Zeitung Heute : Seniorenteller und sonst keine Ideen

Barbara Bierach

Karl-Heinz hat kein Photohandy und keinen i-Pod. Er mag Softdrinks ebensowenig wie Light-Bier und kauft sich höchstens einmal im Jahr ein Paar neue Turnschuhe. Sein Auto ist älter als seine Enkel und seine Möbel sind Prä-Ikea. Seit 1983 benutzt er immer dieselbe Sorte Deo. Aus Sicht der Marketingexperten ist der gerade pensionierte Mann eine Nullnummer, festgefahren und ausgebrannt. Sein Kleiderschrank ist sowieso schon zu voll — ebenso wie sein Dachboden und Keller. Werbung beeinflusst ihn ungefähr so intensiv wie ein Parteitag der Chinesischen KP, denn mittlerweile hat er kapiert, dass der Kauf einer anderen Zahnpasta ihn nicht schöner macht. Angesichts von Karl-Heinz gehen die meisten Marketingmenschen in die Knie und konzentrieren sich lieber auf die Gruppe zwischen 14 und 49, bei der man mit intelligenten Kampagnen angeblich noch was reißen kann.

Das ist unklug, weil Karl-Heinz und die anderen Baby-Boomer noch viel Lebenszeit vor sich haben. Bald gibt es in Deutschland mehr Leute über 65 als unter 15 — und viele von ihnen verfügen über ansehnliche Mittel. Die vermehren sich auch noch, denn die Eltern dieser Generation sind mittlerweile gebrechlich und starten gerade den größten Vermögenstransfer der Geschichte. Kurzum: Eigentlich müssten sich alle, die derzeit über maue Geschäfte klagen, auf diese Gruppe stürzen wie Hummeln auf blühenden Flieder.

Senioren haben Geld und sie wären willig, es auch auszugeben. Das könnte Umsätze schaffen und damit Arbeitsplätze — aber den meisten Unternehmen fallen in dem Zusammenhang meist nur Berufe rund um die Altenpflege ein. Irgendwie scheint eine ganze Generation von Produktverantwortlichen zu glauben, der 60. Geburtstag sei so eine Art Verfallsdatum. Dabei halten sich viele Leute jenseits dieser Grenze heute eisern fit, kleiden sich sorgfältiger als ihre Kinder, reisen um die halbe Welt und lesen all die Bücher, zu denen sie früher nicht gekommen sind. Sie kaufen weniger, aber qualitätsvollere und teurere Ware.

Bloß dass das in der Wirtschaft noch nicht recht angekommen ist. So wie der Gastronomie nichts besseres einfällt, als „Seniorenteller“ anzubieten, richtet sich das Gros der Produkte und Dienstleistungen an die Küken unter 39. Gelegentlich stellt sich die Frage, wer hier eigentlich den Zug verpasst hat — die Baby-Boomer oder die Verantwortlichen, die es nicht schaffen, Produkte und Dienstleistungen für eine Gruppe mit Zeit und Geld zu entwickeln? Am Ende haben alle die Kunden und Umsätze, die sie verdienen.

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