Zeitung Heute : Senioren im Netz: Feierabend.com

Holger Schlösser

Gerda, eine "aufgeschlossene und jung gebliebene 85-Jährige", möchte einen flotten Begleiter für gemeinsame Unternehmungen finden, und Mausy88 weist potenzielle Partner vorsorglich schon mal darauf hin, dass sie "keine Frau für eine Nacht" ist. Neben Themen wie Gesundheit oder Wohnen im Alter widmen sich die Besucher von SeniorWeb mit besonderer Vorliebe der Partnersuche. "Die Leute sprechen heute offen über ihre Wünsche, auch Sexualität ist kein Tabu mehr", erklärt Dr. Wilhelm Vollmann, 61, der Projektleiter für die deutsche Sektion des Internet-Portals für Menschen über 50.

Das Online-Portal liegt voll im Trend. Die am stärksten wachsende Community im Internet ist laut den Markforschern der GfK nicht etwa die Generation @, sondern die der Großeltern. Während die Zahl der 20 bis 29-Jährigen zwischen Februar und August 2000 nur um 0,5 Prozent zulegte, registrierte die GfK bei den 60 bis 69-Jährigen einen Anstieg von 1,8 Prozent. Und die ältere Generation lässt sich nicht mehr von High-Tech-Geräten abschrecken, die für den Online-Zugang nötig sind. "Ältere sind sehr stolz darauf, wenn sie die neuen Technologien beherrschen. Das Surfen im Internet stärkt ihr Selbstbewusstsein", so Vollmann, der auf seiner Website am Wochenende bis zu 4000 Besucher zählt.

Die Senioren-Website an der Uni Bonn arbeitet nicht gewinnorientiert, betont Wilhelm Vollmann, der ohnehin bezweifelt, dass in dem Bereich viel Geld zu holen sei. Zielgruppenspezifische Banner-Werbung sei wenig lukrativ, und dass Organisationen wie die Caritas in Zukunft Heimplätze etwa über spezielle Webmakler verkaufen, sei kaum wahrscheinlich. Schließlich könne der Bedarf an entsprechenden Wohnungen schon heute nicht mehr gedeckt werden - der Einsatz neuer Technologien werde daran nichts ändern.

Ganz so pessimistisch denken private Anbieter wie der AktivService Hamburg AG (ASH) über die Perspektiven von Senioren-Angeboten im Internet nicht. "Die Über-50-Jährigen machen das Gleiche im Netz wie alle anderen. Mit dem Unterschied, dass sie über mehr Geld verfügen und länger im Netz verweilen als die Jüngeren", sagt Michael Schubert, 43, Vorstandsvorsitzender der ASH AG. Die Grundvoraussetzung, um attraktive Werbeflächen zu vermieten, sei also durchaus gegeben.

Sein Unternehmen bereitet sich gerade auf das Internet-Zeitalter vor. Bereits heute können seine Kunden Informationen etwa über die Pflegeversicherung abfragen. Später sollen sie auch die verschiedenen Dienstleistungen online buchen können, die der Pflegedienst anbietet. Neben Essen auf Rädern oder dem Reinigungs-Service sollen die Pensionäre auch den Klempner oder das Theaterticket bequem online ordern und bezahlen können. Als Ziel des Online-Ausbaus seines Unternehmens sieht Schubert spezielle Shops für Ältere - und die Vermietung von Werbebannern. Geht alles nach Plan, wird es 2004 oder 2005 so weit sein. Dann will Schubert mit seinem Hamburger Dienst auch in die zehn größten Städte Deutschlands expandieren.

Schwarze Zahlen mit seiner Internet-Präsenz schreibt Feierabend.com bereits. Mit inzwischen zwei Millionen Page-Impressions pro Monat und 150 000 Visits ist die Feierabend AG der nach eigenen Angaben größte virtuelle Seniorentreff in Deutschland. Dieser bietet Informationen über Hobbies, Freizeit, Geld und Finanzen und natürlich die obligatorischen Chat-Räume. Das Internet-Angebot wird finanziert über Sponsoring und Bannerwerbung. Der Umsatz lag im August 2000 bei über 120 000 Mark. Und bis zum Jahresende 2001 erwartet das Unternehmen Monatsumsätze von durchschnittlich 150 000 Mark.

Eine Entwicklung, die vor drei Jahren kaum jemand für möglich hielt. Damals hätten ihn die Geldgeber noch ausgelacht, als er ihnen seine Idee einer Senioren-Community im Internet präsentierte, sagt Gründer und Vorstandsvorsitzender Alexander Wild, 34. Schließlich fand sich doch noch ein Business Angel. Eckbert von Bohlen und Halbach, Geschäftsführer der Bohlen Industrie GmbH, stattete Wild mit 500 000 Mark Venture Capital aus. Den Rest steuerte der Unternehmer aus eigener Tasche bei.

Wild meint, die Interessen von Senioren zu kennen - schließlich beschäftigte er sich schon als Student mit Seniorenmarketing. "Sie genießen das Leben, sind neugierig, reiselustig und interessiert an allem Neuen - auch dem Computer". Die "Riesenberührungsängste" der Großeltern, wenn sie den ausrangierten PC vom Enkel bekommen, sind schnell überwunden. Die anfängliche Scheu weiche schnell der Begeisterung für das neue Medium, wenn sie merken, dass dieses "Jugendding Internet" relativ einfach zu bedienen sei.

Künftig will die Feierabend AG neben dem Portalgeschäft auch neue Geschäftsfelder wie die eCommerce-Beratung besetzen. Der Senioren-Spezialist Wild möchte Konzepte für Unternehmen entwickeln und realisieren, die per Internet die Zielgruppe der 50plus erreichen wollen. Zu seinen Kunden zählen unter anderem die Deutsche Telekom, die Bahn AG, Nestlé und Schwäbisch Hall.

Zuletzt hat Wild den Web-Auftritt für die DAB Direktanlage-Bank München neu konzipiert und die Webseite www.dab-kompakt.de vor allem übersichtlicher und ruhiger gestaltet. "Senioren finden auf einen Blick die für sie relevanten Produkte", sagt Wild. Ob diese Rücksicht allerdings auf Gegenliebe stößt, ist zumindest fraglich. Nach Auffassung von Dr. Vollmann vom Seniorweb brauchen Ältere keine speziellen Webangebote. "Nichts hassen Senioren mehr, denn als Senioren abgestempelt zu werden."

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