern steigt der Bedarf", sagt SES-Geschäftsführerin Susanne Nonnen, "und in Deutschland nimmt das Potenzial an erfahrenen und engagierten älteren Menschen zu."

Rolf Legerlotz erinnert sich noch genau an seinen ersten Einsatz: "Als ich 1994 den ersten Anruf des SES erhielt, habe ich mich riesig gefreut, dass ich wieder etwas tun konnte und nicht mehr zum alten Eisen gehöre." Er war gerade 58 Jahre alt geworden und sollte für acht Wochen in eine Gießerei nach Lima. Ein Jahr zuvor war Legerlotz als technischer Leiter einer Magdeburger Stahlgießerei abgewickelt worden: "Es ist eine unbeschreibliche Aufwertung, doch wieder gebraucht zu werden." Nach seinem Auftrag in Peru folgten Einsätze in Bolivien, Bulgarien Mexiko und China. 1999, zum 50. Jahrestag der Volksrepublik, bekam er den "Freundschaftpreis der VR China" verliehen: die höchste Auszeichnung für Ausländer. Zum Zeitpunkt der offiziellen Verleihung war er schon wieder in einem anderen Einsatz.

Wie Groch und Legerlotz machen sich täglich vier bis fünf Senioren auf die Reise, ihr Durchschnittsalter: 64 Jahre. Sie alle sind Spezialisten in ihrem Fach, Ingenieure, Lehrer, Ärzte, Chemiker oder auch Banker, Rechtsanwälte, Steuer- und Versicherungsexperten. Rund sechzig Prozent der Einsätze entfallen auf die Entwicklungs- und Schwellenländer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, 30 Prozent auf Mittel- und Osteuropas und zehn Prozent auf das Inland. Die Kosten für Flug, Unterkunft und Verpflegung werden von den Auftraggebern getragen, teilweise auch von der öffentlichen Hand, der EU und dem SES-Förderverein.

Auch im Inland besteht Nachfrage, vor allem in den Bereichen Handwerk, Handel und Dienstleistungen. Im Sommer wandte sich Joachim Lauber, Geschäftsführer eines Automobilzulieferers im brandenburgischen Rathenow, an den SES. Ob sie ihm einen Spezialisten vermitteln könnten, der ihn bei der Einführung der ISO Norm 9000 unterstützen könnte. Als Automobilzulieferer musste Lauber die Produktion nach dieser Norm ausrichten. Der SES konnte helfen. Horst Westermann, 69 Jahre, pensionierter Diplom-Ingenieur aus dem Stuttgarter Raum, nahm den Auftrag an. Sechs Wochen lang machte er Bestandsaufnahme, listete alle Arbeitsgänge auf, fasste die Ergebnisse in einem Handbuch zusammen. "Es hat haargenau gepasst, was Westermann uns vorgeschlagen hat", sagt Lauber. Damit spricht er für viele. "Die Zufriedenheit der Auftraggeber liegt bei über 90 Prozent", berichtet Susanne Nonnen.

Der SES unterhält bundesweit zwölf Regionalbüros, um die nationalen Aktivitäten zu koordinieren. International haben sich im vergangenen Jahr die Seniorendienste aus 15 Mitgliedsstaaten der EU zur "Konföderation Europäischer Senior Experten Dienste (CESES)" zusammengeschlossen. Für sie sind weltweit 24 000 Senioren tätig.

Karola Groch fliegt inzwischen jährlich zwei Mal ins Punjab, organisiert Medikamente, medizinisches Gerät, erarbeitet Ausbildungspläne, akquiriert Gelder für den Aufbau einer Wassserversorgung. Für Groch wäre das "der schönste Erfolg meiner Arbeit, wenn sie uns nicht mehr brauchen".

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