Zeitung Heute : Senioren: Perspektiven für die zweite Berufshälfte

Rainer Spies

Älteren Beschäftigten wird immer noch eine stetig abnehmende Leistungs-, Innovations- und Lernfähigkeit unterstellt. Dabei haben Untersuchungen - etwa von Professor Ursula Lehr oder auch das Forschungsprojekt "Demographischer Wandel" - ganz andere, durchaus positive Charakteristika nachgewiesen. Monika Birkner, Coach für Fach- und Führungskräfte ab 45, hat eine andere Perspektive. Von positiven Pauschalurteilen über "Silberhaare" oder - ganz modern - auch "best agers" hält sie genauso wenig wie von negativen. Die Beraterin: "Das Älterwerden ist ein sehr individueller Prozess. Es gibt 50-Jährige, die ideenreich, innovativ und einsatzbereit sind, und 30-Jährige, die keine beruflichen Ambitionen mehr haben".

Doch im Wettbewerb um Positionen und Aufgaben müssen die "best agers" unbedingt konkret aufzeigen, was Erfahrung heißt. Die Beraterin aus Frankfurt: "Beim Eigenmarketing muss Erfahrung in aktuellen Nutzwert übersetzt werden. Ein Mitarbeiter kann etwa darauf verweisen, in unterschiedlichen Marktsituationen seinen Umsatz gesteigert zu haben oder über exklusive Kundeninformationen und ein umfangreiches Beziehungsnetzwerk zu verfügen." Die Stärken älterer Mitarbeiter sieht die Beraterin vor allem im Umgang mit Komplexität und Veränderungssituationen, in professioneller Gelassenheit sowie Kommunikations- und Integrationsfähigkeit. Birkner: "Im Laufe ihres Berufslebens machen viele die Erfahrung, dass es verschiedene Wege zum Ziel mit jeweils spezifischen Vor- und Nachteilen gibt." Diese Kompetenz sei bei der Entwicklung breiter Lösungsansätze in Teams oder Projekten von unschätzbarem Wert - auch für die eigene Berufsplanung.

Individuelle Standortbestimmung

Für viele stellt sich in der Mitte ihres Berufslebens die Frage, wo im Unternehmen ihr Platz sein wird, wenn sich Aufgaben schneller als früher verändern, Führungspositionen rarer werden und statt beruflichem Daueraufstieg ein Zugewinn an Kompetenz gefragt ist. Birkner sagt: "Karriere muss neu definiert werden. Älteren Mitarbeitern können dabei Aufgaben wie die Betreuung von Projekten und Beratungstätigkeiten übertragen werden". Allerdings möchte die Juristin ältere Mitarbeiter nicht allein darauf reduzieren: "45-Jährige können und wollen noch etwas ganz Neues anfangen".

Dem Ziel der individuellen Standortbestimmung und Zukunftsplanung dienen inzwischen etablierte Entwicklungsprogramme der Unternehmen. "Pro 40 ist ein Self-Assessment, in dem die Mitarbeiter ihre Stärken aufbereiten und Entwicklungsmöglichkeiten für die zweite Berufshälfte erarbeiten", erläutert Michael Heuser, Leiter der Lufthansa School of Business. Bisher haben 400 Mitarbeiter der Lufthansa an den Workshops teilgenommen. Wichtiger Bestandteil des Seminars ist die Frage, was von den älteren Mitarbeitern in Zukunft erwartet wird.

In der Vergangenheit hat so manches Unternehmen vernachlässigt, das Fachwissen der älteren Mitarbeiter permanent zu aktualisieren. Zukünftig, sagt Martin Heuser, sei die zielgruppenspezifische Ansprache gefordert: "Ältere sind nicht lernunfähiger als jüngere, aber sie lernen anders." Neben der betrieblichen Verantwortung ist aber auch das Engagement der älteren Mitarbeiter selbst gefragt. Der Workshop "Kompass" der Deutschen Bank spricht Mitarbeiter über 40 an, "die es noch einmal wissen wollen". Christine Szogas, Projektleiterin im Personalbereich: "Wir ermutigen die Mitarbeiter, Treiber ihrer eigenen Entwicklung zu werden". Im Rahmen von "Kompass" sollen die Mitarbeiter ihre individuellen Karrierewerte erkennen. Szogas erklärt: "Wir wollen die Mitarbeiter bis zum Rentenalter motiviert an Bord halten und ihnen auch über das übliche Ruhestandsalter hinaus innovative Formen der Zusammenarbeit anbieten."

Neue Aufgaben werden in Zukunft auf die Führungskräfte zukommen. Wenn Know-how und innovativer Eifer auf praktische Erfahrungen und Gelassenheit treffen, "prallen erst einmal unterschiedliche Werte und Weltbilder aufeinander", sagt Birkner. Jüngere Vorgesetzte und ältere Mitarbeiter müssten bereit sein, voneinander zu lernen.

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